Bernd Begemann: „Bürgerlich heißt, man kann seinen Scheiß in Ordnung halten“

Der Entertainer Bernd Begemann wird 60. Wir haben mit ihm über Humtata-Schlager, Hinterlist, Flirtverdacht und kulturelle Aneignung gesprochen.

Bernd Begemann, Sänger, Gitarrist und Entertainer
Bernd Begemann, Sänger, Gitarrist und EntertainerPhilipp Meuser für Berliner Zeitung am Wochenende

Das Liebeslied ist ihm heilig, auf Adorno gibt er einen Scheiß. In Japan singt Bernd Begemann „Die Gedanken sind frei“, in Deutschland schmachtet er nach Christiane, Judith und Simone de Beauvoir. Zum 60. Geburtstag am 1. November offeriert der Ventil Verlag dem ketzerischen Minnesänger ein Liederbuch mit einer Auswahl seiner Songtexte. „Gib mir eine zwölfte Chance“ beschwört die Liebe und lobt den Dissens, besingt die Heimat und das Autofahren. Wir sind mit Begemann zum Gespräch per Videochat verabredet. „Gib mir sieben Minuten“, bittet er per SMS. Auf die Sekunde genau sitzt er dann mit einem Espresso vor dem Bildschirm und beginnt zu plaudern. Ein Gespräch mit jemandem, der zum Meeressäugetier mutiert und lieber Crooner ist als Chansonnier.

Auf Ihrer Website geht es superlativisch zu: „Herr Bege­mann ist der musi­ka­lischste und der hin­ter­lis­tigste Frau­en­ver­ste­her der Repu­blik“, heißt es dort. Wie sind Sie zu dieser zweifelhaften Ehre gekommen, Herr Begemann?

Bernd Begemann im Bademantel
Bernd Begemann im BademantelPhilipp Meuser für Berliner Zeitung am Wochenende

Das steht da tatsächlich? Ich glaube, das hat jemand geschrieben für Geld. (lacht) Es geht aber tatsächlich bei mir oft um Empathie, und ein Schlüsselwort ist auch: verstehen. Ich hätte das aber längst ändern lassen müssen. Ich würde „Verstehen“ nicht binär in Frauen und Männer unterteilen. Du willst grundsätzlich verstehen, warum Menschen tun, was sie tun. Das ist die Wurzel jeder interessanten Beobachtung.

Zur Person
Bernd Begemann ist Sänger, Gitarrist und Entertainer. Er kam am 1. November 1962 in Braunschweig als Kai Stefan Rönnau zur Welt. Inzwischen lebt er in Hamburg und gilt auch musikalisch als stilprägend für die Hamburger Schule. Zu seinen Fans gehören Judith Holofernes, Dirk von Lowtzow und Thees Uhlmann.

Wie funktioniert das denn mit der Hinterlist und den Frauen?

Weiß ich auch nicht, weil ich überhaupt nicht hinterlistig bin. Vielleicht kommt Leuten das so vor, weil meine Lieder manchmal einen doppelten Boden haben und es Wendungen gibt. Das ist aber eher meinem Verlangen, nicht zu langweilen, geschuldet als meiner Hinterlist, die es nicht gibt. Ich bin ein offenes Buch.

Passfotos von Bernd Begemann
Passfotos von Bernd BegemannPhilipp Meuser für Berliner Zeitung am Wochenende

73 Mal taucht der Begriff Liebe in den ausgewählten Texten Ihres Songbooks auf, in dem es immerhin auch Heimatlieder, Autofahrlieder, Dissens-Lieder und Sittenbilder gibt. Ist das Liebeslied Ihr Favorit?

Für mich ist alles nichts wert ohne das Liebeslied. Die deutsche Popkultur nach dem Zweiten Weltkrieg war nach meinem Empfinden erbärmlich, weil kein glaubwürdiges Liebeslied geschrieben wurde. Udo Jürgens, das war guter Pop, der Typ war aber offensichtlich ein Erotomane. Ich konnte dem nicht glauben, dass der so viel feinere Gefühle hegte. Besessenheit ja, Sinnlichkeit ja, aber innige Verbundenheit? Sobald man über Liebe sang, hieß es: Oh, du schreibst kitschige Schlager! Nein, Liebe ist das hohe Lied, das höchste. Das muss man erstmal hinkriegen. Indem wir Sinnlichkeit und Romantik abschworen, haben wir uns selbst kasteit.

Leib und Gesang sind uns nicht ganz geheuer?

