Berlin - Schneefall, eisige Kälte und Corona. Das sind genug Gründe, um derzeit kein Konzert vor Publikum zu spielen. Wie soll es auch gehen? Ein leichter Lockdown legt seit Wochen die Stadt lahm, Abstands- und Hygieneregeln müssen streng eingehalten, Massenversammlungen verhindert werden. Und selbst wenn eine Band zum Beispiel auf der Berliner Waldbühne spielen und sich nur wenige Zuschauer gemäß der Richtlinien verteilen würden, wäre es viel zu stürmisch, um das Konzert genießen zu können.

Die Berliner Rockgruppe „Milliarden“ hält es dennoch nicht von Auftritten ab. Sänger Ben Hartmann und Multiinstrumentalist Johannes Aue haben sich anlässlich ihres neuen Albums „Schuldig“ ein Live-Konzept überlegt, das trotz der momentanen Hindernisse funktionieren soll. Die beiden Mittdreißiger haben hierfür das Innere eines weißen VW-Busses in eine kleine Konzerthalle umgebaut. Im hinteren Teil befindet sich eine Bühne unter bunten Papierrosen und einer Lichterkette, im vorderen ein schwarzer Sessel, an der Wand Konzertplakate – dazwischen eine Plexiglasscheibe.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Für das Konzert hat die Band einen Bus umgebaut.

Auf dem Instagram-Kanal der Band kündigte Hartmann an, dass immer nur eine Person hier Platz nehmen soll – fünf werden es insgesamt sein, verteilt an einem Tag mit genug Lüftungs- und Desinfektionszeit. Pressevertreter wurden einzeln für die Zeiten dazwischen und nur für eine Besichtigung eingeladen. Alle anderen konnten für das Konzert auf dem Instagram-Kanal kommentieren, die Gewinner wurden gelost. 

Im Schneesturm vor dem Badehaus

Der Tourauftakt beginnt in Berlin. Am Montag um kurz vor 12 Uhr steht die Band vor dem verschneiten Berliner Badehaus auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain. Auf den ersten Blick fällt ihre weiße Konzerthalle nicht auf, dafür schneit es zu sehr auf dem Platz. Doch sobald die Wagentüren aufgehen, strahlen die Lichter der Bühne nach außen und man schaut neugierig rein.

Drei Wochen haben Hartmann und Aue für den Bau gebraucht, inspiriert haben sie Gefängnisse. Hartmann weist im Wageninneren auf zwei Mikrofone hin – eines vor und eines hinter der Scheibe. „Das ist wie mit dem Telefon für Gefängnisbesucher“, sagt Hartmann. „Du kannst dich nicht berühren, aber sprechen, und genauso können wir trotz Schutzscheibe mit dem Zuhörer reden.“ Den Dialog trotz Corona aufrechtzuerhalten, sei dem Musiker hier besonders wichtig. „Eine Zuhörerin erzählte etwa von ihrer Schwester, die am Staatsballett tanzt, und wie es ihr mit der derzeitigen Situation geht. Das ist für uns spannend“, erzählt Hartmann. Sie hätten kurz darüber geredet, dann ihre Lieblingssongs gespielt. 20 Minuten hatten sie insgesamt, dann wurde der Fan verabschiedet, es wurde gelüftet und gereinigt. Eine kurze, aber intensive Begegnung. „Umso weniger Publikum da ist, umso herausfordernder ist es“, sagt Aue.

Aue und Hartmann kennen sich von einem Vorsprechen an der staatlichen Hochschule für Schauspiel in Bochum und machen seither Musik. Ihre erste EP „Kokain und Himbeereis“ erschien im Jahr 2014, 2016 wurde das Studioalbum „Betrüger“ veröffentlicht, das sogleich auf Platz 25 der deutschen Albumcharts landete. Es folgten weitere Releases, die Gründung der eigenen Plattenfirma Zuckerplatte sowie zahlreiche Liveauftritte, bei denen sie von den Musikern Findan Cote, Philipp Malong und Florian Eiles unterstützt werden. „Schuldig“ ist das dritte Studioalbum, am vergangenen Freitag ist es erschienen.

Foto: dpa/Sina Schuldt
Die Berliner Band „Milliarden“ bei ihrem Auftritt im „CLUB100“ in Bremen.

Pandemiegerechte Veranstaltungen

Obwohl sie damit längst keine Newcomer mehr sind, mag ihr schnoddriger Gitarren-Pop, der irgendwo zwischen Montreal, Madsen und Selig hängt, für die ganz große Masse weiterhin unbekannt sein. Klar, dass sie so wie viele aufstrebende Bands auf Livemöglichkeiten angewiesen sind, um neben Einnahmen auch ein breiteres Publikum zu erreichen. Mit einem Auftritt beim Reeperbahn Festival 2020 in Hamburg sowie im Rahmen des „CLUB100“ in Bremen – wo derzeit Streamingkonzerte stattfinden und, sobald es die Pandemie zulässt, örtliche Shows mit Sicherheitsmaßnahmen – fanden sie unter anderem zwei pandemiegerechte Veranstaltungen. Während diese beiden aber subventioniert wurden und Tickets verkauften, bringt ihr eigenes Live-Konzept kein Geld.

„Wir machen minus“, verrät Hartmann, „aber das ist ok.“ Die beiden Musiker erzählen davon, wie sie unbedingt ihr Album rausbringen und dann trotz Pandemie und Wetter die neuen Songs spielen wollten. „Gerade in der Krise braucht man Musik“, sagt Hartmann. „Wir investieren jetzt und hoffen auf gutes Karma“, ergänzt Aue. Sie würden es als Pilotprojekt sehen und freuen sich sichtlich auf ihre wenigen Gäste.

Um 12.30 Uhr steht dann schon der nächste Fan bereit. Wie erhofft hat niemand den Standort verraten, um Menschenansammlungen zu verhindern. Als Nächstes wollen sie in Leipzig, Nürnberg und Hamburg spielen, vier weitere Städte sollen noch folgen. Die jeweils fünf Personen, die die Chance auf das kleinste Konzert einer Stadt haben, sind schon ausgelost. Eine offiziellen Tour zum Album „Schuldig“ wird dann im Jahr 2022 stattfinden – auf der großen oder im Notfall auf der kleinen Bühne.

Weitere Infos zur Band sowie zu künftigen Konzerttermine finden sich unter: www.milliardenmusik.de