Beyoncé verkauft ihre moralischen Werte für 24 Millionen Dollar in Dubai

Auf ihrem aktuellen Album feiert Beyoncé die schwulen Wurzeln von House-Musik. Nun spielte sie in Dubai, wo schwuler Sex mit dem Tod geahndet wird. Geht’s noch?

Das Cover-Artwork von Beyoncés „Renaissance“-Platte, die 2022 erschien.
Das Cover-Artwork von Beyoncés „Renaissance“-Platte, die 2022 erschien.Columbia Records Group

Ausgerechnet Beyoncé! Am Samstag trat sie erstmals seit vier Jahren wieder auf – in Dubai, bei er Einweihung des neuen Luxushotels namens Atlantis the Royal. 24 Millionen Dollar Gage soll sich das Hotel den Spaß gekostet haben lassen. Geladen waren auch ausgewählte Journalist:innen und Influencer:innen aus den USA und Europa, die man dazu eigens in der Business-Class nach Dubai einflog und luxuriös in dem Luxusschuppen einquartierte. Einen PR-Coup hatte man sich sicher erhofft: Queen Bey gibt ihr erstes Konzert nach Release ihrer gefeierten, neunfach grammynominierten Platte „Renaissance“ – noch bevor sie damit 2023 wohl auf Tour geht. Doch nun kommt alles anders: Fans fühlen sich verprellt von Beyoncé.

Und damit hätte sie nicht nur rechnen können, sondern auch müssen. Wieso? Beyoncé zelebriert auf „Renaissance“ die queeren Wurzeln von House-Musik. Übrigens coproduziert von der Berliner DJ Honey Dijon, die selber trans ist. Auch die Werbekampagne zur Platte zielte ganz offensichtlich auf das queere Publikum: In Berlin etwa richtete Beyoncés Plattenfirma Sony zum Reinfeiern in die „Renaissance“-Release-Nacht einen queeren Voguing-Ball im Metropol im schwulen Nollendorfkiez aus. Beyoncé selber trat dort aber nicht auf. Nein, für ihr erstes Konzert seit Jahren wählte sie stattdessen Dubai. Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Homosexuelle Handlungen zwischen Männern können dortzulande per „Sodomie“-Strafgesetz zur Todesstrafe führen.

Auch wenn sich die Richter, speziell im „liberalen“ Dubai, oft eher für jahrelange Gefängnisstrafen entscheiden. Es passt trotzdem nicht dazu, dass Beyoncé dort auftritt. Nicht nur wegen des neuen Albums, von dem Beyoncé konsequenterweise keinen einzigen Song spielte: 2019, als Beyoncé gemeinsam mit ihrem Gatten Jay-Z bei den GLAAD Awards für ihr Engagement für die queere Community geehrt wurde, erzählte sie noch, wie stolz sie auf ihren schwulen Onkel sei. Ähnlich äußerte sich Jay-Z, nachdem seine Mutter ein spätes lesbisches Coming-Out hatte. Ist das alles nun vergessen, angesichts von 24 Millionen Dollar?

Bei den Fußballern, die in Katar aufliefen, konnte man vielleicht noch sagen: „Die wollen doch bloß kicken, lasst sie mit der Politik in Ruhe!“ Beyoncé aber präsentierte sich spätestens seit ihrem „Lemonade“-Album 2016 zunehmend politisch, als Befreierin der Entrechteten. Auch auf der „Renaissance“-Tour soll alles hyperkorrekt ablaufen: kein Alkohol für die Crew; Drogen eh nicht; stattdessen ein psychotherapeutisches Mental-Health-Angebot; und MeToo-Checks, ob alle moralisch integer seien. Klingt ja gut so.

Aber: Wer die moralische Messlatte selbst so hoch hängt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob dieser Auftritt in Dubai wirklich eine gute Sache war. Und damit rechnen, dass man Nein sagt. Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, wusste schon Bert Brecht. Es ist aber nicht so, dass die Carters (mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde Dollar) direkt am Hungertuch hingen. „Who run the world?“ (zu deutsch: „Wer regiert die Welt?“) beantwortet Beyoncé in ihrem Song mit: Girls. Geld wäre wohl die ehrlichere Antwort.


Empfehlungen aus dem Ticketshop: