Matt Kwasniewski-Kelvin von Black Midi, einer experimentell-hysterischen U-20-Prog-Rock-Band aus London. Die Gruppe spielte im Berliner Lido.
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BerlinAußer einschlägigen Weihnachtsveranstaltungen ist nichts los zwischen den Jahren. Im Berghain feiert man das Fest der Liebe, im Kesselhaus hingegen Lemmy Kilmister und Motörhead und in der Volksbühne, gleich vier Abende lang, den Sex, mit der ehrenwerten Peaches als Zeremonienmeisterin. Zeit also zurückzuschauen.

Meine Jahresbestenliste unterscheidet sich nicht weiter von allen anderen: FKA Twigs, Nick Cave, Bill Callahan, Moodymann und Billie Eilish, alles toll, alles konsensuell. Reden wir also lieber über ein paar Pop-Dinge, die ich in alten leitmedialen Zeiten vermutlich Trends genannt hätte.

Am auffälligsten schien mir das neue Pop-Interesse am (und im) Jazz, in den Kritikercharts, bei jungen Konzertgehern. Überraschend stark ist Großbritannien beteiligt, wo sich neben den hier ja öfter verhandelten Bands von Shabaka Hutchings jede Menge sehr junger, sehr guter Musiker neue Wege zur Jazztradition vom Londoner Clubbeat über Westafrika in die Karibik erschließen − die Gitarristin Shirley Tetteh und die Saxofonistin Nubya Garcia etwa im mehrheitlich weiblich besetzten Ensemble Nerija, das postrockaffine Ezra Collective oder Tubist Theon Cross auf seinem Solo-Debüt.

USA: Im Jazz geht einiges

In den USA blieb es um den jungen West Coast Get Down aus L.A. ein wenig still, aber auf „Flamagra“ schraubte der Produzent Flying Lotus seinen ausnehmend wilden Elektro-Jazz-R&B eins weiter. Aus Brooklyn meldete sich die robust-intelligente Trompeterin Jaimie Branch mit ihrem Post-Punk-HipHop-Free-Jazz-Album, worauf sie sogar ein Liebeslied „for Assholes and Clowns“ singt, die schon wüssten, wer sie seien. In Chicago begab sich Drummer und Produzent Makaya McCraven, letztes Jahr mit seinem transatlantischen „Universal Being“ gefeiert, weiter auf Popterrain, mit seiner im Januar erscheinenden Neuinterpretation von Gil Scott-Herons letztem Album, post-free-jazzig, mit Samples und Hochkarätern aus der Chicagoer Avantrock-Szene.

Damon Locks soulspirituelles Kollektiv Black Monument Ensemble, auch aus Chicago, fand ich großartig, und auch in Berlin spielen Peter Eldh und Koma Saxo eine ziemlich irre Free-Funk-Drumbass-Fusion. Es geht einiges, im Jazz.

Simon Reynolds erfindet ein neues Genre: Conceptronica

Aus der Netz-Exklusivität in den analogen Overground treten indes lauthals die Pop-Millenials. Mal indierock-orientiert wie Clairo, als Softrock-R&B wie King Princess oder eben, als strahlendste Collagistin, Billie Eilish: Die musikalische Sozialisation durch Streaming-Playlists und entsprechende Sprunghaftigkeit löst das Genredenken gründlich auf, jeder grade gut gefundene Sound in einen schicken Poptopf geworfen − sogar im U-20-Prog-Rock, wo z.B. die experimentell hysterischen Black Midi ihre Ansätze schneller und verwegener wechseln, als man „Skip“ sagen kann. Prima.

Schließlich hat Simon Reynolds, der Großmeister der internationalen Popkritik, mit einem neuen Genre das Wasserglas der Kritik gestürmt. Als Conceptronica hat er eine theoriesatt aufgeladene elektronische Musik bezeichnet, die nicht mehr in die Clubs, sondern in die Töpfe der Kunstförderung greife. Ärger bekam der Mitfünfziger, weil er gestand, sich anders als in den hedonistisch-anonymen Neunziger-Clubs von diesen Sounds mit Doktortitel nicht mehr befreit zu fühlen.


Pop:

  • Finest Xmas: 25.12., 23:59 Uhr, Berghain
  • Motörhead Tribute Concert: 28.12., 20:00 Uhr, Kesselhaus
  • Peaches: 28.− 30. 12., 20:00 Uhr; 31.12., 18:00 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Die theoretischen Versuchsanordnungen zu Spätkapitalismus, Körper- und Identitätspolitik seien anregender zu lesen als zu hören, etwa beim KI-(und Promotions-)Experiment „Proto“ Holly Herndons, bei den Videogame-inspirierten Amnesia Scanner oder dem spätkapitalistischen Panoptikum Lee Gambles. Zudem verliere in der Conceptronica die Musik an Bedeutung, weil sie ihr Primat an die verkoppelten Visuals und Performances abtrete. Und nein, der Verweis auf Wagners Gesamtkunstwerk fehlt nicht.

Tanz gegen Klangkunst auszuspielen wäre natürlich Unsinn. Und mir haben Herndon, Amnesia Scanner und auch Gambles Musik sehr gut gefallen. Aber Reynolds versteht den Begriff vor allem phänomenologisch, und ich finde neue Genres immer erst mal schick. Herauszufinden, ob sie was taugen, dafür gibt in den vielen konzeptronischen Institutionen − gleich Ende Januar beim CTM − Gelegenheit. Bis dahin darf das mal sacken. Besinnlich und alles!