Böhse Onkelz: Wer ist hier Nazi, wer Proll und wer nur ein alternder Rocker?

Mit einem Onkelz-Shirt kann man durch Friedrichshain spazieren oder einen Kameradschaftsabend besuchen und wird jeweils schräg angeguckt. Eine Konzertkritik.

B nach C, Ostbesuch, 263 km.
B nach C, Ostbesuch, 263 km.Berliner Zeitung/Pajović/Amini

In meiner Erinnerung ist es immer ein Opel Kadett, der plötzlich an der Ampel hält, immer tiefer gelegt, mit Breitreifen, und hinten auf getöntem Glas steht: „Böhse Onkelz“. Eine Band mit mindestens Rechtschreibanarchie im Programm, eine Musik wie gemacht dafür, durch heruntergekurbelte Scheiben auf die Straße zu wüten.

Und im Auto sitzen diese kurz oder kahl geschorenen Typen mit schwarzen oder weinroten Bomberjacken, düster und verschnörkelt tätowiert, Punks, Nazis oder Knastbrüder oder alles zusammen. So dachte ich damals in den Neunzigern, ohne es besser zu wissen.

Die 1980 in Frankfurt am Main gegründeten Onkelz sind als Band genauso alt wie ich, die Bandmitglieder in einem Alter, in dem die Fans sich fragen: Ist das gerade ihre Abschiedstour? Es gibt da diese Gerüchte. Und dann ist die Messehalle in Chemnitz, früher ein Flugzeugmotorenwerk, restlos gefüllt, 13.000 Leute, scheiß auf das Rauchverbot, die Pandemie, die – sechs Euro! – Bierpreise, und alle sofort „ready for take off“ und alle textsicher am Grölen: „Wir feiern uns, solange es uns gibt, auch wenn nicht jeder Arsch uns liebt.“ Der Song heißt „Gehasst, verdammt, vergöttert“, 1992, siebtes Studioalbum, und ist so etwas wie der T-Shirt-Aufdruck gewordene Claim der Onkelz.

Über vier Jahrzehnte Musikgeschichte, viel Krach, Poesie, fantasierte Gewalt, wir gegen die anderen, wir gegen die da oben, und etwa genauso lange dauert die Diskussion darüber, wo die Band politisch zu verorten ist. Als Rechtsausleger sind sie gestartet damals, mit längst indizierten Songs wie „Türken raus“ und „Deutschland den Deutschen“. Dann gingen sie auf Distanz zu sich selbst und ihren Hitler grüßenden Fans, unterbrachen Konzerte, wenn einer trotzdem seinen Streckmuskel nicht unter Kontrolle hatte.

Wer ist Proll, wer Rebell, wer Rocker? Wer ist nur Hooligan, wer schon Nazi? Böhse Onkelz-Konzert in Chemnitz.
Wer ist Proll, wer Rebell, wer Rocker? Wer ist nur Hooligan, wer schon Nazi? Böhse Onkelz-Konzert in Chemnitz.Paul Linke

So kamen sie im Mainstream an, in den Charts, wurden 1993 von Alice Schwarzer und Daniel Cohn-Bendit hofiert. Die Chef-Emma hatte in den Onkelz „Jungs, die mal Scheiße gebaut haben“, erkannt. Der Grünen-Dandy erklärte die Band zu einem leuchtenden Vorbild, um „Jugendliche vom Rechtsextremismus wegzubekommen“. Mit einem Onkelz-Shirt kann man heute durch Friedrichshain spazieren oder einen Kameradschaftsabend besuchen und wird jeweils schräg angeguckt.

Bassist Stephan Weidner: „Findet mit uns die Wahrheit.“ Welche denn?

Das Publikum in Chemnitz ist weiß und eher männlich, man trägt Jeanskutte, Dreadlocks oder Tunnel im Ohr, Lonsdale, Yakuza oder Bärte auf ZZ-Top-Länge. Keine Ahnung, wer wo steht, wer was wählt, wer es wie mit Putin hält. Wer ist Proll, wer Rebell, wer Rocker? Wer ist nur Hooligan, wer schon Nazi? In der Zitty stand mal, dass Onkelz hören einen ähnlichen Kick verschaffe „wie der sonntägliche Spaziergang mit einem nicht angeleinten Kampfhund über den Kinderspielplatz: Hauptsache, irgendjemand regt sich drüber auf.“ In „Nichts ist für die Ewigkeit“ heißt es: „Glaubst du alles, was ich sage, glaubst du, du weißt, wer ich bin? Stellst du niemals Fragen, warum wir wurden, wie wir sind?“

Was alle in Chemnitz zu verbinden scheint, ist die Liebe zu einer Band, mit der sie erwachsen geworden sind, dann älter und alt, um sich dann im Hier und Jetzt doch wieder jung zu fühlen. Ich fühle mich wie in einer Trutzburg, als Eindringling in einer geschlossenen Gesellschaft, die sich gegen irgendetwas da draußen wehren will und erst mal Pommesgabeln nach vorne peitscht. „Lasst die Hände gleich oben“, ruft Bassgitarrist Stephan Weidner, „und findet mit uns die Wahrheit.“ Welche denn?

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In der Kolumne „Ostbesuch“ berichtet Paul Linke alle zwei Wochen aus seinem Zwischenleben in Chemnitz und Umgebung. Sachsen sucks? Von wegen!