Adorno selbst hat das Singen ja unter Generalverdacht gestellt, was ich zum Teil verstehen kann, weil die Nazis viel gesungen haben. Das Lied ist deswegen aber nicht scheiße, es wurde missbraucht. Ich habe in Japan gerade für die deutsche Botschaft vor Japanern in Maßkrügen und Lederhosen gesungen. Angefangen habe ich mit „Mein Vater war ein Wandersmann“. Vorgestellt habe ich es als ein Lied über die Neugier auf die Welt. Zwischendurch habe ich meine eigenen Lieder gespielt. Aufgehört – das schien mir eine kluge Klammer – mit „Die Gedanken sind frei“. Das ist ein fantastisches Lied, und das muss gesungen werden. Scheiß auf Adorno! Das sieht er einfach falsch. So wie die Frankfurter Schule auch Jazzmusik übel beleumundet hat.

Manchmal wohl doch Couch-Potato: Bernd Begemann
Manchmal wohl doch Couch-Potato: Bernd BegemannPhilipp Meuser für Berliner Zeitung am Wochenende

Man kann die Liebe und die Freiheit auch totsingen.

Ein französischer Poet, dessen Name mir entfallen ist, sagt: „Danke, Freund, dass du über die Liebe sprachst, ohne dass die Liebe verschwand.“ Es gibt in diesem Land eine Menge Leute, die dir Flirttipps geben und die Liebe erklären in sozioethischen Dimensionen. Aber wer kann die Liebe beschwören, sodass ich sie glauben kann, dass sie im Raum mitten unter uns weilt? Das kann nur das Lied, und das ist das Nötigste.

Trotz aller Liebe gibt es auch Seitenhiebe: „Therapiegestählt, seminarbeseelt“ sind Frauen in Ihren Liedern. Außerdem glauben sie „jedem Vollidioten mit Kontakt zu den Toten“.

Das sind alle! „Sie werden wahnsinnig in diesen Häusern“ ist ein Unisex-Lied. Ich hatte aber schmerzhafte Begegnungen mit Esoterikerinnen, und das kommt raus in den Liedern. Ich hab mich immer danach gesehnt, dass Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt sind. Das bedeutet, dass da keine inhärente Bringschuld mehr ist.

Gibt's denn keine Frau, die sich was traut?

Ich wünsch mir das. Der einzige Weg ist, dass sich Männer und Frauen auf Augenhöhe begegnen. Wer sich was traut, das ändert sich ja im Laufe des Tages: Wer im Badezimmer unterdrückt wurde, herrscht vielleicht in der Küche. Wenn in einer Beziehung jemand aber in allen vier Zimmern der Wohnung unterdrückt wird, dann ist das doch nicht gesund!

Er will doch nur spielen: Bernd Begemann
Er will doch nur spielen: Bernd BegemannPhilipp Meuser für Berliner Zeitung am Wochenende

Frauen im Chor oder Harem scheinen Ihnen lieber zu sein als einzeln. So die Erzählungen von Ihren Bühnenauftritten ...

Ohhhh!

Wie stehen Sie denn zur weiblichen Vielfalt?

Also, wenn man eine einzige Frau hat, dann gehört einem die ganze Welt. Das klingt jetzt sehr possessiv. Ich hoffe, das ist okay. Man braucht keinen Harem. Sehr schmeichelhaft natürlich, dass Leute das so wahrnehmen, aber für mich gab es immer nur die Kunst. (lacht)

Man steckt ja seine Energie nicht nur in Frauen. Immerhin wollten Sie auch mal „bes­sere Songs schrei­ben als The Jam und auf­re­gen­der klin­gen als The Buzzcocks.“ Ihre erste Band hieß Vatikan. Wie heilig ist Ihnen Ihre Sache?

Das war der Teenage-Punkrock. Zu der Zeit waren das die maßgebenden Bands. Das ist aber ein anderes Jahrtausend, als die Musik noch von den Engländern kam. Lieder sind nicht wie Literatur oder Zeitungsartikel. Lieder trägt man mit sich herum. Sie osmosieren und fermentieren. Je älter man wird, desto mehr gleicht man einem großen Meeressäugetier, das ganz viele Algenpocken angesammelt hat und irgendwann bedeckt ist von diesen Sekundär-Lebewesen. Ich sehe in allen Künsten einen Abglanz magischer Praxis. Ein Konzert ist Seelsorge für Atheisten. Ich versuche, jeden Abend so viele Menschen wie möglich hineinzuziehen in diese wunderbare Mini-Kathedrale namens Lied. Das ist sehr heilig und sehr säkular.

