Pugnanis „Werther“-Melodram beim DSO: Das war ein richtig toller Abend

Sabin Tambrea sprach Auszüge aus einem der größten literarischen Erfolge des Abendlands. Der Text ergab mit der Musik von Gaetano Pugnani ein Melodram.

Der Schauspieler Sabin Tambrea 
Der Schauspieler Sabin Tambrea Sabine Gudath

Der schwache Besuch des letzten Konzerts des Deutschen Symphonie-Orchesters am Donnerstag in der Philharmonie ist als schändlich zu bezeichnen: Ein beliebter Schauspieler spricht Auszüge aus einem der größten literarischen Erfolge des Abendlands, das Konzert bewegt sich abseits der üblichen Rituale – und niemand kommt.

Der Schauspieler war Sabin Tambrea, der literarische Erfolg Goethes „Werther“, der Text ergab mit der Musik ein Melodram, und das ist ein seltener Gast in unseren Konzertsälen. Die Musik stammte von dem italienischen Frühklassiker Gaetano Pugnani – und den kennt eben keiner, schlimmer: Die Unlust, ihn kennenzulernen, übersteigt die Attraktivität von „Werther“ und Tambrea. Drum sei es hier mal plakativst gesagt: Das war ein richtig toller Abend.

Pugnani war seinerzeit ein sehr berühmter Geiger, der es als Komponist zu sechs Opern gebracht hatte. Als er auf den europäischen Bestseller des transalpinen Nachwuchsautors stieß, war er aus dem Alter der Zielgruppe längst heraus: Mit 58 Jahren schrieb er für ein bescheiden besetztes Orchester eine Musik aus 22 kurzen Nummern, deren Ehrgeiz in der Musikalisierung verschiedener Romansituationen lag – die Pausensetzung legt die Idee nahe, dass Teile des Romans dazu rezitiert wurden.

Tambrea hat vor seinem Schauspielstudium Unterricht im Dirigieren gehabt

Der Dirigent des Abends, Giovanni Antonini, ist von Haus aus Blockflötist und Gründer des Ensembles Giardino Armonico. Seit einigen Jahren und noch bis 2032 befasst er sich mit einer Gesamtaufnahme der Symphonien Haydns; er ist also mit dem klassischen Stil in allen Facetten vertraut. Er hat zusammen mit Tambrea eine Aufführungsfassung erstellt, denn in der Partitur gibt es keine Angaben zu den vorgesehenen Partitur-Abschnitten. Tambrea nun liest den Text mit einem Charme, der bei aller Sorgfalt in der Aufschließung des historischen Deutschs auch Distanz zum Helden vermittelt: Es gibt angesichts seiner Gefühlsexzesse durchaus Grund zum Schmunzeln. Aber nie wird sein Vortrag grob, mit durchaus musikalischem Formgefühl werden differenzierte Akzente gesetzt – Tambrea hat vor seinem Schauspielstudium Unterricht im Dirigieren gehabt.

Im Zusammenspiel mit der Musik entsteht auf diese Art ein Affektwörterbuch des klassischen Stils. Es muss jemandem schon sehr dreckig gehen, bevor man in dieser Zeit zum Moll greift – in der Oper des späten 18. Jahrhunderts waren Moll-Tonarten geradezu verpönt. Erst wenn Werther kurz vor dem Selbstmord steht, vernimmt man hier Töne, die an Mozarts frühe g-Moll-Symphonie erinnern. Bis dahin findet man den Aufruhr eher in den Figurationen der Instrumente – und Pugnani erweist sich als Meister eines vielfältig und ausdrucksvoll aufgefächerten Streichersatzes mit eingestreuten Soli von Violine oder Cello.

Den Naturseligkeiten des Romanbeginns stellt er orchestrale Texturen an die Seite, die Ravel in „Daphnis et Chloé“ nur noch in impressionistische Harmonik zu übersetzen brauchte: In den Streichern webt es, die Holzbläser kommen mit fast zufälligen Naturlauten dazu. Am Ende hören wir eines der ersten, charakteristisch-elegischen Englisch-Horn-Soli der Literatur. Und geradezu szenisch gerät die Ballszene mit den entsprechenden Tänzen und anschließendem Gewitter, dessen Dur-Tönungen auch Werthers innere Seligkeit im Gefühlsaufruhr wiedergeben. Das alles spielt das DSO unter Antoninis Leitung mit einer Sensibilität und Zärtlichkeit, der man sich nicht entziehen kann.