Berlin - Man stelle sich einmal vor, man könnte den Moment, in dem ein Song entsteht, besitzen. Eine Aufnahme dieser wenigen Sekunden, in denen eine neue Melodie, ein Akkord zum allerersten Mal aus einem Instrument erklingt, noch bevor es zum Musikstück wird. Gewissermaßen die erste Zelle eines potenziellen (Lieblings-)Liedes.

Eine, die solche Eingebungen hat, ist Ema Jolly, die als Musikerin, Sounddesignerin und Berghain-Resident Emika bekannt ist – aber auch als Patreon-Nutzerin und NFT-Begeisterte. Wir treffen die 35-Jährige zum Gespräch im Lapidarium Kreuzberg, wo steinerne Statuen vergessener Kurfürsten stehen. Das Haus mit kleinem Garten gehört einem Kunstsammler. Jolly mag die Kontraste, das Alte und Neue, Licht und Schatten. Seit 2007 lebt sie in Berlin und fühlt sich „angepflanzt“, wie sie sagt. „Berlin ist ein gestörter Ort, und hat eine krasse Energie. Die realste Stadt, die ich gefunden habe“. Das Aufeinanderprallen von Ost und West fasziniere sie, gehört es doch längst zu ihrer Biografie dazu: Ihre Mutter ist Tschechin, ihr Vater Brite – die Besuche in kommunistischen Bauten in Prag gehörten zu ihrer Kindheit wie Kids mit Nike-Turnschuhen in London.

Benjamin Pritzkuleit
Ema Jolly mag Kontraste, das Spiel von Licht und Schatten.

Im Herbst erscheint nun Jollys achtes Album „Vega“. Anlass ist ihr zehnjähriges Bestehen im Musikgeschäft. „Das ist wie ein Fazit meiner Arbeit“, erklärt sie. Es versammele alle musikalischen Bereiche, in denen sie sich bewege: harter, aber melodischer Elektro, psychedelischer, experimenteller Stoff und Klassik. Nicht ungewöhnlich im Musikbusiness, aber Jolly hat ein besonderes Gespür für Widersprüche, für das Vermischen von Stilen, für das Ausloten von Grenzen. In Fachzeitschriften wird sie dafür regelmäßig hoch gelobt.

Künstlerin im Streaming-Zeitalter

Stunden um Stunden sitzt sie also vor ihrem Bildschirm im Studio, bastelt an grauen Bausteinen der DJ-Software, zerschneidet und sortiert die Soundebenen. Es ist eine sehr technische, einsame, „absurde Arbeit“, die jedoch dann, wenn die Elemente miteinander funktionieren, einen Schub von Euphorie in ihr auslösen, wie sie sagt.

Dass Künstlerinnen im Streaming-Zeitalter monetär kaum etwas davon haben, ist ihr bewusst. Für einen abgespielten Song bei Spotify bekommt ein Act weit weniger als einen Cent. Dazu die abgesagten Auftritte, keine Gagen. „Spotify ist eine Tür“, sagt Jolly. Die Plattform verschaffe Sichtbarkeit, doch leben kann man davon nicht. „Ich gebe dir ein Stück meiner Seele, und du gibst mir keinen Euro?“, dachte sie sich zu Anfang der Pandemie und suchte sich Leute, die ihre Arbeit wertzuschätzen wissen. Etwa auf der Plattform Patreon.

Laut der Homepage des Betreibers sind über 200.000 Künstlerinnen und Künstler angemeldet, die ihre Tätigkeit von über sechs Millionen Unterstützenden (teil-)finanzieren lassen. Je nach monatlicher Summe bekommen Fans dann Merch-Pakete, Newsletter oder Vor-Veröffentlichungen. Jolly hat 130 Patreons. Sie kennt alle beim Namen, mit manchen telefoniert sie regelmäßig, oder produziert für sie sogar eigens Tracks. Von deren Spenden zahlt sie Miete, Technik, und setzt neue Ideen und Projekte um.

Die Samen von Songs

Bei einer Idee geht es darum, wie man ein Lieblingslied besitzen kann. Das geht zum Beispiel mit der Blockchain. Die Kunstbranche feiert die Kryptowährungen bereits. Die Technologie dahinter heißt Blockchain, damit lassen sich NFT erzeugen, „Non-Fungible Tokens“, mit denen sich digitale Dateien, wie Bilder, Animationen, und Musik so kodifizieren lassen, dass das Original erkennbar ist und letztlich käuflich. Wie auch Scooter, Kings of Leon und Cro steigt Jolly hier also ein.

Benjamin Pritzkuleit
Ema Jolly lernte als DJ zu improvisieren.

Wenn sie am Klavier nach neuen Melodien sucht, dann läuft das Handy mit. Sie hat zig Audio-Dateien, die die ersten Sekunden ihrer Stücke dokumentieren. „Die Samen von Songs. Die Zellen“, nennt sie die Demos. Sie wippt ein wenig, so, als würde sie gerade an eines denken. Es gehe darum, den „inspiriertesten“ Moment, die Entstehung eines Stückchen Kunst, in der eigenen Musikbibliothek zu sammeln. Ob das nun die Indie-Branche rettet? Oder feuert es schlicht den High-End-Konsum des analogen Kunstmarktes in die digitale Pop-Sphäre?

Im Lapidarium dreht sich Jolly eine Zigarette. Auf alles hat die Berlinerin natürlich keine Antwort. Die Stimmen aus der Musikbranche sind ebenfalls uneindeutig. Wichtig ist für Jolly sowieso das Handeln, das Sich-Bewegen. Sie erzählt noch ein wenig von ihrem Werdegang: klassische Klavier- und Kompositionsausbildung, Studium der Musiktechnologie im britischen Bath, dann Dub-Step und Techno, ein Labelvertrag bei Ninja Tunes sowie die eigene Plattenfirma mit Musik, die sich in verschiedenen Facetten zeigen darf, grenzenlos sein kann. „Als DJ lernt man zu improvisieren“, berichtet sie. Das hat sie sich gut zu eigen gemacht.

Emika: „Vega“ (Emika Records) erscheint voraussichtlich im November 2021.