Kitschig, aber beeindruckend: Bono von U2 las in Berlin aus seinen Memoiren

Er polarisiert wie nur wenige: Bono Vox, der Sänger von U2. Bei seinem Auftritt im Admiralspalast aber hat er das Format Musiker-Lesung neu definiert.

Bono im Londoner Palladium bei seiner Performance anlässlich der Memoiren.
Bono im Londoner Palladium bei seiner Performance anlässlich der Memoiren.Ross Andrew Stewart

Bono Vox springt auf einen gediegen illuminierten Tisch und reckt die Faust in die Luft. Der U2-Sänger trägt ein Headset, aber zum überwältigenden Auftakt mit den Songs „City of Blinding Lights“, „Vertigo“, „With Or Without You“ nimmt er zudem ein klassisches Gesangsmikrofon samt Ständer zur Hand und gibt den Leuten Bono, den Rockstar. Wir erleben außerdem an diesem Abend: Bono, den Rezitator; Bono, den Musical-Darsteller; Bono, den Theaterschauspieler; Bono, den Vortragsredner und den Kammerspieldialoge führenden Bono. Das Bühnenbild ist – abgesehen von zwei gewaltigen Screens im Hintergrund – voll und ganz auf ihn ausgerichtet, Bono ist überall und spricht, singt, scherzt in einem fort.

Der Sänger der irischen Rockband U2 ist in Berlin, um seine vor einigen Wochen erschienene Autobiografie „Surrender – 40 Songs, eine Geschichte“ zu präsentieren, und er muss wirklich unglaublich viel Text gelernt haben für diese Abende. Er paraphrasiert Buchstellen und sagt andere eins zu eins auf, er wechselt von konfrontativer Pädagogik auf anekdotische Einschübe, und dann kommt auch schon der nächste Songschnipsel. Der U2-Sänger steht auf der Bühne des ausverkauften Admiralspalasts in Berlin (180 Euro haben die Tickets gekostet), und es ist von allem etwas: intimes Unplugged-Konzert, Mummenschanz, Theateraufführung.

Es ist kitschig, es ist ergreifend, es ist manchmal zu viel von allem, aber es ist auch beeindruckend, was vor allem für die kammerspielartigen Momente gilt: Die Sprachlosigkeit in den Familien der Nachkriegsgeneration inszeniert Bono in Dialogen mit seinem Vater, in denen er beide Rollen übernimmt: den nach Aufmerksamkeit schreienden Sohn und den wortkargen Vater, dessen Geringschätzung für die Ambitionen seines Sohns als Ursache für so manchen Bono-Komplex angenommen werden darf. Diese dialogischen Sequenzen sind ebenso berückend wie Bonos Erzählungen aus den frühen Tagen von U2; und die enorme Liebe, mit der er seine Mitmusiker porträtiert.

Bono auf der Bühne im Olympia Theatre in Dublin bei der Performance zu seinen Memoiren.
Bono auf der Bühne im Olympia Theatre in Dublin bei der Performance zu seinen Memoiren.Ross Andrew Stewart

Hauchen und Wispern

Die U2-Kollegen The Edge, Larry Mullen Jr. und Adam Clayton hätten ihm für diese Veranstaltungsreihe einmalig erlaubt, ausnahmsweise einmal allein die Klassiker ihrer gemeinsamen Band U2 aufzuführen, erzählt Bono, und so bringt er nun gemeinsam mit der Harfenistin Gemma Doherty und der Cellistin Kate Ellis sowie dem als Musikalischen Direktor fungierenden irischen Produzenten Jacknife Lee insgesamt 15 U2-Klassiker in unterschiedlicher Länge auf die Bühne. Nicht allen Songs steht das karge Korsett mit Streichern, Backtrack-Elementen und Keyboards so gut wie etwa „Desire“; am besten wird es immer dann, wenn Bonos Stimme beinahe allein in der Halle zu stehen scheint. Das frühe „Out Of Control“, „Sunday Bloody Sunday“ oder „Pride (In The Name Of Love)“ sind überaus wirkmächtig.

Immer wenn es besonders intim, nah, spürbar wird und man also jedes Hauchen und Wispern von Bono über dieses Headset hört, ja seinen Atem, wenn es also interessant wird, nimmt Bono automatisch wieder eine größere, raumgreifende Rolle ein, und bisweilen wird es in diesen musicalhaften Momenten etwas arg kitschig. Immerhin lässt der Sänger dankenswerterweise weitgehend jene bisweilen ermüdend selbstreferenziellen Passagen des Buchs aus, in denen er ein bisschen zu oft und etwas zu ausführlich seine Arbeit als Politaktivist vor allem mit zügellosem Namedropping beschreibt. Im Admiralspalast bedankt er sich immerhin bei Angela Merkel und Olaf Scholz für deren Unterstützung und bekundet seine Liebe zu Deutschland.

Fazit: Ein Abend mit einmaligem Einblick in die Psychodynamik eines Mannes, den man ansonsten seit über 30 Jahren nur in riesigen Fußballstadien erleben kann.