„Metamorphosis exists“, singt Geordie Greep von der Londoner Band Black Midi auf deren zweiten Album „Cavalcade“. Fast klingen diese Worte wie eine Rechtfertigung – dafür, dass sich die Gruppe im Vergleich zum Debüt „Schlagenheim“ von 2019 weiterentwickelt hat. Dabei bestand nie ein Zweifel daran, dass es sich bei Black Midi um eine außergewöhnliche Formation handelt.

Deren ursprüngliche Verhandlung des Konzepts „Rockmusik“ durchlief bereits im Minutentakt Dutzende Metamorphosen: Alles, was experimentelle Gitarrenmusik in den vorangegangenen fünf Jahrzehnten hervorgebracht hatte, ereignete sich hier beinahe gleichzeitig, in sich ständig gegenseitig unterbrechenden Fetzen. Man erinnere sich an das herzerwärmende Konzert, das diese vier Milchgesichter im Herbst 2019 im Lido gaben: als seien Sonic Youth, Fela Kuti, King Crimson und die gesamte japanische Noise-Szene in einem Raum und prügelten sich.

Roland Owsnitzki
Black Midi spielten vor drei Jahren im Berliner Lido ein Konzert (Archivfoto).

Marlene Dietrich und Prog-Rock-Meisterwerke

Die Frage war nur, in welche Richtung Black Midi von diesem improvisierten Trümmerfeld des polyrhythmischen Meta-Krachs aus steuern würden. Wie man sich auf „Cavalcade“ überzeugen kann, wollen Gitarrist Geordie Greep, Bassist Cameron Picton und ihr phänomenaler Schlagzeuger Morgan Simpson nach dem beträchtlichen Hype um ihr Debüt, den zahllosen Tourneen und dem Weggang von Gitarrist Matt Kawsniewski-Kelvin größere Bögen schlagen und ihre Fähigkeiten als Arrangeure weniger in den Dienst des Chaos stellen. Somit klingen sie nun vor allem wie King-Crimson-Wiedergänger, andere Elemente treten mehr in den Hintergrund. Zudem ist die Musik klarer abgemischt. Gesang und ganze Melodien kommen zum Tragen: „Metamorphosis exists“ stammt etwa aus der Prog-Jazz-Ballade „Marlene Dietrich“, und den Schluss des Albums markiert ein reiner, von Holzbläsern unterstützter Dur-Akkord!

Das ist alles recht schön, aber irgendwie auch schade. Insgeheim hatte man sich gewünscht, Black Midi würden sich durch irgendeine Art der weiteren Verdichtung und Abstrahierung zu noch nie Gehörtem hochhangeln. Stattdessen machen sie nun etwas, was rückständige Menschen mit großen Plattensammlungen vermutlich als „echte Musik“ bewundern werden.

Letztlich ist es aber Jammern auf hohem Niveau: Die Single „John L“ ist zum Beispiel ein kühl komprimiertes Prog-Rock-Meisterwerk voll atonaler Streicher-Cluster, einem tollen Zusammenbruch in der Mitte und einem merkwürdig westernhaften Vokal-Narrativ über einen bösen Kult-Anführer. Und das Stück „Slow“ ist angenehmerweise gar nicht langsam, sondern galoppiert durch eine hochtechnisierte Afro-Funk-Hölle. Black Midi machen also weiterhin neugierig auf mehr Black Midi.

Black Midi: „Cavalcade“ (Rough Trade/Beggars Group/Indigo) erscheint am 28. Mai; live am 8. Dezember im Festsaal Kreuzberg.