Barrie Kosky: „Kreischende, tuntige, durchgedrehte Männer - ich liebe es!“

Barrie Koskys erste Inszenierung als Nicht-Intendant der Komischen Oper ist „La Cage aux Folles“. Hier spricht er über die queere Szene und Silvester in Berlin.

Barrie Kosky ist zwar nicht mehr Intendant der Komischen Oper, aber er inszeniert dort immer noch. Am Sonnabend hat das Musical „La Cage aux Folles“ Premiere.
Barrie Kosky ist zwar nicht mehr Intendant der Komischen Oper, aber er inszeniert dort immer noch. Am Sonnabend hat das Musical „La Cage aux Folles“ Premiere.Benjamin Pritzkuleit

Wir treffen Barrie Kosky zwischen den Proben für das Musical „La Cage aux Folles“ in der Komischen Oper. Er ist dort seit dem Ende der letzten Spielzeit zwar nicht mehr Intendant, aber er ist Hausregisseur. Die Kantine ist voll, am Nebentisch stimmen ein paar junge Männer ein „Happy Birthday“ an. Es sind die Tänzer, der Schauspieler Stefan Kurth macht Fotos. Er spielt in diesem Stück, in dessen Mittelpunkt ein schwules Paar steht, die Rolle des Albin, der sich im Nachtclub in den Travestiestar Zaza verwandelt. Nun will der Sohn der beiden schwulen Männer heiraten, doch was tun mit den konservativen Schwiegereltern in spe? Die Antwort gibt es vom 28. Januar an in der Komischen Oper, dann ist Premiere.

Herr Kosky, waren Sie zu Silvester in Berlin?

Zu Weihnachten war ich in Paris, aber zu Silvester war ich hier in Berlin.

Haben Sie die anschließende Debatte zu den Krawallen verfolgt?

Natürlich! Ich wohne zehn Minuten entfernt von der Pallasstraße in Schöneberg. Da hat es ja auch geknallt. Mein Lösungsvorschlag: Steuergeld für ein fantastisches Feuerwerk-Konzert auszugeben, das frei ist für alle. So wie in Sidney. Privates Feuerwerk ist dort verboten.

Wie sehen Sie die Integrationsdebatte, die sich angeschlossen hat?

Es ist die alte Trope: Sie haben fremde Vornamen, also klagt man die Migranten an. Wir sollten aber eine andere Frage stellen: Warum fühlen sich diese jungen Migranten nicht als Teil der Gesellschaft? Aus der Geschichte weiß man doch, dass immer, wenn eine große Zahl von Menschen in ein Land kommt, man sich richtig darum kümmern muss, dass diese neuen Menschen sich als Teil der Gesellschaft fühlen. Das bedeutet Bildung, Sprache, Integration und Geduld. Wenn so etwas passiert wie zu Silvester, ist eigentlich etwas falsch mit der Integrationsstruktur.

Was ist denn Ihrer Meinung nach das Problem mit der Integration?

Dass alle Emotionen – ob gut oder schlecht – unter dem Deckel gehalten werden können, das ist unmöglich. Da ist ein Vulkan. Aber dionysische Energie kann konstruktiv und destruktiv wirken. Natürlich ist Gewalt gegen Polizei und Feuerwehr unerträglich. Aber der Grund dafür ist nicht, dass diese Menschen alle schlecht sind. Das ist zu einfach. Und es spielt leider in die Hände mancher Politiker, die das für ihre Zwecke benutzen. Integrationspolitik kann sich nicht darin erschöpfen, dass man Hände am Hauptbahnhof schüttelt: Willkommen in Deutschland, hier sind ein paar Monate Sprachkurs und ciao. – Das ist alles wunderbar, aber das ist keine Integrationspolitik.

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Benjamin Pritzkuleit
Zur Person
Barrie Kosky wurde als Enkel jüdisch-polnischer und jüdisch-ungarischer Einwanderer 1967 in Melbourne, Australien geboren. Er studierte Klavier und Musikgeschichte an der Universität Melbourne und wandte sich danach der Regie zu. Kosky inszenierte zunächst in Australien, 1996 wurde er Künstlerischer Leiter des Adelaide-Festivals, von 2001 bis 2005 war er Co-Direktor des Wiener Schauspielhauses.

Seit der Spielzeit 2012/13 war Kosky Intendant der Komischen Oper Berlin. Hier machte er unter anderem durch die Wiederentdeckung von Operetten aus der Weimarer Republik auf sich aufmerksam. Nach der Spielzeit 2021/2022 übergab er die Intendanz an die Geschäftsführende Direktorin Susanne Moser und den Operndirektor Philip Bröking. Bis 2027 bleibt Kosky Hausregisseur mit zwei Inszenierungen pro Jahr.

