Ana Moura beweist in Berlin, dass man zu portugiesischem Fado auch tanzen kann

Die Sängerin gibt im Festsaal Kreuzberg ein Konzert vor einem sehr gemischten Publikum. Hautenge Kleidung und eine tiefe Stimme sind ihr Markenzeichen.

Ana Moura bei einem Auftritt in Porto, Portugal 
Ana Moura bei einem Auftritt in Porto, Portugal Imago/Rita Franca

Ana Moura steht auf der dunklen Bühne, von Rauch umspielt, in figurbetonter Kleidung und sie singt laut, selbstbewusst, den Kopf in den Nacken gelegt. Wie sie da steht, nimmt sie die ganze Bühne, den ganzen Saal für sich ein, mit der Stimme, mit ihren ausladenden Bewegungen. Ana Moura singt in „Janela Escancarada“ von ihrem neuen Album von einem Fenster, das in ihrer Brust eingebaut sei. „Es ist weit offen“, ruft sie, aber das Fenster sei aus Metall gemacht. Im Refrain heißt es: „Tu dir bloß nicht weh!“

Eigentlich war sie angekündigt als Portugals populärste Fado-Sängerin, doch was diese Frau im pinken Top und hautengen Leggings auf der Bühne darbietet, hat nichts mit dem zu tun, was sonst unter Fado aufgeführt wird: Ana Moura trägt kein schwarzes Tuch um die Schultern, fast kein Song an diesem Abend überträgt die Stimmung von Saudade, dem portugiesischen Weltschmerz, der diese Musik seit Jahrhunderten auszeichnet.

Die 43-jährige Portugiesin hat den Fado neu interpretiert: Es ist eine dem Leben zugewandte Form, an manchen Stellen fast fröhlich und sexy. Sie singt an diesem Abend vor allem Stücke von ihrem neuen Album „Casa Guilhermina“. Darauf sind viele Lieder, wie „Andorinhas“ und „Mazía“, die im Rhythmus von Angola beeinflusst sind. Es ist der Ort, wo ihr Vater ihre Mutter kennengelernt hat. 

Berlin sei ein besonderer Ort für sie, sagt sie gleich zu Beginn. Sie tritt regelmäßig  hier auf. Schon vor rund einem Jahr hatte sie das Album hier präsentieren wollen, doch wegen der Geburt ihres Kindes verschob sich alles noch einmal. Damals sang sie in der Philharmonie, davor trat sie im Haus der Kulturen der Welt auf und davor in der Passionskirche. Wie ein Chamäleon passt sie sich diesen verschiedenen Orten an. Kein Wunder, sie hat nicht nur in der Carnegie-Hall gesungen, sondern auch mit Mick Jagger sowie Prince jeweils ein Duett aufgenommen.

Dieses Mal also Festsaal Kreuzberg. Das Publikum ist so gemischt, wie sich das für Berlin gehört, 20-Jährige neben Rentnern, Exil-Portugiesen und sogar Brasilianer. Einige sind offensichtlich zum ersten Mal in einem Konzert, bei dem es Stehplätze gibt. So wähnt sich eine ältere Frau offenbar in einem Opernhaus und zischt böse ihren Steh-Nachbarn zu: Hören Sie auf zu sprechen!

Doch Ana Mouras tiefe Stimme übertönt auch das und vereint letztlich alle hinter sich. Ein Höhepunkt des mit rund 80 Minuten recht kurzen Konzerts ist sicher „Arraial Triste“, das Lied vom „Traurigen Rummelplatz“. Mit seinen Pop-Beats erinnert es eher an Rosalía, die offenbar tatsächlich eine Inspiration war für Mouras neues Crossover-Album. Bei Rosalía sind es der Flamenco und Texte auf Catalan, die sie zu Weltruhm brachten. Bei Ana Moura ist es eben der Fado.

„Arraial Triste“ klingt nicht traurig, behandelt aber wieder die Themen des Fado, eine Leere, ein Gefühl für den Menschen in der Natur. Sie singt von Türen, die sich ohne ihr Zutun schließen und von einem Tanz, den sie nur dem Vollmond widmet. Und während sie das tut, tanzt auch das Publikum, schließlich hatte Ana Moura sie vorher dazu aufgefordert. Es ist ja kein Opernhaus hier.