Die punkige Seite gibt es insofern noch, als Sie immer noch „Entsetzen“ auslösen möchten beim Publikum.

Das ist ein wichtiges Teil im Instrumentenkasten. Darauf möchte ich nicht verzichten. Um Leute auf seine Seite zu ziehen, muss man auch Angst machen. Das macht die Kirche schon immer. Bei meinen Konzerten spüren die Zuhörer, dass Menschen das tatsächlich tun, worüber ich singe. Es ist heiliges Entsetzen, das ich auszulösen versuche.

Was bedeutet das für den Erfolg?

Unsere zeitgenössische Definition von Erfolg ist ziemlich amputiert worden. Es geht um Klickzahlen, darum, ob man im Stadion spielt oder nicht. Ich kann nur eines sagen: Es gibt Leute, die hatten Nummer-1-Hits und die bringen mir jetzt Pizza. Für mich bedeutet Erfolg ein gutes Leben, lange ausschlafen können. Jeder Tag, wo man in seinem Bett liegen und Trashfilme aus den Siebzigern anschauen kann – das ist Erfolg. Man hat einen vollen Kühlschrank. Fern von Schmerz.  Wie kann man erfolgreicher sein?

Punk hatte nicht nur eine Raw Power, sondern auch eine politische Durchschlagskraft. Bei Ihnen menschelt es mehr. „Mitleid mit den Dummen! Erbarmen mit den Armen!“ lautet eines Ihrer Lieder. Gibt es eine Partei, die sich das ins Wahlprogramm schreiben könnte?

Jede Partei sollte sich das in ihr Programm schreiben. Das ist eines meiner zynischeren Lieder, die davon ausgehen, dass man nichts machen kann gegen die Reichen und Mächtigen und dass man wie bei mittelalterlichen Potentaten nur auf Mitgefühl und Gnade hoffen kann. Am besten wäre eine Gesellschaft, die – um Gottes willen! – nicht auf die Gnade der Mächtigen angewiesen ist; wo für jeden gesorgt ist. Ich glaube nicht, dass die Welt schlechter wird, wenn sich die Menschen weniger Sorgen machen müssen.

Sie hatten einen großen Einfluss auf die Hamburger Schule, zu der Blumfeld und die Goldenen Zitronen zählen.

Blumfeld, Goldene Zitronen – zwei komplett verschiedene Welten. Ich wurde verschrien als bürgerlich in dieser Szene. Bürgerlich? Was für ein Schimpfwort soll das denn sein? Bürgerlich bedeutet, dass wir zivilisiert miteinander umgehen. Das sollten wir alle tun. Bürgerlich bedeutet, dass man in der Lage ist, seinen Scheiß in Ordnung zu halten. Das ist ein hohes Ziel, das ich oft nicht erreiche. Na ja.

Die deutsche Sprache und Popmusik fremdelten bis dato. Wie ist Ihr Selbstverständnis als deutscher Sänger?

Meine Arbeit bestand darin, dass es nicht deutscher Sänger heißt, sondern nur noch Sänger. Dass es nicht darum geht, wie man etwas macht, sondern dass man ganz vergisst, wie es gemacht wurde; dass die Sache selbst im Raum steht. Dass man nicht sagt, oh, ich habe ein supercleveres Meta-Liebeslied geschrieben, sondern dass man so gut wird, dass die Liebe mitten im Raum steht, dass man sie fühlen kann. Es geht um etwas Sinnliches! Auch darum, dass man erlebt: Ein Mensch spricht zu mir! Die Bühne ist eine der letzten Bastionen für dieses Erleben in einer zunehmend virtuellen Welt.

„Diese Idee, dass jede Kultur bei sich bleiben soll, ist faschistisch“

Wenn man Sie im Anzug auf der Bühne sieht, fühlt man sich an die großen Crooner erinnert. Auch Schurickes glutrote Rosen kommen einem in den Sinn. Begemann, German Crooner?

Ich feiere ja meinen 60. Geburtstag, und obwohl ich Punkrock gern höre, kann ich ihn nicht mehr so gut verkraften. Crooner ist eine gute Haltung für jemanden, der sich im leicht fortgeschrittenen Alter befindet und immer noch Lieder liebt. Jetzt für diesen Lebensabschnitt ist Crooner gar nicht schlecht. Das ist mir lieber als Chansonnier oder so ein Scheiß.