Jetzt zu Ihnen: Wie fühlen Sie sich als Nicht-Intendant der Komischen Oper?

Da gibt es keinen Unterschied zu meiner Zeit als Intendant. Jetzt wieder an der Komischen Oper zu arbeiten, ist wie zurück in eine Familie zu kommen, die von Respekt, Liebe und Freude geprägt ist. Es ist etwas ganz Besonderes, dass ein Intendant nach zehn Jahren aufhört und mit dem Haus trotzdem verbunden bleibt. Für mich ist das Ausdruck der Einzigartigkeit der Komischen Oper.

Was ist daran so einzigartig?

Normalerweise kann ein Intendant nicht sagen: Ich höre auf, aber in sechs Monaten bin ich wieder da für ein paar Inszenierungen. Aber angesichts der Veränderungen an der Deutschen Oper und der Staatsoper ist es gut, dass es wenigstens an einem Haus eine Kontinuität für die nächsten schweren Jahre gibt. Für mich war das eine Win-win-Situation. Ich konnte mir nicht vorstellen, in Berlin nicht an der Komischen Oper zu arbeiten, auch wenn ich eine enge Beziehung mit dem Royal Opera House in London habe – dort mache ich einen neuen „Ring“ mit Toni Pappano – und auch mit Amsterdam und München. Aber Berlin bleibt mein Wohnsitz, und ich habe eine sehr spezielle Beziehung zum Berliner Publikum. Wie zu keinem anderen Publikum auf der ganzen Welt. Die Berliner verstehen mich und ich verstehe Berlin. Es ist ein match made in heaven – eine ideale Verbindung.

Ihre erste Inszenierung als Nicht-Intendant ist das Musical „La Cage aux Folles“. Was interessiert Sie daran?

Ich liebe dieses Stück nicht nur aus künstlerischen Gründen, sondern auch aus einem sehr persönlichen Grund. Es hatte 1983 am Broadway Premiere, und im Januar 1984 war ich mit meinem Vater in New York. Ich war damals fast 17. Mein Vater war Pelzhändler und musste eine Woche nach Europa, ich blieb in der Obhut von Freunden in Downtown. Er hat mir ein bisschen Geld dagelassen, und ich war praktisch allein in New York. Fantastisch! Ich war damals schon besessen von Theater und Oper, und mein Vater hatte mir ein paar Karten besorgt.

Für „La Cage aux Folles“?

Nein, aber ich sah auf dem Broadway das Plakat, sah die Fotos mit den Federboas, all der Üppigkeit und kaufte mir eine Karte für eine Matinee, wie sie dort mittwochs und sonnabends stattfanden. Ich wusste damals schon, dass ich schwul war, saß im zweiten Rang, und war plötzlich mit dieser fantastischen Fantasiewelt von Transvestiten, Farben und einem Musical konfrontiert, in dem zwei schwule Männer die Hauptrolle spielten. Ein Paar, das sich küsst, lacht, dessen Beziehung im Mittelpunkt steht. Wenn man ein gutes Broadway-Musical sieht, dann ist das wie ein guter Wagner mit den besten deutschen Sängern in Bayreuth. Es kann nicht besser sein. Ich war hin und weg.

Was ist noch interessant an „La Cage“?

Dass dieses Stück der Geschichte der queeren Community folgt. Nach den Kämpfen der Schwulenbewegung und der sexuellen Revolution in den Sechziger- und Siebzigerjahren zelebriert es den Stolz auf schwule Identität. Doch dann kam Aids. Bang! Und „La Cage“ wurde zu einem Stück über das Überleben. Als dann immer mehr Menschen starben, wurde es zusammen mit seiner Hymne „I am what I am“ zu einem Denkmal. Diese Nummer hat eine unglaubliche Tiefe.

Der Regisseur Barrie Kosky in der Besucher-Garderobe der Komischen Oper
Der Regisseur Barrie Kosky in der Besucher-Garderobe der Komischen OperBenjamin Pritzkuleit

Wie ging es danach weiter?

In den Neunzigerjahren war das Stück nicht so populär, aber in den Nullerjahren erfuhr es eine Renaissance. Aids war dank der Medikamente unter Kontrolle, man konnte in den Zelebrier-Modus zurückkehren. Es ist einzigartig, dass ein Musical so viele Wandlungen durchmacht. In den USA wurde wieder über die Homo-Ehe diskutiert, wie schon kurz vor Aids in den Achtzigerjahren. Und obwohl die beiden Protagonisten nicht über Heirat sprechen, geht es in „La Cage aux Folles“ um die Definition von Familie und Elternschaft. Und es geht um das endlose Problem mit rechtsextremistischer Politik. Der Vater der jungen Frau, die den Sohn der beiden Männer heiraten will, ist Mitglied einer religiösen, rechten Partei. Und an seinen Dialogen, die ja aus dem Jahr 1983 stammen, merkt man, dass sich nichts geändert hat. Leider.

