Es war einmal vor langer Zeit, heißt es am Anfang eines Märchens oft. Anders jedoch im englischen Musical zur Eurokrise, „Euro Crash“, wenn statt Hänsel und Gretel die Geschwister Gilda und Mark durch den Wald von Euroland irren. Dann bleibt zwar das Häuschen aus Lebkuchen erhalten, doch was dort drinnen geschieht, ist alles andere als lange her. Statt der Hexe hausen dort „Papa“ Helmut Kohl (Luke Storey) und seine Partnerin Madame Mitterand (Noor Lawson) als Leiter des größten Projekts in der Geschichte der Menschheit: Alle europäischen Länder sollen so eng zusammenarbeiten, dass sie irgendwann unter dem Dach einer gemeinsamen Währung friedlich und glücklich zusammen leben.

Gleich zu Anfang weiß der Euroskeptiker (Eddie Brown): Dieses Projekt wird scheitern. Aber weil ihm niemand glaubt, kann man eineinhalb Stunden lang dabei zusehen, wie er doch Recht behält. Während Mark (Stephen Emery) sich von Mitterand von der Schule überzeugen lässt, flüchtet Gilda (der Name klingt wie das englische Wort für Gulden, gespielt von RJ Seeley) zurück in den Wald und wird auf ihrem Weg von allerhand seltsamen und absurden Begebnissen im Euroland überrascht.

Autor David Shirreff lebt in Berlin und weiß als Korrespondent für das englische Wirtschaftsmagazin Economist, wovon er spricht. Quer durch das Stück verteilt er wahrheitsgemäße, mal mehr, mal weniger ernst gemeinte Hiebe auf das europäische Projekt. Wenn Nicolas Sarkozy und Angela Merkel („I’m Angela from Germany...“) singend versuchen, David Cameron vom Eurorettungsschirm zu überzeugen, oder Irland und Spanien Gilda mit mitleidigem Blick auf Griechenland erklären, wie Rating-Agenturen funktionieren („Er hat Doppel C!“), klopft sich das Publikum vergnügt auf die Schenkel – und das obwohl Deutschland durchaus sein Fett wegbekommt: Wenn beispielsweise ein Berliner Taxifahrer sich bei seinem Fahrgast darüber beschwert, dass ganz Südeuropa langsam zu Ostdeutschland wird und „good old Fritzi“ für alle zahlen muss, nur um dann festzustellen, dass der Fahrgast Grieche ist, oder wenn Papa Kohl mit aufgerissenen Augen seine komisch-ironische Hymne auf die Deutsche Bundesbank („Gott sei Dank to the Bundesbank!“) schmettert.

Das Stück ist durchzogen von ironisch formulierter Kritik an Deutschlands Rolle im Eurodesaster – besonders amüsant ist das, wenn deutsche Worte auf die britische Aussprache der Darsteller treffen. Am Ende betont der Euroskeptiker ungern, aber deutlich: „I told you so!“ Die Aktualität des Stoffs beeindruckt. Drei Wochen lang wurde vor der Uraufführung geprobt und direkt danach musste Shirreff den Text umschreiben und an die aktuellen Entwicklungen im wirklichen „Euroland“ anpassen.

Die englischsprachige Low-Budget-Produktion fand für ihren Berlin-Auftritt mit dem Prime Time Theater den passenden Ort, hier wirken ein spartanisches Bühnenbild und einfache Technik nicht wie abstrakte Kunst, sondern realistisch und publikumsnah. Man darf keine spektakuläre Show erwarten, statt eines Orchesters spielt nur ein Klavier, und die gesangliche Leistung der Damen klingt ab und an etwas holprig, aber in dieser Einfachheit liegt großer Charme.

Endlich kann man einmal so richtig über die große Katastrophe lachen und die Krise mit Humor nehmen. Zurück geht es ohnehin nicht mehr: „There’s no going back from the Euro!“

EuroCrash! The Musical. Noch einmal am 26. 1. Prime Time Theater