Alle lieben Arlo Parks. Michelle Obama, Billie Eilish, sämtliche Magazine, Radiosender und natürlich das Internet. 116.000 Follower auf Instagram, 31.000 Abonnenten auf YouTube, drei Millionen Hörer auf Spotify. Es scheint kein Tag zu vergehen, an dem nicht die 20-jährige Newcomerin, die gerade mal zwei EPs und nun ihr erstes Album mit dem Titel „Collapsed in Sunbeams“ veröffentlicht hat, irgendwo aufploppt.

In den Feuilletons großer Tageszeitungen und Magazine wird darüber sinniert, wieso Parks der nächste Star ist – ob es an ihrer Bisexualität liegt, an ihrer Hautfarbe, an ihrer Schönheit, an ihrer Stimme oder besser: an allem zusammen. Dabei ist das Beste an der Britin, dass ihre Musik genügt und das Albumdebüt somit keiner großen Erklärung bedarf. Ihre hohe, warme Stimme und eine Mischung aus Jazz, Soul, Trip-Hop und R&B gehen so schnell ins Ohr, dass es sogar passieren kann, das man plötzlich zu weinen beginnt und gar nicht weiß, warum. Erst wenn man sich dann die zwölf Lieder und die jeweiligen Liedzeilen vornimmt, wird einem bewusst, wie nahbar und tiefgründig Parks ist.

Caroline und der schwarze Hund

In dem Stück „Caroline“ singt die Sängerin mit nigerianischen, tschadischen und französischen Wurzeln etwa über ein streitendes Pärchen, das sie an einer Bushaltestelle beobachtet. Eigentlich keine große Sache, doch Parks haucht der Szene mit so wenig Worten so viel Leben ein, dass ein Satz wie „Caroline, ich schwöre auf Gott, dass ich es versucht habe“ mehr Bilder im Kopf weckt als eine Filmszene in einem britischen Liebesdrama. Trommeln, E-Gitarren, Funk-Riffs, Samples und Figuren, die an Radiohead und Portishead erinnern. Man ist jetzt nicht mehr der Hörer in Berlin, sondern Parks in London, an einem regnerischen Tag, an dem man über eine zerbrochene Beziehung nachdenkt.

Das Lied „Black Dog“ setzt dann noch einmal tiefer an: Zu leichten Gitarrenakkorden und verloren wirkenden Synthieklängen erzählt Parks mit trauriger Stimme, wie sie einem Freund aus der Depression helfen möchte –„Lass uns zum nächsten Store gehen und ein wenig Obst kaufen; ich würde alles tun, um dich aus diesem Zimmer zu kriegen.“ Im Refrain zieht sie ihre Stimme so sanft über die Akkorde, wie man eine Decke über ein kleines Kind legt. Selbst wenn man hier eine Träne vergossen hat, fühlt man sich jetzt in vertrauter Gesellschaft.

Die Lobeshymnen auf die junge Sängerin sind zweifelsohne berechtigt. Jeder Song berührt, verführt und entführt. Man kann davon ausgehen, dass Arlo Parks damit Pop-Geschichte schreibt – und diese hoffentlich fortsetzt.

Arlo Parks: „Collapsed in Sunbeams“ (Pias/Transgressive /Rough Trade)