„La Cage“ ist nach „Kiss me Kate““, „Anatevka“ und „West Side Story“ das vierte Musical, das Sie an der Komischen Oper inszenieren. Ist das Teil Ihres Kampfes gegen den Hochkultur-Snobismus der Deutschen?

Viele Deutsche haben aus historischen und kulturellen Gründen eine problematische Beziehung zu Unterhaltungskultur. Und ja: Viel Snobismus ist auch dabei. Aber diese Unterhaltungsstücke haben eine unglaubliche Tiefe, sie sind Juwelen der musikalischen Landschaft. Diese Ohrwürmer von Jerry Hermann in „La Cage“!

Wie passt das Stück  heute in die queere Szene, die sich ja sehr diversifiziert hat?

Von einigen habe ich gehört, dass „La Cage aux Folles“ heute ein bisschen altmodisch sei. In den Neunzigerjahren kam in einem Teil der schwulen Community die Frage auf, warum man so tuntig sein muss. Man solle maskuliner werden, im Fitnessstudio trainieren. Auf den Dating-Apps hieß es: Ich bin ein straight acting gay man, ein schwuler Mann, der sich benimmt wie ein Hetero-Mann. Furchtbar! Erst gab es all diese Kämpfe um schwule Identität und dann das! Straight acting – das bedeutet ja, dass man nicht merkt, dass jemand schwul ist. Dass er sich tarnt, sich ins heterosexuelle Gesamtbild einfügt. Ich liebe an der queeren Kultur, dass wir uns nicht einfügen. I don’t want to blend! Das ist ein Alptraum für mich. Ich liebe es, von kreischenden, tuntigen, durchgedrehten Männern umgeben zu sein. Und ich freue mich, dass queere Identität zu einem grenzenlosen Ozean geworden ist, in dem Frauen maskuline Seiten haben können, Männer weibliche. Grenzen sind uninteressant und scheißegal.

Aber sind Alban und Georges nicht irrsinnig normal?

Nein. Ihre Wohnung ist nicht normal, und Albans Alter Ego Zaza ist es auch nicht. Sie wollen nicht Normalität, sondern Akzeptanz als Eltern. Das ist das heutige Thema des Stücks: dass ein Elternpaar aus zwei Männern bestehen kann. Denn dieses Thema ist nicht erledigt. Auch wenn Merkel sich überraschenderweise kurz vor der Wahl für die Homo-Ehe ausgesprochen hat. Ich meine, wir leben in Berlin. Diesem kosmopolitischen Publikum hier ein Stück anzubieten, dessen Botschaft lautet: Wir sollen die Schwulen lieben – das reicht nicht. Dieses Stück fragt, was Familie ist, was Elternschaft.

Wie sehen Sie denn die Diversifizierung der queeren Szene?

Alles ist im Wandel. Und man sollte nicht denken, dass es irgendwo einen Endpunkt gibt. Wenn ein Zwanzigjähriger die Welt ändern will, sage ich: Chapeau, auch wenn ich manchmal vielleicht denke, das ist ein bisschen zu viel. Es ist wunderbar, dass Sexualität eine große Landschaft mit vielen unterschiedlichen Stimmen ist. Ich möchte in einer Welt leben, in der sexuelle Identität und Orientierung kein Thema sind. Dass jeder machen kann, was er will, solange er nicht das Gesetz bricht oder jemanden verletzt. Aber leider leben wir nicht in so einer Welt. Die Hysterie in Bezug auf trans Personen macht mich wütend. Die meisten Menschen, die so reagieren, werden niemals in ihrem Leben einer trans Person begegnen.

Was bewegt Sie noch?

Mir ist wichtig, dass die Geschichte der Schwulenbewegung nicht vergessen wird. Ich bin 55, meine jungen Tänzer sind 24, 25, 26 Jahre alt. Sie sind in einer schwulen Community aufgewachsen, in einer westlichen demokratischen Welt, in der es Tabletten gegen Aids gibt und ihre sexuelle Orientierung akzeptiert wird. In einer Welt, in der sie heiraten können. Aber wer von ihnen hat sich damit beschäftigt, was in den Sechziger- und Siebzigerjahren los war? Wer von ihnen weiß, wie viele Menschen gestorben sind und was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der man seine Identität verstecken muss, wenn einem das Leben lieb ist? Wir sehen das jetzt im Iran, in Qatar, in China, in Russland. Das kann sehr einfach kippen.