Alles ist nichts für ihn ohne das Liebeslied: Bernd Begemann
Alles ist nichts für ihn ohne das Liebeslied: Bernd BegemannPhilipp Meuser für Berliner Zeitung am Wochenende

Das Crooning wurde anfangs als unehrlich und unaufrichtig empfunden. Wie ist Ihr Verhältnis zu Authentizität und Künstlichkeit?

Die Klassikleute haben das so empfunden. Das Mikrofon aber war eine wunderbare Neuerung, vergleichbar mit der Filmkamera. Der Film hat uns die Nahaufnahme, das menschliche Gesicht gebracht, das Mikrofon die leisen Zwischentöne, ein Flüstern, das explodiert und die Welt erfüllt. Deutschland hat einen Authentizitätskult, der sich in superteuren schäbigen Klamotten zeigt. Sie denken, sie könnten Ehrlichkeit durch Outfit einfordern. Sie sagen: „Klamotten sind doch oberflächlich!“ Die haben offenbar nie Oscar Wilde gelesen. Es gibt keine Oberfläche! Ich bin nicht nur ein Ex-Punk, sondern auch ein Ex-Mod. Ich habe viele der Mod-Ideologien übernommen: Sauber leben in schwierigen Zeiten! Smart aussehen, egal, wie bedrückt du bist! Du lässt den Bastarden nicht die Befriedigung, dir anzusehen, wie sie dich fertiggemacht haben.

Beim Crooning gibt es ein erstaunliches Phänomen: Schwarze Musiker übernahmen ob des kommerziellen Erfolgs den Gesangsstil Weißer. Was sagen Sie zu den Debatten um kulturelle Aneignung in der Musik?

Viele, die kulturelle Aneignung beklagen, sind im Grunde Tribalisten. Ich bin extrem anti-tribalistisch. Diese Idee, dass jede Kultur brav bei sich bleiben soll, das ist eine faschistische Idee. Das sollten wir nicht ernst nehmen. Ich verstehe aber den Punkt: Wenn man aus einer Position der Macht heraus ohne eigene Inspiration, ohne eigenes Dazutun die Kultur von anderen Menschen plündert, dann ist das natürlich schlimm. Es gibt aber wenige von diesen brutalen Beispielen in unserer Gegenwartskultur.

Ihr Flirt mit dem Schlager ist offensichtlich. Weshalb sind Schlager und Flirt so gnadenlos unterschätzt?

Guter Punkt! Es gibt den Humtata-Schlager, aber auch Pop-Schlager. Die Leute unterscheiden nicht. Was Giorgio Moroder in den Siebzigern bei Peter-Maffay-Produktionen gemacht hat, war unglaublich weit vorn. Maffays „Wo bist du“ (singt) zum Beispiel: Da hast du Synthesizer-Arpeggios, lupenreinen Elektropop ... Wenn man das nicht würdigt, ist man einfach ein Klotzkopf!

Schnieke: Bernd Begemann in Hamburg
Schnieke: Bernd Begemann in HamburgPhilipp Meuser für Berliner Zeitung am Wochenende

„Der Flirt wird unter Generalverdacht gestellt“

Und wie schaut's mit dem Flirt aus?

So wichtig! Der Flirt wird unter Generalverdacht gestellt. Spricht man jemanden im Supermarkt an, gilt das inzwischen als creepy. Es sind nur noch Beziehungen legitim, die über Tinder angebahnt wurden. Flirten aber, das ist wahr, ich vermiss das ein bisschen!

Der erfolgreichste Schlager aller Zeiten ist Freddy Quinns „Junge, komm bald wieder“. Freddy Quinn ist inzwischen 91 und lebt zurückgezogen in der Nähe von Hamburg. Sie feiern gerade Ihren 60. Geburtstag. Zeit für ein Duett mit Freddy?

An Freddy Quinn sieht man auch die ganze Tragik von Popmusik in Deutschland. Diejenigen, die später als Schlagerfuzzis denunziert wurden, waren oft die ersten coolen Typen in ihrer Stadt, die ersten Rock'n'Roller. Freddy Quinn liebte Rock'n'Roll, Blues und Jazz. Als ihn sein Produzent aufforderte, „Junge, komm bald wieder“ zu singen, ging Quinn nach eigenen Angaben aus dem Studio, weinte im Regen und sang es dann widerwillig ein. Ich wäre offen. Er ist jetzt alt genug. Ich habe ihm alle Wege geebnet, goldene Brücken gebaut. (lacht) Er muss das selbst entscheiden.

Bernd Begemann: „Gib mir eine zwölfte Chance. Ausgewählte Songtexte“. Ventil Verlag, 224 Seiten, 17 Euro