Das Musik-Tanz-Theater „Lover“ von Christian Jost ist bereits das zweite Stück, das Jost für den Rundfunkchor Berlin schreibt: 2006 wurde die Choroper „Angst“ mit der musikFabrik uraufgeführt. In „Lover“ wird der Gesang des Chores mit den asiatischen Schlagzeugklängen und Tanz- und Kampfchoreografien des U-Theatre aus Taiwan verbunden.

Worum geht es in „Lover“?

Drei Liebesgedichte von E. E. Cummings und zwei antike chinesische Texte bilden die Säulen eines insgesamt sechsteiligen Werkes. In den Cummings-Gedichten trifft sich im ersten Gedicht ein Paar, es gibt eine starke Anziehung, die im zweiten Gedicht ausgelebt wird, und das dritte blickt zart zurück auf den intensivsten Moment dieser Geschichte, um diesen gleichsam festzuhalten. Bei Cummings ist das sehr erotisch, aber dennoch sehr fein und subtil. Im Zusammenhang mit den chinesischen Gedichten entstehen interessante Kontrapunkte, denn die sind inhaltlich weniger deutlich und übersetzen das Thema in Naturmetaphern.

Liebt man im Westen eigentlich anders als im Osten?

Ich habe China oft bereist, aber Taiwan ist etwas anderes. Es ist ein demokratisches System mit einer gut funktionierenden Volkswirtschaft. Die gesellschaftlichen Hierarchien sind weicher als in China, menschliche Begegnung findet genauso statt wie in jeder anderen Demokratie dieser Erde. Aber mir ging es nicht darum, Alltagszustände zu beschreiben, sondern darum, ein im Grunde universales Thema durch eine unverbrauchte, eigenwillige Klanglichkeit respektvoll auszuleuchten.

Es geht also nicht darum, Kulturen zu konfrontieren?

Es geht um die Kombination der Kulturen. Das stand auch am Anfang der Entstehung von „Lover“: Als Composer in Residence des National Symphony Orchestra Taiwan habe ich das U-Theatre kennengelernt und wusste sofort, U-Theatre und Rundfunkchor muss ich zusammenbringen. Davon war auch der Chordirektor Hans-Hermann Rehberg schnell angesteckt. Der Chor wird wie ein europäischer Chor behandelt, während ich aus dem U-Theatre ein Orchester geschmiedet habe, das abgesehen vom Vibraphon nur aus asiatischen Instrumenten besteht. Elegische Chorpassagen werden von Schlagzeugimpulsen aufgerissen – aber auch der Chor hat impulsive Passagen, und die sind auch für den Rundfunkchor, den ich für seinen weichen Klang liebe, ungewohnt.

Durch die Kombination mit Tanz und den kulturellen Brückenschlag ist „Lover“ etwas ganz anderes als „Angst“. Sie hatten nicht die Absicht, die einmal geschaffene Gattung Choroper weiter auszubauen?

Doch, genau das hatte ich vor. „Lover“ ist ebenso eine Choroper, unterscheidet sich aber musikalisch so grundsätzlich von „Angst“, dass manche Sänger nicht glauben wollten, dass beide Stücke vom selben Komponisten sind. Nachdem ich damals den Chor bis zu 32 Stimmen aufgefächert und das in den Chören meiner Oper „Hamlet“ noch weiter getrieben habe, schreibe ich hier vom ersten bis zum letzten Takt einen sechsstimmigen Chorsatz und verzichte auch auf die Solostimmen, die es in „Angst“ noch gab. Dabei kommt es mir nicht in erster Linie auf die Textverständlichkeit an, wichtiger sind die Farben der Vokale und ihr musikalischer Zusammenhang, der sich gegen Ende bis zu einer sinfonischen Steigerung aufschaukelt.

Was geschieht, wenn plötzlich von individuellen Empfindungen im Medium des Chores gesungen wird?

Ich hatte das in „Angst“ eine „Reise ins Innere“ dieser Empfindung genannt. Durch die Aufspaltung in mehrere Stimmen betrachte ich eine Emotion von mehreren Seiten und kann dadurch ein komplexeres, auch widersprüchlicheres Bild von Gefühlen zeigen, als wenn nur eine Figur auf der Bühne singt. Ähnlich ist das auch bei „Lover“.

Sind Ihre Choropern im modernen, musiktheatralischen Sinn „konzeptioneller“, freier von traditionellen dramaturgischen Zwängen als Ihre „normalen“ Opern?

Für meine Musiktheaterwerke suche ich immer nach neuen Formen des musikalischen Erzählens. In meinen Choropern allerdings lässt sich im vielstimmigen Innenraum der beschriebenen Gefühle die dramatische Zeit zuweilen aufheben – und das sind Erfahrungen, die sich auch in meinen Opern niedergeschlagen haben.

Die Fragen stellte Peter Uehling.