Köln - Am Kunstmarkt wurde die Ankündigung als Sensation gehandelt: Bei Christie’s in New York werden am 12. November zwei frühe Werke von Andy Warhol, „Triple Elvis“ (1963) und „Four Marlons“ (1966), versteigert. Es ist höchst selten, dass solche Meisterwerke frei zum Verkauf stehen, weshalb Christie’s den möglichen Erlös für beide Bilder auf rund 130 Millionen Dollar schätzt.

Während diese Auktion in New York nur ein Ereignis ist, ist sie in Nordrhein-Westfalen mittlerweile ein Politikum. Denn die Warhol-Werke befinden sich im Besitz der Westdeutschen Spielbanken GmbH & Co. KG (Westspiel) in Aachen, einer Tochter der landeseigenen NRW-Bank. Mit dem Verkauf sollen Defizite ausgeglichen werden, die bei der Spielbank Aachen angefallen sind – für 26 Museumsdirektoren aus NRW liegt darin aber ein gefährliches Signal. In einem Brief, der dieser Zeitung vorliegt, appellieren die Direktoren an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und die Landesregierung, den Verkauf zu stoppen. Sie befürchten einen Präzedenzfall, der Land und Kommunen ermuntern könnten, Kunstwerke zu verkaufen, um ihren Etat durch die Einnahmen zu entlasten. „Damit wären der öffentliche und auch der Museumsbesitz nicht mehr sicher“, schreiben die Direktoren. „Unsere Kernaufgaben als Museen stünden zur Disposition: Das Sammeln und Bewahren der Kunst im Auftrag der Gesellschaft und für zukünftige Generationen.“

Warhol als Spielbank-Dekoration

Ausdrücklich wenden sich die Museumsdirektoren gegen das Argument der Landesregierung, die Warhol-Werke wären in den späten 70er Jahren lediglich als dekoratives Inventar für die Spielbank Aachen angeschafft worden. Vielmehr gehörten diese „zur Sammlungsgeschichte des Landes Nordrhein-Westfalen, die sich nicht nur in Ankäufen für Museen, sondern beispielsweise auch durch Kunst am Bau dokumentiert“. Und weiter: „Es handelt sich um hochrangige Kunstwerke, die sich mittelbar in Landeseigentum befinden und deren Anschaffung wesentlich im Zusammenhang mit der von Aachen ausgegangenen Pop-Art-Sammlung von Peter und Irene Ludwig zu verstehen ist.“

In ihrem Brief sprechen die Museumsdirektoren von einem „Tabubruch“ durch die Landesregierung und sehen auf lange Sicht den öffentlichen Kulturbesitz in Gefahr. Als Randnotiz erwähnen sie, dass der Verkauf der Warhol-Werke unter „Vermeidung der deutschen Mehrwertsteuer“ erfolgt – ein Punkt, an dem auch Henrik Hanstein, Inhaber des Kölner Kunsthaus Lempertz, mit seiner Kritik ansetzt. „Mit Norbert Walter-Borjans vergibt ausgerechnet derjenige Landesfinanzminister die Bilder zur Auktion nach Übersee“, so Hanstein, „der in Deutschland die Umsetzung der von der Bundesregierung längst beschlossenen Margenbesteuerung für den Kunsthandel verhindert.“