Berlin - Seit 22 Jahren gilt das Berliner Festival CTM – das einst als Anhang des Medienkunstfestivals Transmediale begann – als Garant für experimentelle Musik und Kunst sowie als Ort des Austauschs. Im letzten Jahr kamen rund 50.000 Besucher an zehn Tagen, etwa 230 Veranstaltungen gab es, und 366 Kunstschaffende aus 55 verschiedenen Ländern nahmen teil. Und wie wird es diesmal sein? Als Jan Rohlf und seine Kollegen das letzte CTM Festival veranstalteten, dachten sie, das Coronavirus würde sie verschonen. Immerhin kam erst ab März 2020 ein erster, leichter Lockdown und dann war da immer noch genügend Zeit bis zur nächsten Veranstaltung. Aber Rohlf und dem rund 20-köpfigen Team wurde schnell bewusst: Wenn sie wollen, dass das CTM Festival 2021 stattfindet, müssen sie umdenken, neu planen. Als wir den Veranstalter in seinem Büro anrufen und zum aktuellen Programm befragen, wirkt er aufgeregt.

Herr Rohlf, Sie veranstalten mit dem CTM das erste Berliner Festival in diesem Jahr – online und offline. Wie wird das konkret ablaufen?

Wir haben anfangs gehofft, dass die Lage 2021 schon wieder ein bisschen besser ist und man hybrid denken kann – und so haben wir dann auch geplant. Es gibt nun einen Teil, der zum gewohnten Termin vom 19. Januar bis 14. Februar ausschließlich online stattfindet. Projekte, die für echte Räume gedacht waren und die wir online so nicht umsetzen konnten, sollen nun im Mai sowie in der zweiten Jahreshälfte im August und September stattfinden. Das heißt, wir haben das Format aufgebrochen, uns ins Jahr hinein verteilt.

2021 gibt es also ein ganzes Jahr lang CTM?

Das ist schön gesagt, aber eigentlich ist die Ausdehnung des Festivals nur ein Ersatz für die anderen Veranstaltungen, die wir sonst zusätzlich weltweit machen; die sind ja nun alle zum Erliegen gekommen. Im Grunde hat die Pandemie erst einmal den gesamten Konsens darüber, was wir über 20 Jahre gelernt haben, wie wir ein Festival machen können, gesprengt. Über viele Monate haben wir also daran gearbeitet, neue Ideen zu finden und uns auf etwas zu einigen.

Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall
Zur Person

Jan Rohlf, geboren1975 in Tübingen, ist seit 1994 in den Berliner Musik- und Kunstszenen als Veranstalter, Kurator und Künstler aktiv. Er studierte Experimentelle Mediengestaltung an der Universität der Künste und ist Mitbegründer und einer der künstlerischen Leiter des seit 1999 jährlich stattfindenden CTM Festival sowie von dessen Trägerorganisation DISK – Initiative Bild & Ton e. V. Darüber hinaus ist er Mitbegründer und Betreiber der Agentur DISK Agency. 

Herausgekommen ist unter anderem das diesjährige Motto „Tranformation“. Wie deuten Sie diese für sich und das Festival?

Wir haben schon in anderen Jahren mit unseren Themensetzungen versucht, darauf hinzuweisen, dass wir es irgendwie schaffen müssen, angesichts der vielen Krisenmomente Veränderungen zuzulassen, und das benennen wir jetzt noch konkreter. Wir haben etwa spekulative Denklabore geplant, zu denen wir Experten und Interessierte einladen, in gemeinsamen Sessions einen Ausblick in die Zukunft zu wagen: Was passiert, wenn wir bestimmte Parameter, die wir immer als selbstverständlich betrachtet haben, wandeln? Was für eine Kultur würde entstehen, wenn wir das Zahlungssystem für Künstler ändern? Wenn wir Onlinemodelle ernst nehmen? Die Idee ist, endlich weiterzukommen und es nicht immer so zu machen, wie wir es immer gemacht haben.

