BerlinEs ist der wohl größte Angriff auf Kunst in der nachkriegsdeutschen Geschichte: Am 3. Oktober – das Pergamonmuseums hatte seine Tore nach mehrmonatiger, pandemiebedingter Schließung gerade erst wieder für Besucher geöffnet – bespritzte einer oder mehrere Täter mindestens 63 antike und andere Kunstobjekte in insgesamt vier Museumseinrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Darunter waren ägyptische Statuen und Sarkophage sowie griechische Götterbildnisse. Die Waffe: eine farblose, offenbar ölhaltige Flüssigkeit. Betroffen waren das Neue Museum, das Ägyptisches Museum und Papyrussammlung, das Pergamonmuseum sowie die Alte Nationalgalerie.  

Warum man seitens der SPK nun zwei lange Wochen wartete, bis man die Nachricht des Anschlags auf diese Kulturschätze publik machte? Immerhin handelt es sich um eine öffentliche Stiftung: Warum also die Öffentlichkeit außen vor lassen? Diese Frage lag den Journalisten auf der SPK-Pressekonferenz am Kolonnadenhof vor dem Neuen Museum verständlicherweise am drängendsten auf den Lippen. Carsten Pfohl, der Leiter jenes Teilbereichs des LKA Berlin, dem auch das Kunstkommissariat unterstellt ist, hat darauf eine eindeutige Antwort: Tataufklärung benötigt seine Zeit.

Zudem habe man zuallererst die privaten Leihgeber informieren und das Videomaterial der Überwachungskameras auswerten müssen. Aus Letzterem ließen sich leider keine Schlüsse ziehen. Dennoch: „Für mich als Ermittler war es am wichtigsten, erst mal zu versuchen, die Tat aufzuklären.“ Ob der Täter – polizeilich geht man derzeit von einer Einzeltätertheorie aus – die Tat mit einer Quaste in der Hand ausführte, mit einer Wasserpistole, mit einer verdeckt getragenen Spritzflasche oder gar mit einer Blume am Revers, wie man sie aus dem Zirkus kennt, zu all dem ließe sich zu diesem Zeitpunkt noch nichts Näheres sagen. Kurzum: Man weiß nichts.

Das Einzige, das bestätigt auch Christina Haak, Stellvertretende Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin, was zu diesem Zeitpunkt klar sei, ein Umstand, der die Vertreter der SPK zusätzlich beunruhigt, ist, dass der Tat kein erkennbares Muster zugrunde liegt. So seien etwa nicht nur Darstellungen nackter Körper angegriffen worden, was zumindest gewisse Rückschlüsse über ein etwaiges religionsfanatisches Motiv zugelassen hätte.

Auch ein Bekennerschreiben sucht man bislang noch vergeblich. Ob der Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann, der vor dem Anschlag in einer Telegram-Gruppe propagiert hatte, das Pergamonmuseum sei Zentrum der „globalen Satanisten-Szene und Corona-Verbrecher“, hinter dem Anschlag stehe, ob er Anhänger zu einer solchen Tat aufgehetzt haben könnte, darüber will man zu diesem Zeitpunkt weder seitens der Polizei, noch der SPK spekulieren. Der Verdacht liegt nahe.

Klar ist, dass über 3000 Besucher an jenem 3. Oktober die betroffenen Museen besuchten. Knapp 1400 verkaufte Tickets waren online vorbestellt und personalisiert worden. Dass von den über 2000 anderen Gästen, die ihr Ticket im Tagesverkauf erwarben, keine personalisierten Daten vorhanden sind, wirkt vor dem Hintergrund der ansonsten allgegenwärtigen Corona-Beschränkungen merkwürdig. „Das ist genau wie im Supermarkt“, kommentierte der Leiter des Sicherheitskonzepts der SPK, Hans-Jürgen Harras, „wenn sie da was einkaufen, hinterlegen Sie ja auch keine Daten“.

Im Supermarkt verbringe ich in der Regel aber auch nicht mehrere Stunden, so könnte eine freie Antwort lauten. In vielen der größeren Berliner Kultureinrichtungen wie etwa dem Deutschen Historischen Museum oder der Akademie der Künste muss man auch als nicht-vorab-registrierter Besucher beim Ticketkauf pandemiegerecht seine Daten angeben. Jetzt müssten sich die Staatlichen Museen zu Berlin auch Fragen nach ihren Sicherheitsvorkehrungen stellen lassen, kommentierte Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „Es ist zu klären, wie diese vielen Beschädigungen unbemerkt vonstattengehen konnten und wie solche Angriffe in Zukunft verhindert werden sollen.“

Zu der verwendeten Flüssigkeit sagte Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums, der Berliner Zeitung, sie sei nicht ätzend und definitiv ölig gewesen, genauere Angaben wolle man jedoch derzeit noch nicht machen. Man habe in der Zwischenzeit ein Prozedere entwickelt, die betroffenen Oberflächen rudimentär zu reinigen. Bis zur vollkommenen Wiedergutmachung könne es aber noch eine Weile dauern. Unter den beschädigten Objekten habe es sich nicht um Objekte gehandelt, die man als Spitzenexponate der Museumsinsel kennt wie etwa den Pergamonaltar.

Dennoch: „Das sind alles meine Kinderchen, ich habe sie alle lieb“, so Seyfried. Bei einer Führung durch einen Raum des Neuen Museums deutete sie etwa auf einen Sarkophag des Propheten Ahmose (Kalkstein, 332–330 v. C.), in dessen Mitte ein deutlicher Fleck sichtbar ist. Andere Verunreinigungen sind wegen des antiken Materials oft weniger schnell als solche erkennbar. 

Entgegen den Angaben der Wochenzeitung Die Zeit, wonach bei dem Anschlag auch Gemälde wie das Bild „Höllische Verdammnis“ des okkulten Malers Jean Delville beschädigt worden seien, sagte Seyfried und Haak der Berliner Zeitung, kein einziges Gemälde sei von den Ölspritzern getroffen worden. In der Alten Nationalgalerie seien lediglich Rahmen beschädigt worden.

Viele der Werke sind nicht versichert, dies sei beim Bund allgemein nicht üblich. Martin Hoernes von der Siemens-Kulturstiftung sicherte nun 100.000 Euro zu, um die Schadensregulierung zu erleichtern. Darüber sei man sehr dankbar.