Alle lieben Mary! Die Autobiografie einer Schlager-Legende

Mary Roos hat ihre Autobiografie vorgestellt. Es sind überraschende Einblicke in das Leben eines deutschen Superstars der 70er und 80er.

Mary Roos 1984 bei der deutschen Vorentscheidung für den Grand Prix d' Eurovision de la Chanson.
Mary Roos 1984 bei der deutschen Vorentscheidung für den Grand Prix d' Eurovision de la Chanson.dpa

Man muss nur lange genug dabei gewesen sein, dann wird man automatisch zur Kultfigur, zur Legende, zur Ikone. Wie Mary Roos. „Eine Ikone“, so steht es in Großbuchstaben auf der Rückseite ihrer Autobiografie „Aufrecht geh’n“, die dieser Tage erschienen ist.

Ja, die Sängerin Mary Roos ist schon lange dabei, sehr lange. 1949 in Bingen am Rhein geboren, trällert sie bereits mit sieben erste Schlager auf der Bühne im Hotel ihrer Eltern. Bis sie da ein Produzent entdeckt, sie zur Kinderstar-Konkurrenz neben Cornelia Froboess oder Gabriele aufbauen will, ihr erste eigene Lieder schreibt und Plattenaufnahmen macht mit ihr.

Legenden eingedampft

Es folgt die Tretmühle des deutschen Showgeschäfts, erfolgreiche Schlager nachsingen, die auf Platten erscheinen, auf deren Hüllen nicht mal ein Bild von ihr erscheint. Die Wahl eines marktkonformen Künstlernamens, aus Rosemarie Schwab wird Mary Roos. Erste Tourneen im Beiprogramm von den Idolen der Zeit, Peter Kraus und Ted Herold, und abends um neun runter von der Bühne, Jugendschutzgesetz. Mit dabei immer ihre patente Mutter und eine Lehrerin für die notwendige Bildung.

Doch der Produzent will mehr, schickt sie auf ein Internat für höhere Töchter, damit sie lernt, sich auf dem ganz großen Parkett zu bewegen. Was sie aber wirklich lernt, ist singen, ohne je eine Note zu lesen, und sich auf der Bühne oder später vor der Kamera zu bewegen wie ein alter Showhase. Ja, die Kleine mit der Zahnlücke hat Talent, und irgendwann, nach vielen Jahren, hat sie sich durchgesetzt.

All das erzählt Mary Roos in ihrem Buch, als ob sie mit ihren Leserinnen und Lesern bei Kaffee und Torte sitzt, und vieles ist schon bekannt aus den unzähligen Talkshows, in denen die Sängerin bereits aufgetreten ist. Ihre Co-Autorin, die Sangeskollegin Pe Werner, sorgt für die politisch-historischen Hintergründe der jeweiligen Phasen. Das liest sich holprig und viel gegoogelt, hilft aber den einen oder anderen Zeitgeist zu verstehen, den Mary Roos mit ihren Liedern bedient.

Aznavour, Sardou, Fugain, Dassin

Natürlich muss die Künstlerin auch ein paar Legenden eindampfen, die sich im Laufe der Jahrzehnte um ihre Karriere verselbstständig haben. So sei sie beispielsweise 1972 im Pariser Olympia aufgetreten, vier Wochen en suite vor ausverkauftem Haus. Was für eine Übertreibung! Was hätte die, bis zu diesem Zeitpunkt – weder in Deutschland, geschweige denn in Frankreich – wenig etablierte Sängerin auf der legendären Bühne von einem der wichtigsten Konzerthallen Europas wohl für ein Programm bieten können? Jetzt erzählt sie annähernd, wie es wirklich war.

Ja, sie war im Olympia, mit ein paar Songs im Vorprogramm des französischen Superstars Michel Delpech. Und wenn sie dann noch voller Stolz aufzählt, welche französischen Stars bei der Premiere in der ersten Reihe saßen – Aznavour, Sardou, Fugain, Dassin – geschenkt, sie waren nicht wegen ihr gekommen, sondern wegen des Hauptakteurs auf der Bühne.

Aber eines kann sie bei diesem Gastspiel in Paris beweisen, dass sie auf Französisch singen kann, ganz ohne Akzent. Das war wichtig, um gehört zu werden. Lieder mit deutschem Zungenschlag sind in dieser Zeit, knapp 30 Jahre nach der deutschen Besatzung des Landes, denkbar unpopulär. Freddy Quinn, Roy Black oder auch Peter Kraus haben es schon vor Mary Roos auf Französisch probiert, ohne jede Chance, denn beim ersten Ton ist die deutsche Herkunft zu erkennen.

Sie aber singt ihre französischen Schlager wie eine Französin und wird doch keine Chansonsängerin dadurch, auch wenn sie als solche hierzulande gerne vermarktet wird. Ja, sie singt auf Französisch, aber Schlager, die gleiche Sorte wie in Deutschland, das macht sie noch lange nicht zu einer Nachfolgekünstlerin in der Tradition eines Jacques Brel, einer Barbara, eines Georges Brassens. Das ist wirklich eine andere Liga.

Mary Roos bei der Aufzeichnung der „NDR Talk Show“, 2022.
Mary Roos bei der Aufzeichnung der „NDR Talk Show“, 2022.www.imago-images.de

Und noch etwas wird in ihrem aufgehübschten Lebenslauf gerne als großer Frankreich-Erfolg erwähnt, ihr Auftritt in dem TV-Musical „Un enfant dans la ville“ an der Seite von Michel Fugain. Diese Inszenierung erregt tatsächliche einige Aufmerksamkeit in Frankreich, aber nicht wegen Mary Roos. Daran sind vielmehr die übrigen Darsteller schuld, einige von ihnen mit sehr bekannten Namen. Wie Daniel Gélin und sein Sohn Xavier Gélin, wie Catherine Allégret, Tochter von Simone Signoret, wie Karine Reggiani, Tochter von Serge Reggiani, wie Tonie Marshall, Tochter der Schauspielerin Michelin Presle.

In Würde gealtert

Mary Roos hat ihre Verdienste, ganz ohne Zweifel, und nicht allein deswegen, weil sie so lange schon tapfer dabei geblieben ist, mit allen Höhen und Tiefen. In Deutschland war und ist sie ein Ausnahmetalent, mit einer unverkennbaren Stimme und einer Bühnenpräsenz, die so oft nicht anzutreffen ist. Sie hat so viele Lieder gesungen, dass für jede Stimmung was dabei ist, mal ein bisschen traurig, dann mit viel Stimmung, oder mit Humor, oder Lebensweisheit, oder – auch das gibt es im deutschen Schlager – einer gehörigen Portion Feminismus. Sie muss sich wirklich nicht verstecken hinter einem Chansonetten-Image, dafür waren und sind ihre Schlager viel zu gut, sonst hätten sie die Zeiten nicht überdauert.

Heute gibt uns Mary Roos, auch mit diesem Erinnerungsbuch, die in Würde Gealterte, die Lebenskluge, die Herzliche, die mit dem Spleen und mit den vielen kleinen Macken, die sie so nahbar machen und zu einer unverzichtbaren Identifikationsfigur für ihre Anhänger oder genauer: ihre Anhängerinnen. Einmal wurde sie apostrophiert als legitime Nachfolgerin von Hildegard Knef, doch nein, auch das ist sie wirklich nicht. Dafür aber ist sie Mary Roos, einfach nur Mary Roos, eine Ikone.