Anfang des Jahres spielte die Deutsche Oper Berlin den „Antikrist“ des dänischen Komponisten Rued Langgaard. Das Musikfest hatte vor einigen Jahren seine „Sphärenmusik“ aufgeführt. Am Donnerstag spielten die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Sakari Oramo Langgaards Erste Symphonie.

All diesen Werken eignet etwas grandios Spektakuläres und Ambitioniertes, das erklärbar und zu rechtfertigen ist nur durch die Jugend, in der sie entstanden: Seine Erste schrieb er als 15-Jähriger, revidierte sie mit 18 und brachte sie zwei Jahre später bei den Berliner Philharmonikern zur Uraufführung. Der große Erfolg des Werks ließ eine ebensolche Karriere erwarten – aber stattdessen verspielte Langgaard seinen Ruf schnell mit sonderbarem Verhalten.

Unbekümmerte Maßlosigkeit

Wie schade für ihn – aber er scheint einiges hinterlassen zu haben, das die Wiederentdeckung lohnt! Langgaards Erste Symphonie mit dem Beinamen „Klippenpastorale“ ist jedenfalls ein Stück, dessen handwerkliche Sicherheit und unbekümmerte Maßlosigkeit, dessen spätromantisches Wühlen zu hoher Originalität und stilistischem Eklektizismus gleichermaßen führen.

Die Ausführlichkeit des ersten Satzes umschließt den späten Wagner ebenso wie Bruckner, der zuweilen zitiert scheint, die emotionale Drastik eines Tschaikowsky. Dazu kommt eine fast erschreckende Virtuosität im Umgang mit einem schlichten Grundmotiv von wenigen Tönen und einem Orchesterapparat mit acht Hörnern und entsprechend großer Bläser- und Streicherbesetzung: Teilweise mit geräuschhafter Wirkung kombiniert Langgaard Blechbläser-Kontrapunkt und rasende Klangbänder des übrigen Orchesters. Wie kann man so etwas als gerade einmal Volljähriger können?

Wie bräsig dagegen ist Sibelius!

Die folgenden Sätze sind schlichter: bestrickend, was Langgaard mit chromatischen Vorhaltsakkorden im zweiten Satz anfängt, magisch der Beginn des „Sage“ überschriebenen dritten Satzes mit seinen verhangenen Hörnerklängen innerhalb eines hohlen Bläser-Klangraums. Das weckt Erinnerungen an den frühen Schönberg, aber auch an den visionären Anti-Akademismus eines Charles Ives: Langgaard erbte eine Tradition, aber er diente nicht ihrer Pflege. Man ahnt, dass hinter der expressiv-exzessiven Spannweite dieser Musik eine hochgespannte Gedankenwelt von Symbolismus und Theosophie steht – aber zugleich macht das Hören dieser Musik einen derartigen Spaß, dass man die Beschäftigung mit derlei gerne aufschiebt.

Oramo dirigierte das Werk so, die Philharmoniker spielten es so, dass man es gut kennenlernen konnte. Das ist beim rätselhaft beliebten Violinkonzert von Sibelius nicht nötig – aber was für ein bräsiges Zeug ist das im Vergleich! Janine Jansen indes vermochte den Hörer mit ihrem Solopart zu fesseln: Die Farben, Spannungen und Leidenschaften ihres Spiels ragten aus der sprachlosen Leere dieser Musik eindrucksvoll heraus.