Die Königin der Nacht steigt am sonnigen Vormittag schadlos aus dem Taxi. Andrea Schroeder wirkt ausgeschlafen, gut gelaunt, sie ist pünktlich und gekleidet wesentlich in modisches Braun statt in das puschelig-glänzende Schwarz mit Federapplikation, das sie auf der Bühne gern trägt. Auch die recht dunkle Stimme klingt warm und freundlich und keineswegs so vamphaft verraucht oder nachttrüb verhangen, wie man es von dem Gesang ihrer beiden bisherigen Alben kennt, deren letztes, „Where the Wild Oceans End“, gerade erschienen ist.

Andrea Schroeder hat darauf scheinbar aus dem Stand eine musikalische Landschaft entworfen, die mit schwarz-romantischen Texten und einer elegant-übernächtigten Blues-Schwermut überraschend international wirkt. Zu quälend schleichenden und steigenden Gitarren singt sie von Spinnen, die über Herzen kriechen, man wird von toten Augen angestarrt und alle Liebe und Blüte steht immer schon im Zeichen von Verfall und Tod. Im Rolling Stone, der Süddeutschen Zeitung und Magazinen wie dem Stern erschienen dazu staunende Rezensionen, die ihren Gesang mit Marlene Dietrich und Nico und die Musik mit Nick Cave und Lou Reed verglichen, interessanterweise alles Künstler mit zumindest zeitweiliger Berliner Bodenhaftung, von den Einheimischen gern als Ehrenbürger eingemeindet. So wie nun auch diese Sängerin, die im ehemaligen Arbeiterbezirk und heutigen Gentrifizierungsanwärter Wedding lebt. Immerhin nahm Andrea Schroeder sogar, natürlich in den traditionsreichen Hansastudios, David Bowies deutsche Version seiner Mauerromanze „Heroes“ auf.

Sinfonie der Großstadt

„Das war natürlich Kamikaze“, sagt sie lächelnd. „Da hängt man sich das Damoklesschwert über den Kopf. Aber no risk, no fun.“ Zum Dank dafür erscheint kaum ein Bericht, in dem sie nicht wie eine Art kiezeigenes Totem der Weddinger After Hours erscheint, das beim Übertreten der Grenze zu Staub zu zerfallen droht. Gleichsam im Gegenzug widmet sie der Stadt mit „Ghosts of Berlin“ einen der schönsten Titel ihres neuen Albums. Darin beschwört sie mit einer zweisprachig gesungenen Titelzeile die Geister und Gräber der Stadt und legt im Video Szenen aus Walter Ruttmanns Stummfilm „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ von 1927 darunter, mit der Genehmigung von Ruttmans Tochter Eva Riehl, die den Titel als „unter die Haut gehend“ lobte.

Ganz gewiss beeinflusse der Ort, an dem man lebt, auch die Musik, sagt Andrea Schroeder. Wobei es ja nicht so sei, dass die Stadt nur düster und dunkel erscheine und überall Geister lauerten. Man spüre aber ständig diese Geschichte, nicht nur von Krieg und Nachkrieg, sie habe eine starke Bewusstheit und Präsenz. „In der Nähe unseres Proberaums im Wedding gab es um 1900 eine alte Pferdeschmiede, da hat man doch gleich Bilder von Pferdekutschen im Kopf, die hier statt der heutigen Lkw als Transporter durch die Straßen klappern“, sagt sie. „Und ich kenne hier einen Friedhof, auf dem man kaum Menschen sieht und viele der Gräber, ganze Familien, scheinen völlig vergessen.“

Tatsächlich lebt die Sängerin, aufgewachsen in der westfälischen Provinz, erst seit rund zweieinhalb Jahren fest in Berlin. Und diese Zeit hat sie so geschäftig verbracht, dass sie nicht viel Gelegenheit zur Stadtbesichtigung hatte. Zum Interviewtermin kommt sie gern nach Kreuzberg, um mal andere Ecken kennenzulernen. Seit 2012 war sie erfolgreich mit ihrem ersten Album „Blackbird“ auf Tournee, nahm das zweite neben Berlin in Ljubljana, Prag und an der norwegischen Küste auf. Zudem kümmert sie sich selbst um das Artwork ihrer Alben, Tourplakate und Videos. Wenig eingesessen erscheint auch ihre Band mit einer australischen Rhythmusgruppe, einer belgischen Geigerin und einem US-amerikanischen Produzenten. Die großartige Asphaltwüstenstimmung wiederum stammt von ihrem dänischen Kompositionspartner und Gitarristen Jesper Lehmkuhl. Abgesehen von „Kälte“, einem Titel auf dem ersten Album „Blackbird“, und dem Bowie-Song gibt es auch keine deutschsprachigen Titel auf den Alben.

