Wenn man hierzulande auf Achim Reichel zu sprechen kommt, macht man sich verdächtig, hoffnungslos nostalgisch zu sein. Handelt es sich doch um handgemachte Musik, die eher aus dem Gedächtnis geholt werden muss und wenig mit dem zu tun hat, was junge Leute alles streamen.

Achim Reichel war einer der ersten deutschen Popstars, die Hamburger Band The Rattles wurde vorübergehend als die deutschen Beatles gehandelt. Das war nicht nur metaphorisch zu verstehen, die Rattles gingen sowohl mit den Beatles als auch den Rolling Stones auf Tournee. Bis 1966 veröffentlichten sie 30 Singles. Dann aber musste Reichel seine Karriere unterbrechen, weil er zur Bundeswehr eingezogen wurde. Als die Rattles 1970 mit dem Song „The Witch“ ihren größten Hit landeten, war er schon nicht mehr dabei.

Nummer eins der Shazam-Charts

Gedächtnisfetzen, Wikipedia-Wissen, „Kenn ich, weiß ich, war ich schon“. Jetzt aber ist Achim Reichel, der im Januar 78 wird, auf einer ganz anderen Welle wieder aufgetaucht. Er steht mit seinem Shanty „Aloha Heja He“ auf Platz eins der sogenannten Shazam-Charts. Shazam ist eine Art Smartphone-App, mit deren Hilfe sich Musikstücke auf die Schnelle identifizieren lassen. Irgendwie hat „Aloha Heja He“ es geschafft, auf dem TikTok-Kanal Aufmerksamkeit zu erwecken, und seither wollen immer mehr Menschen über Shazam in Erfahrung bringen, was da läuft, von wem es ist und wie es heißt.

Für Achim Reichel lief nach seiner Zeit bei der Bundeswehr nicht alles rund. Der Versuch, den berühmten Hamburger Star-Club wiederzubeleben, mündete in einer Insolvenz. Mit dem Bandprojekt Wonderland spielte er immerhin den Hit „Moscow“ ein. Es war die Zeit, in der die musikalischen Wurzeln nicht nur auf Jamaika erkundet wurden. Dass Reichel 1975 „Dat Shanty Alb’m“ herausbrachte, war zunächst wohl kaum mehr als eine Lockerungsübung. Die Fusion von Seemannsliedern und Rock machte Achim Reichel zum anschlussfähigen Unterhaltungsmusiker, obwohl er sich nicht allzu weit von dem entfernt hatte, woher er kam. „Aloha Heja He“ wurde 1991 zum großen Sommerhit, ein Mitgröl-Shanty, befand etwas despektierlich der Spiegel. Die Globalisierungsspur ist in dem Stück aber bereits angelegt, wenn es darin heißt: „Hab die ganze Welt gesehn/Von Singapur bis Aberdeen/Wenn du mich fragst, wo’s am schönsten war/Sag ich Sansibar“. Die Vorstellung, dass einem die ganze Welt zugänglich sei, ist wohl auch das große TikTok-Versprechen. Deshalb: Aloha Heja He.