Es wurde nicht von der Uno ausgerufen und steht so in keinem Kalender. Doch in einem hübschen bunten Brief lasen Vergnügungssüchtige kürzlich, 2014 sei das „Jahr des Musicals“. Das Schreiben lud dazu ein, für Hamburg, Oberhausen, Stuttgart oder Berlin günstig Tickets zu erwerben. Unterzeichnet war es von Uschi Neuß. Sie ist seit September vergangenen Jahres Geschäftsführerin der Stage Entertainment Deutschland, des Marktführers im Bereich Musical hierzulande. Im Gespräch erklärt sie den Werbetrick mit Erfolgen, die gebündelt werden sollten: „Die Stage ist erstmals mit einer Eigenproduktion auf dem Broadway angekommen, mit ,Rocky’, und die Kritiken sind gut. Wir hatten interessante Jubiläen in Berlin, nämlich drei Jahre ,Hinterm Horizont’ und zehn Jahre ,Blue Man Group’. Und wir konnten das freudige Ereignis vermelden, in Hamburg mit dem ,Wunder von Bern’ ein neues Musical zu starten.“

Für Hamburg baut das Unternehmen sogar ein neues Haus am Hafen mit 1850 Plätzen. Gleichzeitig errichtet der Veranstalter Mehr! Entertainment nicht weit entfernt, in der ehemaligen Großmarkthalle, einen Saal für etwa 2000 Sitzplätze. Mehr! betreibt in Berlin den Admiralspalast als Gastspielstätte und neben Häusern in Bremen, Düsseldorf und Köln noch in Bochum das Starlight Express Theater mit dem seit 25 Jahren laufenden Rollschuh-Musical gleichen Namens. Der Chef dieses Unternehmens, Maik Klokow, ist ausgerechnet der Vor-Vorgänger von Uschi Neuß, bis 2008 stand er der Stage Entertainment in Deutschland vor. Sie reagiert professionell gelassen auf die Konkurrenz: „Da sehen Sie, was in Hamburg möglich ist.“

In Berlin geht derweilen ein Versuch zu Ende. Noch blickt zwar das riesige Pferdeauge am Theater des Westens treu auf die Vorübergehenden herab, noch spiegelt sich unter seinen Wimpern düsteres Kriegsgeschehen. Und Ende Juni gibt es dort eine Gedenkveranstaltung zum 100. Jahrestag des Attentats von Sarajevo. Doch das Theaterstück „Gefährten“ wird kein Dauerrenner. Am 28. September fällt der letzte Vorhang. Dann ist es ein Jahr lang gespielt worden.

Leichtere Unterhaltung in Berlin

Ist ein Jahr lang oder kurz? Das Vorgängerstück am selben Ort, der „Tanz der Vampire“, lief zwei Jahre, und das schon zum zweiten Mal. Im Stadttheater wäre eine En-suite-Spielzeit von einem Jahr eine Sensation. In London, wo das Pferde-Stück als „War Horse“ sogar die Queen amüsierte, wird es seit 2007 gespielt. Doch dort war die Buchvorlage von Michael Morpurgo wesentlich bekannter als hier, dort bedeutet Theater auch nicht gleich Hochkultur, die Grenzen zwischen den Genres sind fließender.

In Berlin erwartet man im Theater des Westens nun einmal leichtere Unterhaltung. Uschi Neuß spricht von einem „strategischen Ansatz“, mit dem das Pferde-Stück in Berlin auf die Bühne kam: um andere künstlerische Formen zu probieren. „Wir nennen das Live Entertainment. ,Gefährten’ ist ein Theaterstück mit Musik. Es hat uns sehr positiv überrascht, wie wir damit punkten konnten.“ Denn es seien neue Besucher gekommen, andere als zu den Shows.

Für die Zeit danach seien noch zwei Musicals in der engeren Wahl. In Hamburg steht seit Ende Januar fest, dass auch mit dem Stoff experimentiert wird. Denn das typische Publikum des Genres ist weiblich. „Das Wunder von Bern“, das nach dem Film von Sönke Wortmann entsteht, erzählt ja vom Fußball – für den sich traditionell mehr Männer interessieren. Die Stage-Chefin sieht das anders: „Das war nicht einfach nur ein Fußballspiel 1954. Es war ein historisches Ereignis, und das wird anhand einer Familie noch einmal aufgerollt. Vor allem, wenn man sich die internationalen Wettkämpfe anschaut, wenn es Public Viewing gibt, dann sieht man, dass Fußball keine reine Männersache ist. Von solch einem Event geht etwas Verbindendes aus. Das ist emotional sehr aufgeladen. Das ist etwas Tolles, das sich hervorragend für eine theatrale Umsetzung anbietet.“

Unterhaltung ist ein Wirtschaftsfaktor. Reiseveranstalter wünschen sich Verlässlichkeit im Spielplan, lang laufende Stücke. In Hamburg wurde das Genre Musical vor fast drei Jahrzehnten für Deutschland etabliert, angefangen hatte es mit „Cats“ und dem „Phantom der Oper“. Als in Berlin im März die „Blue Man Group“ ihr Jubiläum am Potsdamer Platz feierte, zeigte sich nicht zuletzt am Werbeaufwand, dass man gerne noch weiter jubeln möchte. „Die Show lebt, sie kann sich erneuern, das hat sie gerade bewiesen“, sagt Uschi Neuß. Und da sie nonverbal ist, eignet sie sich auch für die touristische Vermarktung. Doch das Unternehmen will mehr, nicht nur die Firmenspitze in Holland. „Berlin ist für uns der Wachstumsmarkt schlechthin. Hier trägt der lange Atem endlich Früchte“, sagt die deutsche Chefin. Die objektiven Daten sprechen für sie, denn die Einwohnerzahl steigt wie die der Touristen. „Da sehe ich durchaus Möglichkeiten, dass es mal zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hamburg und Berlin kommen kann.“