Schampus mit Lachsfisch: Franz Ferdinand in der Verti Music Hall

Mitgröl-Liedchen für Leute mit Köpfchen: Die fünf Schotten bewiesen beim Berlin-Konzert, dass Gitarrenrock aus den Nullerjahren blendend in unsere Zeit passt.

Franz-Ferdinand-Sänger Alex Kapranos in der Verti Music Hall.
Franz-Ferdinand-Sänger Alex Kapranos in der Verti Music Hall.Roland Owsnitzki

Die beliebte Glasgower Gruppe Franz Ferdinand, in den Nullerjahren bekannt geworden durch gute Frisuren und fetzigen Gitarrenpop, klingt noch frisch, obschon auch an ihr die Jahre nicht ganz spurlos vorbeigegangen sind: Am Montagabend gastierte die Band im Rahmen ihrer aktuellen Greatest-Hits -Tournee im seelenlosen, aber gut klingenden Funktionsraum Verti Music Hall. Und es ließ sich feststellen, dass der blonde Wuschelkopf, mit dem Bassist Bob Hardy einst neben exaltierten Fans gewiss auch potenzielle Schwiegermütter für sich zu gewinnen vermochte, einer Nummer-eins-Rasur mit Türsteher-Bart gewichen ist!

Verschleiß und Haarausfall sind eben auch Schläge vor den Kopf des alternden Popstars, aber Bob Hardy, schon immer ein Mann mit ausgeglichener Aura, nimmt es offenkundig mit Würde. Und „Hits To The Head“, so der Titel des zu bewerbenden Greatest-Hits-Albums, spielt natürlich nicht primär auf Midlife-Crisis an, sondern auf die Tatsache, dass Franz Ferdinand in ihrer über 20-jährigen Karriere so manches tanzbare Mitgröl-Liedchen für Menschen mit Köpfchen gezeitigt haben. So ist da natürlich der geschichtsträchtige Bandname; zudem kommen in Franz Ferdinands Liedern bildungsbürgerliche Wörter wie „Matinée“ oder „Ulysses“ vor.

Gleich zu Beginn des Berlin-Konzerts am Montagabend erschien die Band hinter einem großen, semi-transparenten Laken und spielte „The Dark of the Matinée“ vom Debütalbum „Franz Ferdinand“. Und eben auch „Ulysses“ vom dritten Album „Tonight: Franz Ferdinand“ wurde gegen Ende zur großen Zufriedenheit der Kunden aufgeführt.

Immerhin besitzt Alex Kapranos, Frontmann und neben Hardy einzig verbliebenes Gründungsmitglied, nach wie vor vernünftig arrangiertes Haupthaar, das er im Lauf der Darbietung auch gelegentlich fachgerecht schüttelte. Ganz wie in den Nullern, als das Debüt erschien, infolge dessen Franz Ferdinand als sympathischste Vertreter eines oft etwas inhaltsbefreit wirkenden Post-Punk-Gitarrenrevivals plötzlich auf den großen Bühnen der Welt regelmäßig mit BHs und Blumen beworfen wurden.

Franz Ferdinands Alex Kapranos.
Franz Ferdinands Alex Kapranos.Roland Owsnitzki

Mit Disco-Schlagzeug fast zur Ekstase

Auch beherrscht Kapranos nach wie vor seine elegant scharfen Bein-, Arm- und Gitarren-Moves. Mit besonderer Verve setzte er diese bei den Liedern des Debütalbums ein, dessen Pointiertheit die Band auf ihren weiteren vier Alben sowie ihrem Kollaborationswerk mit den Art-Pop-Göttern Sparks nie wieder ganz so, nun ja, pointiert hingekriegt haben. So bestand einer der besten Momente des Abends in einem jener frühen Lieder, das auf der Greatest-Hits-Kompilation gar nicht enthalten ist: nämlich „Jaqueline“, welches laut Kapranos in einer seiner vielen, teilweise etwas zu bemüht verschmitzt performten Anmoderationen von „einer typischen Glasgow-Frau“ handelt und den auch in Zeiten der Inflationspanik noch relevant erscheinenden Refrain enthält: „It’s always better on holiday/so much better on holiday/we only work when we need the money“.

Dass letzteres Statement auch in direktem Zusammenhang mit der Veröffentlichung eines Best-of-Albums und einer dadurch legitimierten Tour zusammenhängen könnte, blieb trotz druckvoller Performance ein leiser Verdacht, der im Laufe des Abends zwar leise blieb, aber niemals völlig schwieg. Dennoch bewiesen Franz Ferdinand die Fähigkeit, auch die banalsten Melodie- und Akkordfolgen, mit Disco-Schlagzeug unterlegt, auch heute noch gelegentlich recht nah an wahrer Ekstase kratzen zu lassen.

Die Menschen hüpften begeistert auf und ab, und nur den nerdigsten unter ihnen wird aufgefallen sein, dass die hübsch mit den Vornamen der Band beklebten Verstärker auf der Bühne nur Attrappen waren! Die Gitarren funkten ihr Signal kabellos ins digitale Mischpult, welches ihnen dann einen fürs Technikpersonal optimal kontrollierbaren Vintage-Sound anrechnete.

Trotzdem wirkte die Performance durchaus analog. Die bereits genannten Publikumsanfeuerungen durch Kapranos taten hierfür einiges, aber auch die Tendenz der Band, im Laufe eines Liedes langsamer zu werden. Es menschelte also! So auch in „Darts of Pleasure“ mit seiner deutsch gesungenen und sich eventuell den Verblendungszusammenhängen der postmaterialistischen Gesellschaft widmenden Coda „Ich heiße superfantastisch/ich trinke Schampus mit Lachsfisch“, die auf den seit 2016 ausgeschiedenen und in Deutschland aufgewachsenen Gitarristen Nick McCarthy zurückgeht. Unter dessen Einfluss wurden diese Zeilen nämlich etwas weniger unordentlich gesungen als heutzutage!

Aber egal – Gitarrist Dino Bardot, seit 2017 dabei, dengelte die vielen Gang-of-Four-haften Riffs ähnlich gut wie sein Vorgänger, Keyboarder Julian Corrie verlieh manchem Stück eine angenehm Gary-Numan-hafte Neudimension, und Schlagzeugerin Audrey Tait spielte in „Outsiders“ sogar ein Percussion-Solo!

So verließ man, das schüttere Haar womöglich in schottische Wolle kleidend, die Funktionshalle mit genug, woran man sich in diesen unsicheren Zeiten für einen nostalgischen Moment festhalten kann. Oder wie Franz Ferdinand es in der ersten Zugabe, dem neuen, auf „Hits To The Head“ erstveröffentlichten Stück „Billy Goodbye“ sangen: „Don’t forget the best bits“.