Berlin - Ein Hinterhof in Berlin-Mitte. Hier haben Culcha Candela ihr Tonstudio, mit Blick auf einen Park. An der Wand hängen goldene Schallplatten, etwa für ihre Hits „Hamma!“ (2007) und „Monsta“ (2009). Trotzdem hat die Berliner Band noch nicht genug und ihr mittlerweile zehntes Album „Top Ten“ genannt. Zu hören ist wieder ein bunter Mix aus Rap, Dancehall und Latin, passend zu den Wurzeln der Bandmitglieder, die in Polen, Uganda, Kuba und Südkorea liegen. Zum Interview erscheinen Mateo Jasik alias Itchyban, Johnny Strange und DJ Chino con Estilo. Der vierte Mann Don Cali hat ein Betreuungsproblem, er muss die Kinder hüten. Die übrigen Drei reden über Corona, Politik und Medien, sodass Managerin Teresa Pijek immer wieder einschreiten muss: „Mehr Fragen zur Musik, bitte!“

Johnny, Mateo, Chino, die Musik von Culcha Candela klingt eher nach Party. Doch die Band unterstützt zahllose soziale Projekte und äußert sich im Netz oft politisch. Wie passt das zusammen?

Johnny: Wir trennen das. Politische Musik hören oft Leute, die das sowieso schon denken. Also machen wir Musik, die viele Menschen erreicht. Wenn man dann Gehör bekommt, kann man andere Themen ansprechen. Und umso politscher ein Song ist, desto negativer wird er oft. Wir stehen für Positivität.
Mateo: Tatsächlich kriegen wir oft im Internet die gegenteilige Reaktion: „Ihr seid so politisch, wir sind hier wegen dem Spaß.“ Viele sind zu uns gekommen über Hits wie „Hamma!“ und kennen unsere Statuten nicht, die seit 19 Jahren lauten: Wir sind gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus.

Volkmar Otto
Johnny Strange: „Wir machen Musik, die viele Menschen erreicht.“

Können Sie Ihre Werte denn heute klarer kommunizieren als im Jahr 2002?

Mateo: Was gab es denn da?
Chino: Internet-Foren.
Johnny: Myspace.
Mateo: Da haben wir noch selbst Plakate geklebt, das war Handarbeit.
Chino: „Schöne Neue Welt“ von 2011 ist ein gutes Beispiel. Der Song wirkt so locker-flockig, aber der Inhalt ist hochpolitisch. Bei uns ist das zugegeben eher eine Ausnahme. Aber es ist cool, dass politische Musik derzeit eine Renaissance erlebt, bei vielen Pop- und Rap-Acts wie Danger Dan, das freut uns.
Mateo: Das wird ja auch Zeit, es wurde genug über Gucci und Mercedes E-Klasse gerappt.

Sind Sie denn immer derselben Meinung?

Mateo: Wir führen wirklich krasse Diskussionen. Wenn ich uns zum Beispiel mit der Band K.I.Z. vergleiche, die wirken viel heterogener als wir in ihren Meinungen …
Chino: Homogener.
Mateo: Aber wenn die doch gleich sind?
Johnny: Homo heißt gleich.
Mateo: Die sind homo und wir hetero (alle lachen).
Chino: Mist, das wird die Überschrift für das Interview.

Bands mit kontroversen Meinungen lösen sich oft auf. Was ist Ihr Erfolgsrezept nach 19 Jahren Bandkarriere?  

Johnny: Konfrontation ist wichtig bei uns. Das ist unsere größte Errungenschaft: Die Sachen ausdiskutieren, sich da durchkämpfen. Demokratie muss man sich jeden Tag erarbeiten, die ist nicht einmal erreicht und dann ist es für immer geschafft. Man muss das immer wieder neu ausfechten.
Mateo: Das Einzige, wozu wir uns nicht äußern würden, wäre Religion oder Parteien zu supporten. Wobei ich auch schon ungewollt einen kleinen Shitstorm ausgelöst habe, am Anfang von Corona.

dpa/Christoph Soeder
Zur Band

Culcha Candela haben sich 2002 in Berlin gegründet. Ihr Debüt „Union Verdadera“ erschien 2004 und brachte nur mäßig Erfolg. Seit dem Folgewerk „Next Generation“ sind sie aus den Charts jedoch nicht mehr wegzudenken. Es folgten ausverkaufte Tourneen und Nominierungen wie für einen MTV Europe Music Award. „Top Ten“ ist ihre neuste Platte und wird  am 28. Mai veröffentlicht.

Sie meinen, als sich Culcha Candela bei Twitter, als Antwort auf die Komikerin Hazel Brugger, im April 2020 über die Corona-Beschränkungen aufregte, die die Kulturbranche hart treffen?

Mateo: Da habe ich mich in meiner Wortwahl vergriffen, die sehr emotional war, was mir mega leidtut. Dafür habe ich mich tausendmal entschuldigt, die Entschuldigung wurde nicht retweetet oder gelesen. Manche Leute stürzen sich sofort auf Verfehlungen, als ob sie nie Fehler gemacht hätten.