Was machen Sie in diesem Jahr bei Ihrer Onlineveranstaltung denn anders als sonst, als die Kollegen?

Videos, Streams sowie Aufnahmen von Performances sind ja die naheliegenden Mittel im digitalen Eventbereich. Ich finde es aber immer schön, wenn man versucht, mit dem Medium an sich etwas zu machen, was nur mit diesem Medium möglich ist. In einem Video kann man etwa viel genauer beobachten, was der Künstler an seinem Instrument macht, welche Körpersprache, welcher Ausdruck rüberkommt. Wir haben aber auch versucht, andere Formate zu finden, die weggehen vom Videostream. Wir haben zum Beispiel einen virtuellen Ausstellungsort und einen Festivalvenue kreiert, der sich Cyberia nennt und auf einer Gaming-Software aufsetzt. Dort finden sich 15 Kunstwerke, die extra für diese Welt erstellt wurden und mit denen man interagieren kann – sie also anklicken, hören und sehen wird, während man sich mit anderen Gästen mithilfe eines Chats unterhält. Ein weiteres Projekt ist die Zusammenarbeit mit dem Club Matryoshka – einem internationalen Kollektiv mit Basis in Manila und den USA. Die öffnen für uns ihren schon 2019 vor der Pandemie gegründeten Club in dem Onlinegame Minecraft. Gemeinsam haben wir ein Game-Szenario entworfen, in das Leute als Avatare hineinkönnen, um gemeinsam Aufgaben zu lösen und eigens aufgenommene Musik einer Reihe internationaler Musiker und Musikerinnen zu hören.

Im Club Matryoshka gibt es keine Türsteher und keinen Eintritt.

Ein digitaler Club – das klingt nach einem Angebot, das langfristig Erfolg haben könnte.

Ja, es gibt Gamification-Elemente, die darauf aus sind, dass man ein Gefühl von Immersion, von Dabeisein erleben kann. Wir haben einen ersten Versuch mit Künstlerinnen aus aller Welt im August 2020 gemacht, und es war wirklich ein Lichtblick, es hat erstaunlich viel Gefühl von Gemeinsamkeit erzeugt. Der Club Matryoshka hat sich übrigens gegründet, da die Leute hinter dem Kollektiv enttäuscht waren von der Clubkultur und deren Restriktionen. Sie wollten einen Ort schaffen, an dem es egal ist, ob man jetzt körperlich fit ist, wo man herkommt oder wie man aussieht.

Es gibt also keinen Türsteher. Muss man für diesen Club Eintritt zahlen?

Das ist natürlich eine Frage, die wir intensiv diskutiert haben. Prinzipiell sind wir der Meinung, dass es für Künstlerinnen und Kulturschaffende ungemein wichtig ist, dass wir auch im Onlinebereich zu fairen Bezahlmodellen kommen und leider noch weit entfernt sind von dem, was nötig wäre. Für das CTM Festival 2021 haben wir aber beschlossen, die Schwelle möglichst niedrig zu halten und keinen Eintritt zu verlangen. Zum einen, weil wir natürlich durch unsere Förderung aufgefordert sind, niedrigschwellige Angebote zu machen – zum anderen, weil gerade jetzt viele Leute noch weniger Geld in der Tasche haben als sonst. Wer seinen Lieblingskünstler aber dennoch unterstützen will, kann online einen Solidaritätspass kaufen.

Im letzten Jahr wurde Ihnen für vier Jahre jeweils eine Summe von 650.000 Euro vom Berliner Kultursenat zugesichert. Reicht dieser Betrag für eine Hybrid-Veranstaltung ohne Eintritt?

