Museum Ludwig: Eine tröstliche Illusion

Am Eingang heißt es barsch: „Ich kaufe nichts“. So hat der Kölner Maler Andreas Schulze ein Gemälde getauft, auf dem viele wunderliche Dinge auf einem Tisch versammelt sind: eine grüne Schlange mit Kulleraugen, ein glitzerndes Kruzifix, eine Miniaturgiraffe, ein bemalter Teller, der Buchstabe „a“, eine Perlenkette. Kasper König gefiel dieses Stillleben und seine Botschaft so sehr, dass er es für das von ihm geleitete Museum Ludwig anschaffen ließ. Leicht abgewandelt könnte der Bildtitel auch als Motto über Königs Sammlungstätigkeit in den letzten zwölf Jahren stehen: „Ich kaufe in der Regel nichts.“ Im Vorfeld seiner Abschiedsausstellung sagte König: „Es gibt nur sehr wenig gute Kunst. Das Wesentliche ist, was man nicht tut.“

Am Anfang seiner Amtszeit am Museum Ludwig tat Kasper König etwas auf entwaffnende Weise Verwegenes: Er hielt der Stadt und ihren Bürgern eine Wunschliste in Form einer Ausstellung unter die Nase. Katharina Fritsch steuerte damals die Idee bei, die zur Anschaffung empfohlenen Werke mit silbernen Titelschildern zu versehen, die sich, hatte sich ein Stifter gefunden, wie im Märchen in goldene verwandeln sollten. Ganz oben auf der Liste stand Philip Gustons Gemälde „Complications“, das wie eine still vergnügte Trophäe im Foyer der an diesem Samstag eröffneten Bilanzausstellung „Ein Wunsch bleibt immer übrig“ hängt. Angekauft wurde es mit Hilfe der Peter und Irene Ludwig Stiftung, was insofern ein schiefes Bild ergibt, weil Königs „Museum der Wünsche“ das gesamte Kölner Bürgertum erfolgreich einbezieht.

Intelligentes Außenseitertum

Als Kasper König im November 2000 ans Museum kam, fand er eine Sammlung vor, die maßgeblich durch die Interessen der Namensgeber geprägt war: Pop Art, Russische Avantgarde, Pablo Picasso. Ein Kanon, den König durch eine „intelligente Außenseitersammlung“ zeitgenössischer und nach dem Zweiten Weltkrieg entstandener Kunst ergänzen wollte. Für diese Arbeit an der Balance der Sammlung gewann er viele Unterstützer, sei es die Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig, die Freunde der Art Cologne, der Junge-Ankauf oder das Kuratorium Wallraf-Richartz-Museum und Museum Ludwig. Mit seinem Enthusiasmus begeistert er auch konservative Kunstfreunde für Werke wie Heimo Zobernigs zwölfteiligen Farbstreifen-Zyklus, auf die diese von allein vielleicht nicht gekommen wären.

Für seine Bilanz hat Kasper König nun eine persönliche Auswahl von rund 80 Werken getroffen, die einerseits nur die Spitze eines 2000 Arbeiten umfassenden Eisbergs ist, andererseits aber einen wunderbaren Einblick in seine Amtszeit bietet. Als oberster Sammler des Museums Ludwig steht König für eine Kunst, die sich zum intellektuellen Sammelsurium bekennt, manchmal auch zum schrägen Ideenverhau und zum Chaos, in das nur eine konsequent subjektive Weltsicht die tröstliche Illusion von Ordnung bringt.

Kunstvolle Antikunst

Königs bevorzugte Chaosbändiger sind die Sammler unter den Künstlern: Matt Mullican, der unzählige Fundstücke in „18 Betten“ nach einem vermutlich nicht mal ihm völlig verständlichen System gruppiert. Oder Hans-Peter Feldmann, der für die Ausstellung eine Auswahl aus dem Museumsdepot getroffen hat. Bei ihm stehen eine fein säuberlich freigenagte Brotkruste, der Kölner Dom in Seifenform und ein Kartenhaus nebeneinander auf Podesten. Eine Reihe schmuckloser Fotografien von Fahrgastzellen – unter dem Titel „Autoradios, während gute Musik läuft“ zusammengefasst – beschließt diesen herrlichen Reigen kunstvoller Antikunst.

Feldmann passt auch zu einem weiteren Schwerpunkt in Königs Sammlungstätigkeit: die konzeptionelle Kunst. Sie wendet sich nicht bestimmten Themen zu, sondern den Grundlagen und Grenzen der Kunst selbst. Das hat den Vorteil, dass sie nie modisch und somit für den musealen Geldbeutel unerschwinglich wird und zugleich immer aktuell bleibt. König hat exemplarisch einige Bilder von On Kawara herausgesucht – sie geben nichts als ein Datum an – und neben Ed Ruschas mit Brombeersaft gemalten Schriftzug „A Boulevard Called Sunset“ gestellt. Gleich gegenüber thematisiert Gary Kuehn mit seinem „Straw Pillow“ – ein Strohballen und ein Kopfkissen aus Gips – augenzwinkernd den Gegensatz von Form und Material: Die Form verspricht etwas anderes, als das Material halten kann.

Gleich daneben hängen drei aufs Äußerste reduzierte Gemälde von Raoul De Keyser. Überhaupt ist viel Malerei zu sehen. Beinahe entschuldigend sagt König, die Ausstellung sei gediegener als geplant. Kasper König ist das Museum der Wünsche mittlerweile zu einem Haus der Erinnerungen geworden. Mit dem Museum Ludwig schrieb er eine Erfolgsgeschichte, die vielleicht nur einem „antiinstitutionellen Typ“ (König über sich selbst) gelingen konnte. „Ich weiß auch nicht, warum die Stadt mit mir den Bock zum Gärtner gemacht hat“, so König. Warum auch immer, er hat den Garten glänzend bestellt.

Museum Ludwig in Köln, bis 4. November. www.museum-ludwig.de