Es ist alles wieder da, was man an dieser Band einst so liebte, und doch wirkt ihre neue Musik nie nostalgisch; das ist weit mehr, als man erwarten durfte – nicht von einer Band, die es schon so lange gibt; und schon gar nicht von einer Band, die nach ihrer großen Zeit in den Achtzigerjahren nur noch so selten zusammen und zurück zu ihrer eigenen Tonlage zu finden vermochte.

Man könnte auch sagen: „Music Complete“ ist ein später Triumph. Schön silbrig schwelgen die Streicher über dem singenden Bass von Tom Chapman und der melancholischen Stimme von Bernard Sumner; es gibt grimmig knurrende Gitarren zu hören über schroffen Elektro-Beats, die stets doch einen sanften Groove in sich tragen; später hüpfen auch heitere House-Klaviere dahin wie in den sonnigsten Zeiten der Band. „Music Complete“ heißt das neue Album von New Order, das am Wochenende erschienen ist; es ist das erste New-Order-Album seit einem Jahrzehnt und das Beste seit ihrem chemisch glitzernden Acid-House-Großwerk „Technique“ aus dem Jahr 1989.

Fast 40 Jahre gibt es diese Band inzwischen. In ihrer ersten Inkarnation Warsaw, 1976 in Manchester gegründet, spielte sie einen ruppigen Punkrock; als wesentliches Erweckungserlebnis ihrer Jugend haben die Mitglieder stets das erste Sex-Pistols-Konzert in ihrer Heimatstadt angeführt. Auf ihrer ersten EP, „An Ideal For Living“, hießen sie 1978 schon Joy Division; als diese wurden sie in den folgenden zwei Jahren zur prägendsten, erfindungsreichsten, vor allem aber auch: kältesten Band der Post-Punk-Epoche.

Zu dem schroffen Gitarrenspiel Bernard Sumners und dem seltsam singenden, melodieführenden Bass Peter Hooks kündete der Sänger Ian Curtis mit dunkel umflortem, schmerzhaft strahlendem Bariton von Verzweiflung und Qual und einer Welt ohne Möglichkeiten; das epochale Debüt „Unknown Pleasures“ aus dem Jahr 1979 zählt ohne Frage zu den schwärzesten Platten der Popgeschichte bis heute.

„Blue Monday“

Im Mai 1980, kurz vor dem Erscheinen der zweiten LP „Closer“, nahm sich Ian Curtis das Leben. Sumner, Hook und der Schlagzeuger Stephen Morris musizierten als New Order weiter; sie brauchten ein paar Jahre, um sich aus der eigenen Depression und der depressiven Tonlage zu befreien. In New York lernten sie die gerade erblühende Disco-Szene kennen, mit „Blue Monday“ schenkten sie Ende 1982 der europäischen New Wave ihren beliebtesten Disco-Hit; mit seinem charismatisch knallenden Sequenzerbeat, dem Bass Peter Hooks und dem distanzierten Gesang von Sumner wirkt dieser Song auch 33 Jahre später noch, als hätte er gerade eben produziert sein können.

Aus der Kälte und dem Nihilismus des Post Punk fanden New Order, neugierig tastend und zugleich so bruchlos wie sonst keine andere Band jener Zeit, in die Euphorie und die Hitze der elektronischen Tanzmusik. Mit Singles wie „True Faith“ (1987) und dem Ibiza-Disco-geprägten „Technique“ brachten sie einer ganzen Generation von New-Wave-Hörern das Tanzen bei; der von ihnen betriebene Club The Haçienda in Manchester war gewissermaßen das britische Berghain jenes Jahrzehnts.

Anfang der Neunziger brach die Band auseinander, um ein paar Jahre später wieder zusammenzufinden, auf ihrem guten Comeback-Werk „Get Ready“ von 2001 rückten New Order noch einmal die Roheit ihres frühen Gitarrenrocks in den Vordergrund. Dann lähmten die Bitterkeit und der Streit zwischen den einstigen Freunden zu sehr die Musik, der Bassist Peter Hook verließ 2007 die Gruppe und tourt heute als solomusizierender Nachlassverwalter mit „originalgetreuen“ Aufführungen des Frühwerks durch kleine Clubs.

Die New-Order’schen Dramaturgien

Auf „Music Complete“ spielt den Bass erstmals Tom Chapman, der New Order schon früher auf Touren begleitete; Phil Cunningham, der bereits auf „Get Ready“ dabei war, ist als zweiter Gitarrist zu hören. Beide waren noch Kinder, als die erste Joy-Divison-Platte erschien, und doch haben sie sich mühelos in das Klangbild gefügt. Tatsächlich gibt es auf dem Disco-Stück „Plastic“ – nach einer schönen Kraftwerk-Reminiszenz zur Eröffnung – den besten New-Order-Basslauf seit Jahrzehnten zu hören, und auf „Tutti Frutti“ zitiert die Band die Funk-Disco von Nile Rodgers und Chic, die ihnen Anfang der Achtziger in New York den Weg aus dem Tal der Düsternis wies. Wenn man will, kann man die elf Lieder aus „Music Complete“ als Rekapitulation der eigenen Geschichte verstehen – der unterschiedlichen Produktionsweisen, Sounds und Temperaturen, die das Werk von Joy Division und New Order seit vier Jahrzehnten prägten.

Wer genauer hinzuhören vermag, genießt vor allem noch einmal die erstaunliche Eleganz der New-Order’schen Dramaturgien; die Lässigkeit, mit der Bernard Sumner seinen geradezu gleichmütigen Gesang gegen die Logik von Strophe-Refrain-Strukturen setzt und damit in jedem Song ein lebendiges inneres Ungleichgewicht erzeugt; das Understatement, mit dem New Order aus kleinen Details große Spannung zu erzeugen verstehen.

Viel wurde jüngst wieder über die Frage sinniert, wie man klassisches Songwriting und die repetitiven Strukturen der Clubmusik ineinander verfugt, ohne dass beide daran Schaden nehmen. New Order haben vor Jahrzehnten gezeigt, wie das geht, und wie man nicht nur körperbewegende Rhythmik und melodische Hooks miteinander verbindet, sondern auch Songs schreibt, die sich zum einsamen Hören zuhause ebenso eignen wie zum kollektiven Tanzen im Club.

Auf „Music Complete“ variieren sie diese Kunst mit altersweiser, aber nie matt wirkender Virtuosität, ein Eingedenken in die eigene Geschichte von den Anfängen bis in die Gegenwart. Das mitreißende „Singularity“ könnte ein altes Joy-Division-Stück sein, so dunkel und verloren sind seine Bilder vom Alleinsein im kalten All. Doch glänzt über den meisten Liedern doch wieder jener güldene Schimmer, für den wir New Order schon immer so liebten; jener Schimmer der Melancholie, in dem die Verzweiflung von einst spürbar bleibt und zugleich in Zuversicht aufgehoben ist. Und in der Freude über das eigene Überleben nach all den Qualen und Räuschen. Auf „Music Complete“ sind New Order nach langem wieder ganz bei sich selbst.