Der Karaoke-Kram ist mehr als Karaoke-Kram: Finale beim Festival Pop-Kultur

Beim dritten, letzten Tag des Festivals in der Berliner Kulturbrauerei macht sich Wochenendstimmung breit.

Das Konzert von Painting bei Pop-Kultur 2022 in der Kulturbrauerei.
Das Konzert von Painting bei Pop-Kultur 2022 in der Kulturbrauerei.imago

Es hätte auch nur eine Floskel bleiben können: dass der Pop uns zusammenbringt. Ja, so was sagt man gern, es klingt gut. Auch die Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hatte es sich am Eröffnungsmittwoch bei ihrer Ansprache im Palais nicht nehmen lassen, darauf hinzuweisen. Aber staatstragend ministeriale Reden und die Realität auf der Straße, auf dem Kopfsteinpflaster draußen, können ja mitunter recht weit auseinanderklaffen.

Überraschungs-Lieblingsort bei Pop-Kultur

Deshalb ist es besonders schön, dass die Menschen auf dem Areal der Kulturbrauerei wahrlich zusammenfinden. Auch Menschen in Rollstühlen etwa, die auf vielen anderen Festivals oder Konzerten eine Seltenheit sind. Als Überraschungs-Lieblingsort des Festivals entpuppt sich mehr und mehr (am Freitag ist es dann nicht mehr zu übersehen) die sogenannte Çaystube, eine überdachte Outdoor-Bühne mit Teebar, Gartenstühlen und Glitzer – und vor allen Dingen: mit der Möglichkeit, dort Karaoke zu singen, ach was, zu performen.

„Karaoke Express“ heißt das Projekt von Gal Sherizly und Nhu Huynh. Sie kreieren eine warme, liebevolle Atmosphäre, um Leuten den Mut zu geben, auf der Bühne vor Hunderten unbekannten Leuten Karaoke zu wagen. Manchmal unterstützen sie dann auch mit Background-Vocals. 

Am Freitagabend haben sich auf dem Kopfsteinpflaster des Festival-Areals schon größere Pfützen mit Regenwasser gesammelt. Die Konzerte von Die Ärzte auf dem Tempelhofer Feld und von Marteria in der Waldbühne sind da schon abgesagt wegen Unwettergefahr. Doch der Norden Berlins hier in der Kulturbrauerei scheint vergleichsweise Glück zu haben.

Der schönste Regen ist der „Purple Rain“

Der Regen, der wirklich reinhaut, ist „Purple Rain“ von Prince. Performt von einem Karaokewilligen, dessen Stimme sich als superwendig in Sachen Talking-Blues erweist – dann im letzten Drittel des Kultsongs aber auch noch in die Vollen, in die Höhen geht, als wollte er der Zauberflöten-Königin-der-Nacht Konkurrenz machen.

Das Publikum vor der Çaystube goutiert es mit Jubel. Die Stimmung ist ausgelassen, aber wohlwollend-friedlich, empowernd. Die mahnende Zeile „No fighting“ im nächsten Karaoke-Song (diesmal von Shakira beziehungsweise ihrer Karaoke-Mimin) wäre gar nicht notwendig. 

Der Spirit am Freitagabend: Pop ist wirklich eine Party für alle. Dazu passt, dass der Karaokespaß auch dadurch ganz besonders barrierearm ist, dass er nicht mal Eintritt kostet. Die Bühne ist zwar einerseits Teil des Pop-Kultur-Festivals, aber auch des Kultursommerfestivals Berlin 2022. Prima, dass das Konzept vom Papier wirklich aufging: Die Çaystube solle ein Ort der Entschleunigung sein, hieß es da. Auch das hätte ja so eine Floskel bleiben können. Aber nein, es geht auf. Für die Menschen hier gilt offensichtlich: Teetrinken statt Twittern. Mal runterchillen. Ist ja auch schon Wochenende. Manche haben vielleicht auch schon leicht einen im Tee, aber nur leicht.

Überschreiben, Aneignen und Grenzenwegwischen

Natürlich lohnt es sich auch, sich auf den karibischen Jazz von Xenia Rubinos im Maschinenhaus einzulassen oder im Palais auf den Post-College-Punk der Münchener Band namens Friends of Gas. Aber es ist und bleibt die Çaystube, wo mikrokosmisch am schönsten klar wird, was Pop alles sein kann, in seinem Überschreiben, Aneignen und Grenzenüberwinden. Hier ist der erlauchte Künstler, dort das niederkniende Publikum? Nee, bei Karaoke ist auch diese Grenze weggewischt. Der Karaoke-Kram ist eben mehr als Karaoke-Kram.