Berlin - Der Bildschirm meines Laptops zeigt eine junge Frau mit kurzen blonden Haaren, den Reißverschluss ihrer Trainingsjacke hat sie bis ganz oben zugezogen. Die digitale Kopie des Gesichts von Alice Phoebe Lou strahlt. Die 27-jährige Wahlberlinerin hat einen Grund, sich zu freuen. Am Freitag erscheint ihr drittes Album „Glow“. In zwölf Liedern verpackt die Sängerin darauf ein großes Thema: Gefühle. Klingt schmalzig? Ist es auch. Doch wer hier abwinkt, der verprellt den Reiz, den die neue Platte hat. Die leichten Pop-Klänge werden gerade im Widerspruch zu manch schwermütiger Zeile auf Lous Album interessant.

Ob sie ein Lieblingsstück hat? Das ändert sich ständig, sagt die Künstlerin im Videointerview, entscheidet sich dann aber doch, und zwar für den ersten Titel „Only when I“ (Nur, wenn ich). „Er holt Leute ins Album rein“, sagt sie. Um das zu verdeutlichen, stimmt sie den Refrain des Titels an, der sie dazu inspiriert hat: „I get along without you very well“ von Jazzmusiker Chet Baker. Eine Ballade, die davon handelt, wie unabhängig der Interpret von der Liebe ist, nur um dann die Ausnahmen aufzuzählen. So soll gleich das erste Stück ihres Albums transportieren, was es heißt, unterschiedliche Gefühle zur selben Zeit zuzulassen, sagt Lou.

Foto: Motor Entertainment/Senga Li
Alice Phoebe Lou schreibt, singt, produziert und organisiert. Sie nennt sich „Macherin“.

Den ausgeruht-poppigen Stil mit Spuren von Folk und Jazz begleiten Lou und ihre Band mit Piano-Rhythmen und kratzigen Gitarren-, Bass- und Drum-Harmonien. Die den meisten Titeln übergeordnete Melancholie erinnert trotz neuer Leichtigkeit an ihre frühen Produktionen. Aufgenommen hat Lou „Glow“ in Dresden. Ein Bandkollege trieb alte Mikrofone auf, die die auf Tonband aufgenommene Musik mit einem Rauschen hinterlegt, das nur auffällt, wenn es soll.

Alice Phoebe Lou fing als Straßenmusikerin an

„Die Spitze der Ehrlichkeit“ nennt Alice Phoebe Lou die Gitarren-Nummer „Dirty Mouth“, die am 19. Februar als Single erschienen ist. Darin spricht sie aus, was sie als oberste Priorität ihrer Arbeit setzt: Unabhängig zu bleiben. Sie veröffentlicht ihre Musik selbst, plant Touren und Release Dates, das Video zu „Dirty Mouth“ schnitt sie alleine. Gedreht hat sie es dort, wo sie aufgewachsen ist, an den Küsten in der Nähe von Kapstadt, bei einem Familienbesuch.

Das Pandemie-Jahr verbrachte Lou zum größten Teil in Berlin. Dort, wo sie 2013 als Straßenmusikern ins Musikgeschäft einstieg, ohne es zu ahnen. Eigentlich hatte sie nach dem Schulabschluss ein Jahr durch Europa reisen wollen, um danach in Südafrika Anthropologie zu studieren. Doch sie verfiel dem Feuertanz, den sie von einer Gruppe Künstler in Paris lernte. Sie verdiente ihren Unterhalt mit den Münzen, die für ihre Performances im Hut landeten.

Unwirklich klingende Zufälle folgten. Wie die Beschreibung des Tages, an dem sie zu singen begann. Ihrer Erzählung nach hockte die jüngere Version ihrer selbst auf dem Bordstein, nach einem Auftritt, fast pleite, als ein Musiker mit einer Gitarre vorbeikam. Spontan sang sie, zum ersten Mal vor Menschen, er begleitete sie. „Das war gruseliger als tanzen. Ich war verletzlicher“, sagt Alice Phoebe Lou. Und trotzdem: Als die Menschentraube um das Zufallsduo anschwoll, habe sie gewusst, wovon sie fortan leben wolle.

Das erste Album „Orbit“ erschien 2016

Sie blieb in Berlin. Stand fast täglich an der S-Bahn-Station Hackescher Markt, später auf der Warschauer Brücke, mit geliehener Gitarre, bis sie sich eine eigene leisten konnte, schrie eher, als dass sie sang, sagt sie heute, bis sie sich einen Verstärker zulegte und erkannte, was mit ihrer Stimme möglich war. „Ich bin ja keine gelernte Musikerin“, sagt Lou.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Alice Phoebe Lou wuchs in Kapstadt auf, heute lebt sie in Berlin.

Sie traf eine Gruppe Israelis, von denen zwei noch heute Teil ihrer Band sind. Ein Manager gab ihr seine Karte. Alice Phoebe Lou benutzte sie, um einen Joint zu bauen. Gorka Odriozola musste noch ein paar Mal vorbeigehen, ehe sie sich breitschlagen ließ, mit ihm zu reden, sich erlaubte, an eine Karriere außerhalb der Straßenmusik zu denken.

Ihr erstes Album „Orbit“ erschien 2016, mit „Paper Castles“ und der gleichnamigen Tour durchbrach sie 2019 die Decke zwischen Straße und Konzerthalle. Ihre Single „She“ wurde 2018 für einen Oscar nominiert.

Alice Phoebe Lou: „Ich war schon immer eine Macherin“

Was sich wie das Ergebnis einer Kette glücklicher Begegnungen liest, hat neben unzweifelhaftem Talent auch mit Lous Haltung gegenüber einer Industrie zu tun, die von wenigen, meist männlichen und immer mächtigen Personen geführt wird. Sie verweigere sich den kapitalistischen Zwängen der Branche und den üblichen entmächtigenden Knebelverträgen, sondern verlasse sich lieber auf sich selbst, sagt Lou: „Ich war schon immer eine Macherin. Ich erlaube mir, mich ständig zu verändern.“

Die Gelassenheit, mit der sich die Sängerin ihr Leben und ihre Zukunft offenhält, ist bemerkenswert. Doch diese Haltung bedarf auch gewisser Privilegien. Das Land, in dem die weiße Südafrikanerin aufgewachsen ist, ist bis heute von der Apartheid geprägt, die Risse in der Macht- und Ressourcenverteilung verlaufen noch immer scharf zwischen Schwarz und Weiß. „Die Rainbow-Nation ist eine Illusion“, sagt Lou. Um von ihrem Erfolg etwas an die lokale Musikszene zurückzugeben, organisierte sie im vergangenen Jahr ein Festival.

Als Nächstes heißt es für sie: musikalische Späterziehung. Was die Straße nicht verlangte und der Erfolg verdrängte, will sie nun nachholen und ihre Zeit den Instrumenten, dem Gesang und der Musikgeschichte widmen.

Alice Phoebe Lou: Glow (Alice Phoebe Lou/Edel) erscheint am 19. März.