Im November 2020 unterstützte Culcha Candela die Aktion „Sang- und klanglos – Ohne Kunst wird es still.“ Jan Josef Liefers machte damals auch mit, keiner redete darüber. Die Schauspieler-Aktion #allesdichtmachen bestimmte später wochenlang die Schlagzeilen. Muss man mehr anecken?

Mateo: Anscheinend.
Chino: Um Aufmerksamkeit zu kriegen, musst du wohl das ganze Empörungsarsenal aktivieren. Das ist traurig, aber wahrscheinlich ist es so. „Sang- und klanglos“ hat gefühlt keine Sau interessiert.

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Mateo Jasik: „Jan Josef Liefers ist moralisch voll in Ordnung, definitiv kein Arschloch.“

Man könnte sagen: Die Aktion ist sang- und klanglos untergegangen.

Chino: Ja, lustig. Mit Jan Josef Liefers haben wir einige Aktionen zusammen gemacht, zum Beispiel für Armutsbekämpfung. Da ist er mir nicht als extremer Fanatiker aufgefallen, deswegen würde ich ihn nicht in die Nähe von sowas rücken.
Mateo: Man kann von ihm schauspielerisch denken, was man will, oder vom Musikgeschmack her, aber der Typ ist moralisch voll in Ordnung, definitiv kein Arschloch.
Chino: Mit Empörung zu spielen ist traurigerweise genau das Richtige in solchen Zeiten. Dass man in Kauf nimmt, krass angefeindet zu werden, und einen Shitstorm erzeugt für die Aufmerksamkeit.

(Zwischenruf der Managerin: „Könnten wir zur Musik kommen, bitte!“)

Na gut. Laut Band-Biografie hat Culcha Candela fünf Millionen Tonträger verkauft und über 1500 Live-Shows gespielt. Warum machen Sie immer weiter, mit dem mittlerweile zehnten Album?

Chino: Ganz einfach, weil es uns nach wie vor Spaß macht. Es ist noch immer das Geilste, auf der Bühne zu stehen vor Leuten, die die Musik feiern. Wir haben Bock, dranzubleiben und rauszukitzeln, was vielleicht noch geht.
Johnny: Wir sind auch noch ein bisschen zu jung, um in Rente zu gehen.
Mateo: Die Rolling Stones machen gefühlt seit 80 Jahren Musik, denen gehören vermutlich ganze Inseln. Die müssen das nicht mehr machen wegen des Geldes, das muss einfach die Leidenschaft sein.
Chino: Wer weiß, wie teuer der Unterhalt von solchen Inseln ist?

Wenn man so gerne tourt wie Sie: Wie frustrierend waren dann all die Absagen und Aufschübe?

Chino: Es war ätzend, weil wir das Album für letztes Jahr geplant hatten, mit einer „Top Ten Tour“ kombinieren wollten, die jetzt auf Mai 2022 gelegt ist. Wir hatten pro Stadt teils vier Verlegetermine.

Letzten Sommer haben Sie trotzdem Konzerte gespielt, vor Strandkörben und Autos. Wie war das?

Johnny: Es ist auf jeden Fall interessant …
Mateo:
Das erste Autokonzert war gut besucht, wir waren froh, wieder auf der Bühne zu stehen, und die Leute aufgeregt in ihren Autos zu sehen. Bei der dritten Show dachte ich: Fuck, nie wieder möchte ich vor hupenden Autos auftreten. Bei den Strandkorb-Shows durften Leute irgendwann auch aufstehen, das war echt schon Luxus: Ey geil, die Leute stehen wieder und wackeln mit.
Johnny: Es war cool zu sehen, wie kreativ Leute werden, um eine Lösung zu finden, und sich freuen, mit uns für die Freiheit der Kultur zu kämpfen. Wie sie aufs Auto klettern und das Dach eindellen …

Ist der Album-Titel „Top Ten“ auch der Anspruch: für die Charts, die zehn bestmöglichen Songs?

Chino: Alle diese Gründe spielen da rein. Der erste Ansatz war, weil es das zehnte Jubiläums-Album ist. Aber Albumtitel haben bei uns nie einen krassen Stellenwert, weil die Musik so heterogen ist, dass sie nie unter einem Konzept steht.
Mateo: Wir haben keine Dogmen. Der einzige rote Faden ist, dass wir alles mischen, worauf wir Bock haben.

Es sind auf jeden Fall einige Cover herauszuhören: Der erste Song „RWET“ greift den Eurodance-Klassiker „Rhythm Is A Dancer“ auf, der Song „Hope“ erinnert an „Gimme Hope Jo Anna“ von 1988.

Chino: Das ist kein Cover, das ist geborgt.
Mateo: Inspiriert ist es auf jeden Fall davon, aber „Hope“ hat eine komplett andere Melodie.
Johnny: Das Original hat sich gegen Apartheid in Südafrika gewandt. Voll politisch, der Song.
Mateo: Von daher keine Schande.

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Culcha Candela machen seit fast zwanzig Jahren Musik.

