Metal-Wikinger auf Steroiden erobern Berlin: Amon Amarth im Velodrom

Ist Berlin eigentlich eine Metal-Stadt? Als Amon Amarth aus Schweden das Velodrom am Samstag zum Beben brachten, sah es so aus – wenn auch nur für eine Nacht.

Amon-Amarth-Frontmann Johan Hegg.
Amon-Amarth-Frontmann Johan Hegg.imago/Gonzales Photo

Für Berliner Metalheads war das Konzert von Amon Amarth Ende 2019 vielleicht die letzte große Veranstaltung vor dem Lockdown. Nun spielten die Schweden wieder am selben Treffpunkt: im Velodrom in Prenzlauer Berg.

Als sich der Veranstaltungsort füllt, wenn auch sehr langsam, führe ich eine inoffizielle Umfrage basierend auf T-Shirts durch, nur um zu bestätigen, dass die meisten heute Abend für Amon Amarth hierhergekommen sind: Die Band, die den schwedischen Death-Metal-Sound mit der Wikinger-Thematik verband und dadurch einen Nerv der Szene traf.

The Halo Effect: Death-Metal-Königtum aus Göteborg

Das Velodrom ist immer noch halb leer, als The Halo Effect als Support-Act auf die Bühne stürmen. Sie haben sich kurz vor der Pandemie gegründet und bislang bloß ein Album veröffentlicht – trotzdem sind sie für fast alle Anwesenden alte Bekannte: Die Band besteht aus ehemaligen Mitgliedern von In Flames und dem Frontmann von Dark Tranquillity. Die beiden Gruppen gelten als Pioniere der Göteborger Death-Metal-Szene. Nach europäischen Metal-Maßstäben sind The Halo Effect also eine Superband.

Der growlende Mikael Stanne und seine alten Freunde zeigen, dass sie Bock haben, und schaffen es innerhalb einer halben Stunde, ihre gute Stimmung zu verbreiten und das Publikum für sich zu gewinnen.

„Es ist verrückt, dass Leute immer noch einen Scheiß auf uns geben“

„Machine Fucking Head“ steht in blutfarbener Beschriftung auf der riesigen Fahne, die die Bühne während der Umbaupause bedeckt. In meinen Teenagerjahren galten Machine Head als das „Next big thing“ auf MTVs „Headbangers Ball“. Nach einigen turbulenten Jahren, in denen die Band Mitgliederwechsel und gesundheitliche Probleme erlebte, könnte man sagen, dass sie heute ein zweites Comeback feiern.

Machine Head.
Machine Head.Gonzales Photo

Komischerweise ist der Raum immer noch nicht voll, als Machine Head (als Co-Headliners) endlich mit dem Song „Become The Firestorm“ auftreten. Frontmann Robb Flynn muss das Publikum mehrmals anspornen – „Berlin, make some noise!“ oder „Wake the fuck up, Berlin!“ –, damit sich die Leute weniger auf ihre Bierbecher und mehr aufs Bühnengeschehen konzentrieren.

Es erfordert eine verrückte Lichterparty, etwas Pyrotechnik und ein paar alte Klassiker für die zurückhaltende Menschenmenge, endlich ein bisschen Lob von den Bay-Area-Legenden zu gewinnen. „1994 waren wir das erste Mal hier“, sagt Flynn. „Es ist verrückt, dass Leute 30 Jahre später einen Scheiß auf uns geben.“

Demnächst steht er alleine auf der Bühne. Er spricht offen über die Depression, mit der er in der Vergangenheit zu kämpfen hatte. „Diese Musik hat mich gerettet, kein Gott im Himmel.“ Es ist die Einleitung zu „Darkness Within“. Als die Fans die Melodie aus voller Kehle singen, ist es der emotionalste Moment des Abends im Velodrom, kurz bevor Machine Head sich mit den Hymnen „Davidian“ und „Halo“ verabschieden.

Nach Walhalla und zurück

Die Rune Ansuz, die für Weisheit und Wahrheit steht, wird auf die schwarze Fahne projiziert. Ein ohrenbetäubendes Geräusch. Die Fahne fällt. Zwei riesige Wikingerkrieger-Statuen überwachen die Menschenmenge, die sofort anfängt, mit den ersten Noten von „Guardians of Asgard“ die Fäuste in die Luft zu recken. Ein brandheißes Pyro-Spektakel setzt gleichzeitig ein, und die Schweden haben anscheinend keine Zeit zu verlieren: „Raven’s Flight“ ist daran.

Amon Amarth.
Amon Amarth.Gonzales Photo

„Wir sind wieder zurück – wie geht’s heute Abend?“, fragt auf Deutsch Johan Hegg, der Frontmann von Amon Amarth. Hinter ihm dominiert das Schlagzeug auf einem überdimensionierten Helm mit Augen aus Feuer. Eine Figur mit Hörnern und grünen Funken als Augen, die Loki (den nordischen Gott der List) repräsentieren soll, interagiert mit der Band und dem Publikum, während „Deceiver of the Gods“ für wildes Headbanging sorgt.

Von einem Song zum nächsten verwandelt sich fast alles: Nun sind die Kriegerstatuen weg. Inmitten eines unruhigen Meeres erstreckt sich plötzlich ein Drakkar von einer Seite der Bühne zur anderen für „Put Your Back Into the Oar“. Hegg lädt die Fans ein, sich hinzusetzen und so zu tun, als würden sie rudern; eine Amon-Amarth-Tradition.

Skål! Auf die Heiden von Berlin

Amon Amarth geizen nicht mit Pyrotechnik rum. Für „First Kill“ sind Wikingerkrieger im Einsatz, die gegeneinander kämpfen, bis einer dem anderen die Kehle durchschneidet und ihn von der Bühne schleifen muss. Für „Raise Your Horns“ kommen selbstverständlich die Trinkhörner raus. Die Schweden stoßen auf ihr Publikum an – „Skål!“, schreien alle im Einklang. Und es ist langsam klar, dass es nach einer Stunde zu Ende geht.

Eine monströse Seeschlange zeigt ihre scharfen Zähne, während ein Sturm tobt. „Twilight of the Thunder God“ ist die perfekte Zugabe. Ein goldener Feuerregen und eine ordentliche „gute Nacht“ besiegeln das Ende das Konzertes. Für mich war dies das zweite Amon-Amarth-Konzert in drei Jahren. Auch wenn es dem 2019er-Konzert sehr ähnlich war, ohne große Änderungen in der Show (obwohl zwischenzeitlich ein neues Album herauskam), kann ich ziemlich sicher sagen, dass niemand unzufrieden nach Hause gegangen ist.