Wir haben Glück gehabt, dass diese mittelfristige Förderung genau zur rechten Zeit kam, und wissen, dass wir uns damit in einer äußerst privilegierten Situation befinden. Die Einnahmen, die wir normalerweise mit Tickets generieren und die mehr als ein Drittel des Budgets ausmachen, fehlen jedoch. Es war daher schon nötig, weitere Unterstützung zu finden, da die Online-Aktivitäten zugleich teurer sind als das, was wir sonst in den Spielorten gemacht haben. Hierfür muss viel Entwicklungsarbeit geleistet werden und es müssen Leute mit anderer Expertise hinzukommen. Deswegen haben wir uns intensiv um weitere Förderungen aus dem Programm Neustart Kultur bemüht – über das „dive_in“-Programm für digitale Weiterentwicklung der Kulturstiftung des Bundes und die Initiative Musik. Diese haben uns ermöglicht, intensiv in die digitale Transformation einzusteigen.

Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall
Jan Rohlf hat das Festival CTM 1999 mitgegründet.

Sie arbeiten seit Jahren mit Akteuren der internationalen Clubkultur zusammen. Wie sieht die Kulturförderung in anderen Ländern aus?

Wir kriegen mit, dass es anderswo deutlich schwieriger ist und dass teilweise gar nichts mehr möglich ist. Deswegen war es uns ein Anliegen, dass wir uns nicht ausschließlich auf Lokales konzentrieren, sondern weiterhin Künstler und Künstlerinnen in anderen Teilen der Welt mit Aufträgen unterstützen – in Asien, im Iran, in afrikanischen Ländern, in den USA und Südamerika. Es gibt überall auf der Welt Versuche, mit der Pandemie kreativ umzugehen, und viele unsere Partner machen da tolle Sachen.

Jene Sachen fanden in der Vergangenheit in Berliner Clubs statt. Wie sieht in diesem Jahr die Zusammenarbeit aus?

Es ist jetzt tatsächlich die Situation eingetreten, dass die Clubs schon sehr lange geschlossen sind und unterschiedliche Antworten darauf finden mussten, wie sie in der Situation überleben. Das Berghain hat sich etwa entschlossen, das ganze Haus in eine Ausstellung zu transformieren, die so lange läuft, bis die Clubs wieder öffnen dürfen. Das heißt, das war für uns keine Option mehr, dort irgendwie etwas zu machen. Und das Hebbel am Ufer hat jegliche Aktivitäten derzeit eingestellt, also können wir dort nicht mal ein Video aufnehmen. Letztlich können wir dann auch nur zu einem geringen Ausmaß Aufnahmen für unser Streaming-Programm erstellen und daher mit wenigen lokalen Orten Zusammenarbeiten wie dem silent green und dem Festsaal Kreuzberg.

Was denken Sie, wie sich die Pandemie auf die Berliner Clubkultur noch auswirken wird?

Ich glaube, es ist zu früh, um das genau zu wissen. Generell ist es aber extrem wichtig, dass wir mehr dafür tun, dass Clubkultur in dieser Stadt einen Platz hat und sich weiterentwickeln kann. Die Pandemie ist eine große Gefährdung für viele der Projekte, die unverzichtbare kulturelle und soziale Freiräume bieten – und wir machen uns darum natürlich wie alle Akteure große Sorgen. Denn wenn einmal Orte verloren sind, wird es ganz schwer sein, sie wiederzubekommen oder anderswo passende Orte zu finden. Ein Festival wie CTM gibt es nur, weil es diese Orte und die Kultur gibt, die darin entstehen. Andererseits ist Clubkultur in Berlin mehr und mehr Teil eines schnelllebigen Städte-Tourismus geworden, der seine wirklich problematischen Seiten hat. Vielleicht kann sich die Clubkultur hier auch noch einmal ein Stück weit neu erfinden.


Das CTM Festival findet in diesem Jahr ab dem 19. Januar statt. Darüber hinaus sind weitere Veranstaltungen im Laufe des Jahres geplant. Infos und Eindrücke finden sich unter: www.ctm-festival.de/festival-2021