„Ich singe ja nicht nur für Deutsche, sondern für die Welt, und Englisch ist nun mal eine globale Sprache. Ich spreche auch mehr Englisch als Deutsch. Dabei habe ich natürlich meinen deutschen Akzent, den ich auch behalte, obwohl sich die Färbungen der anderen Musiker schon auch einschleichen.“

Natürlich legen gerade der deutsche Akzent und die Dunkelheit von Stimme und Texten die Spur zu Nico und zu Marlene Dietrich, die in der Nachkriegszeit dreisprachig durch die „Ruinen von Berlin“ raunte. Mit Nico teilt Andrea Schroeder auch das Bühneninstrument, ein kleines indisches Handharmonium, das von Konzertbesuchern gern für eine Handtasche gehalten wird, die die Sängerin während ihres Auftritts rhythmisch auf und zu klappt. Sie seufzt ein wenig. „Natürlich beeinflusst einen irgendwie jede Musik oder überhaupt Kunst, die man mag“, sagt sie „Mich ehren solche Vergleiche. Aber ich singe eben, wie ich singe, und ich kenne weder das Gesamtwerk von Marlene Dietrich, noch kannte ich bis vor einiger Zeit die Soloalben Nicos.“

Dabei gibt es noch eine andere Verbindung zu der in Köln geborenen Künstlerin, die mit der Band Velvet Underground im New York der Sechzigerjahre zur Popikone aufstieg. Wie Nico, die einst vom Laufsteg des KaDeWes in die Welt zog, arbeitete auch Andrea Schroeder vor ihrer Gesangskarriere als Model. Das kam so zufällig wie alles auf ihrem Lebensweg, der sich in ihren Worten so zielstrebig wie die Wanderungen des Pusteblumensamens anhört. „Ich habe gezeichnet, Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben, gesungen und die üblichen Blockflötenklavierunterrichtssachen gemacht.“ Aus einer gewissen Planlosigkeit heraus lernt sie zunächst Grafikdesign und arbeitet für die Film- und Musikbranche. Erste Popversuche nimmt sie nicht weiter ernst, stattdessen kommt sie durch einen befreundeten Fotografen zum Modeln, was sich so erfolgreich entwickelt, dass sie auf Drängen ihrer Agentur nach München zieht – um sich dann im Job zu langweilen. „Die Fotografen in Nordrhein-Westfalen, das waren nette Leute, und man hatte Spaß. In München lief das auf einem anderen Niveau. Da wartet man stundenlang, dann: Hallo, ich bin die Andrea. Es wird kurz durch die Mappe geblättert, ‚kannst du mal lächeln‘ und ab. Es war Lebenszeitvernichtung, und ich habe lieber wieder Grafikdesign gemacht.“

So wäre es wohl weitergegangen, wenn nicht das Schicksal in Form einer Stimmbandlähmung dazwischen gekommen wäre. „Ich konnte flüstern, aber nicht singen. Und da habe ich gemerkt – das klingt jetzt extrem dramatisch, aber so war es –, dass es mir egal war, ob ich reden kann, aber nicht, ob ich singe. Nicht dass mein Leben nicht auch spannend oder irgendwie kreativ gewesen wäre, aber es fehlte das, was ich wirklich wollte.“

Eine unerfüllbare Sehnsucht

Und so stürzt sie sich nach der überraschenden Genesung „durchaus mit einem gewissen Wahnsinn“ in den Gesangsunterricht. Klassisch zunächst, bis ihr eine Gospelsängerin erklärt, dass sie mit dem Immer-höher-Ansatz der Oper ihr eigentliches Potenzial nicht ausschöpfe: Sattheit, Tiefe und Volumen. Sie gospelt in Chören und Kirchen, auch solistisch mit einem Pianisten: „Es ist toll, in Kirchen zu singen, und es war faszinierend zu erleben, wie dann tatsächlich die Spirits strömen. Man kann sozusagen spüren, wie man in die Leute reinsingt und ihnen Energie gibt.“

Nebenher schreibt sie eigene Songs, von denen sie 2007 ein paar auf ihre MySpace-Seite ins Internet stellt und derart viele ermutigende, auch internationale und professionelle Reaktionen bekommt, dass sie eine Band zusammenstellt. Bis heute hört man deren Folkorientierung aus ihren Songs, aber erst mit den Gitarrenlinien Jesper Lehmkuhls kamen, sagt sie, die Wildheit und Dunkelheit, die sie suchte, und die Umgestaltung ihrer Stimme, die mit „nicht weniger Muskelaufwand als im Gospel“ nunmehr auf den gegenteiligen Sound setzt, auf leise, kühle Spannung.

Die wilden Texte wiederum erinnern manche Hörer an Baudelaire oder fiebrige Expressionisten, wobei Andrea Schroeder eher die modernere Verfallsdichtung von Ingeborg Bachmann oder Paul Celan anführt. Doch „die Düsterkeit war, glaube ich, schon immer in mir“, erinnert sie sich. „Ich lache auf jedem Foto, aber meine Mutter meint, ich war als Kind schon melancholisch. Ich habe mich auch immer am falschen Ort gefühlt, als Teenager bis zur Verzweiflung. Ich spüre ständig eine unerfüllbare Sehnsucht, etwas, das von innen zieht, etwas Unerklärliches und Unerfülltes.“

So wird es wohl das Gefühl der Erhabenheit sein, das die Hörer in ihre Musik zieht, der sacht beschämende Schauer rätselhafter Unergründlichkeit, der das Leben, die Liebe und die Welt beleuchtet und verschattet. Ganz logisch, dass der RBB sie nun mit ihrer Band für einen Auftritt mit dem Babelsberger Filmorchester ausgesucht hat.

Am Ende von Andrea Schroeders beiläufiger Geschichte fügt sich alles zu einer erstaunlich stimmigen Biografie. Und einer Nachtmusik, die so gründlich erarbeitet und kontrolliert ist, dass sie kein helles Tageslicht zu fürchten braucht.