Lorenz Huber gibt auf seinem Dach ein Konzert für die Nachbarn am Helmholtzplatz.

Foto: David Heerde

BerlinMusiker spielen in Zeiten geschlossener Bühnen und Konzertsäle ohne alles – ohne Publikum, ohne Applaus, ohne Gage. Sie steigen aufs Dach oder auf ihren Tisch, aber sie legen los und machen Musik. Damit nicht alles gänzlich ungehört verrauscht, stellen viele ihre Wohnzimmer- oder Hofkonzerte ins Netz. Es kursieren schon Hitlisten mit täglichen Streaming-Programmen. Keiner verdient, doch einer kassiert – die Gema. Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, ein hochkomplexes Gebilde, vertritt die Rechte von Komponisten. Oder ist es doch wieder nur ein fieses Gerücht, dass Gema-Abgaben auch in Zeiten anfallen, in denen sonst niemand einen Cent verdient mit Konzerten?

Alles, was öffentlich ist, kostet

Nein, kein Gerücht: Abgaben werden trotzdem fällig – sofern der Komponist Gema-Mitglied ist, und sei der Titel von ihm selbst komponiert. Jede Darbietung kostet Gebühren, sobald sie die Öffentlichkeit erreicht. Nicht, wenn sie über Facebook oder YouTube läuft, aber beim selbstständigen Streamen muss an die Gema gezahlt werden, auch ohne jede Einnahme. Einfach, weil es einen Urheber gibt, einen Komponisten oder Texter, der seine Arbeit von der Gema schützen lässt. Genauso wie beim Feuerwehr- und Abi-Ball, und ja, auch bei Benefizkonzerten. Eine Band spielte für Katastrophen-Opfer, denen ihre ganze Habe weggeschwommen war, aber von dem 4.500-Euro-Scheck zog die Urhebergesellschaft 160 Euro ab.

Wir werden nicht bei jeder Gelegenheit vertragsbrüchig.

Ursula Goebel

Gema-Sprecherin Ursula Goebel, derzeit aktiv im Münchner Homeoffice, verteidigt das Vorgehen: „Wir sind kein Wirtschaftsunternehmen. Die Urheber haben der Gema ihre Rechte treuhänderisch zur Nutzung übertragen. Da werden wir als Verwalter nicht bei jeder Gelegenheit vertragsbrüchig. Es braucht nur eins unserer Mitglieder zu widersprechen. Nicht von der Gema kommen die Regeln, sondern von den Mitgliedern. Die Gema unterstützt aber wichtige Benefiz-Aktionen aus Marketing-Mitteln. Jetzt in der Corona-Krise hat sie überdies ein Nothilfeprogramm über 40 Millionen Euro für Härtefälle aufgelegt.“

Allerdings gibt es einen Förderfonds

Geld ist also da. Woher nimmt die Gema 40 Millionen Euro, wenn sie andererseits keinem Urheber drei Groschen für Katastrophenopfer versagen darf? Ursula Goebel: „Dafür gibt es einen Fonds für kulturelle und soziale Förderung. Aus dem speist sich auch die Sozialkasse.“ Das Geld ist vor allem für Komponisten gedacht, die selbst auftreten und denen Konzerte oder Tourneen weggebrochen sind. 250 Euro etwa für ausgefallene Konzerte gibt es zusätzlich zu den Programmen, die Staat und Land gerade auf den Weg bringen. Der Gema-Antrag steht für Mitglieder schon online.

Positiv konnotiert wissen will die Gesellschaft auch ihre sogenannte Kulanzregelung für Veranstalter, die Pauschalverträge mit der Gema haben. Also Fitnessstudios, Friseure, Kaufhäuser, Gaststätten und Kirchen, die jetzt schließen mussten. Die aber deshalb auch keinen Ton spielen können und daher am Ende ja wohl selbstverständlich für diese Zeit nicht zahlen wollen. Wenn es die Veranstalter dann überhaupt noch alle gibt.

Natürlich schützt die Gema die Rechte 

Um eins klarzustellen: Solange es kein besseres System gibt, ist die Gema als Institution unverzichtbar. Sie ermöglicht, dass auch Komponisten und Texter von ihrer Arbeit leben können, schützt sie vor der Gratismentalität der Nutzer. Das tut sonst niemand, schon gar nicht die Google-Tochter YouTube, die lieber alle Titel anbieten würde, ohne einen Cent an die Urheber weiterzureichen. 2016 erst war Google nach ewigen Verhandlungen bereit, an die Gema Pauschalbeträge zu überweisen, die Summen blieben geheim.

Ihren Ruf hat sich die alte Institution Gema vorher ruiniert. Nachdem ihr in den Nuller-Jahren Einnahmen aus dem Tonträgergeschäft zu schwinden begannen, versuchte sie 2012, die Tarife in Clubs, Diskotheken und Gaststätten um bis zu 600 Prozent zu erhöhen. Es führte zu Demonstrationen, angedrohten Schließungen, mehr als 1.800 Anti-Gema-Resolutionen an den Bundestag. Das Patentamt als Gema-Aufsichtsbehörde versagte völlig, schließlich schalteten sich die Wirtschaftsminister der Länder ein, erwirkten eine Schlichtung. Seitdem ist Ruhe, aber damals traten die undemokratischen Strukturen ans Licht.

150 Millionen fließen in die Verwaltung

Die Gema bevorzugt in der Verteilung ganz einseitig die Spitzenverdiener unter den Mitgliedern. Schlimmer, das System ist so aufgebaut, dass auch nur diese 6.000 ordentlichen Mitglieder über die Ausschüttungen an die insgesamt 78.000 Gema-Mitglieder entscheiden können, also auch über den strittigen Verteilungsschlüssel. Oder über die exorbitanten Ausgaben für die Verwaltung. Die Gema-Einnahmen stiegen im letzten Jahrzehnt von gut 800 Millionen auf über eine Milliarde Euro, davon fließen 150 Millionen in die Verwaltung. Ursula Goebel führt den Anstieg auf die hohen Digitalisierungskosten zurück, aber hier wurde immer mit vollen Händen ausgegeben. Die Gehälter der Vorstände sind indiskutabel, der Vorstandschef verdient doppelt so viel wie die Kanzlerin. Höhere Verantwortung kann es auf keinen Fall sein, die hier belohnt wird.

Das laufende Geschäftsjahr wird empfindliche Einbrüche bringen, aber nicht in allen Etagen gleich.