Hat „Hope“ eine Botschaft? Sie singen darin: „Give me hope, my brothers, komm, wir schauen nach vorn.“

Chino: Ein Beispiel für einen politischen Song, der nicht so krass die Keule schwingt. Wir haben gemerkt, dass Hoffnung unterbesetzt ist in der Berichterstattung, in der Stimmungslage, dass viele Leute danach dürsten. Die Resonanz war krass, wir hatten den Song als Experiment bei TikTok platziert. Der hat unfassbar die Welle gemacht. Es gibt dort 100.000 Videos zu diesem Song.

Für „Hope“ haben Sie eine Choreografie mit dem Internet-Phänomen Bovann erarbeitet. Sie sind alle um die 40. Haben Sie noch Lust, Tänze für eine Teenager-Plattform wie TikTok zu lernen?

Mateo: Man muss sich anpassen. TikTok ist mehr als Tanzen und Singen, es ist mittlerweile die Meinungsbildungsplattform Nummer eins für Musik.
Johnny: Das ist der Zahn der Zeit, Social Media entwickelt sich weiter. Es kommt jeden Monat so viel Musik raus, die Leute werden mit Songs und Playlisten überflutet. TikTok verknüpft Musik mit Aktivität, dadurch kann man sich emotional mit Songs verbinden. Anders kommst du nicht mehr ran.
Mateo: Es ist ein Emotionalisierungsfaktor, der oft bei Playlisten fehlt, die algorhythmisch erstellt sind. Bei vielen erfolgreichen Künstlern wissen viele Leute gar nicht, wie die überhaupt aussehen.
Johnny: Oder sogar wie sie heißen.

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DJ Chino: „Darauf warte ich, den TikTok-Kanal von Mick Jagger.“

Reicht es nicht, wenn die Leute von früher zu Konzerten kommen, die „Hamma!“ noch kennen?

Johnny: Unsere Zielgruppe ist relativ jung. Coolerweise kennen uns die jungen Kids von heute immer noch, auch wenn die sehr viel jünger waren, als „Hamma!“ rauskam, aber die Songs leben weiter. Das freut uns, es ist spannend, junge Leute zu erreichen, denn die sind die aktivsten für die Gesellschaft.
Mateo: Ich habe eine Schlagzeile, die die „Homo“-Schlagzeile ablösen könnte: „Wir sind der Plug-in-Hybrid der Musikszene!“ Wir stehen mit einem Fuß in dieser Old-School-Zeit, haben CDs noch mitbekommen, sind aber auch mit Highspeed-Internet groß geworden. Den Stones ist Streaming doch egal.
Chino: Darauf warte ich, den TikTok-Kanal von Mick Jagger, das wäre geil.
Mateo: Jick Magger! Die droppen ein Album und sind sowieso ausverkauft. Wir haben die Schlagzahl erhöht und gehen mit der Zeit. Der andere Fuß zappelt noch in der Jetzt-Zeit. Wir überlegen sogar, dieses Jahr zwei Alben zu releasen.

Hits wie „Hamma!“ standen 2007 für gute Laune, Multikulti und Fanmeile am Brandenburger Tor. Ist das in der heutigen Zeit noch angesagt?

Mateo: Ja und nein. Wie man heute sagen würde: Solange es nicht „cringe“ ist, ist es gut. „Hope“ hat auf eine kindliche positive Art Leute angesprochen, ohne aufdringlich zu sein, und ihnen aus dem Herzen gesprochen. Die größte Kritik, die ich gehört habe, war: „Das ist ja voll das Kinderlied.“ Ja, und? Was für Kinder gut ist, kann ja für Erwachsene nicht schädlich sein.
Chino: Sagte schon eine Fernsehwerbung.
Mateo: Wer das Kind in sich verleugnet, ist geistig über den Jordan.

Gäbe es einen Punkt, wo Sie sagen würden: Jetzt ist Schluss? Bei Album 20? Wenn die eigenen Kinder übernehmen könnten? Oder die Hüfte nicht mehr mitmacht beim Tanzen?

Johnny: Noch nicht, wir hoffen, das bleibt dabei.
Chino: Wir schauen mal, wie lange es noch Bock macht und man die Motivation nicht künstlich herbeizaubern muss. Keine Ahnung, was in zehn oder 20 Jahren ist.
Mateo: Bei uns gibt es eine ungeschriebene Regel: Solange mehr Leute vor der Bühne stehen als auf der Bühne …
Chino: Die griff früher besser, als wir noch zu siebt waren. Jetzt sind wir nur noch zu viert.
Mateo: Ich rechne noch Tonleute und Stagehands mit … Man muss auch sagen: Ich kann nichts anderes besser. Ein paar von uns in der Band haben Kinder, ich habe mich mehr auf die Förderung von Nachwuchsmusikern in meinem Label MNF gestürzt. Das ist voll mein Ding, dieser Business- und Mentor-Aspekt. Vielleicht wechsele ich irgendwann vom Spielertrainer in die Exekutive im Management-Bereich. Aber ich will nichts anderes mehr machen in diesem Leben.

Culcha Candela: „Top Ten“ (Sony Music/Culcha Sound) erscheint am 28. Mai