Daniel Barenboim zum 80. Geburtstag: Universal-Autorität der Klassik

Der Name Barenboim meldet auch den Menschen, die es nicht wissen wollen, dass es da noch so etwas gibt wie klassische Musik.

Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, Daniel Barenboim 
Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, Daniel Barenboim Staatsoper Berlin/Christian Mang

Der am 15. November vor 80 Jahren geborene Daniel Barenboim verkörpert mehr als andere Dirigenten seines Alters – mehr also als der 95-jährige Herbert Blomstedt, mehr als der 86-jährige Zubin Mehta – die gegenwärtige musikalische Universal-Autorität auf diesem Planeten. Das hat nachvollziehbare Gründe, etwa seine gleichwertigen Karrieren als Pianist und Dirigent, die sich wiederum in jeweils gleichwertige Tätigkeiten als Solist und Kammermusiker sowie als Konzert- und Operndirigent verzweigen. In keinem Kopf dürfte mehr Repertoire versammelt sein als in dem Barenboims. Zwar reicht sein Repertoire mit Ausnahme von Bachs Wohltemperiertem Klavier nicht hinter Mozart zurück, aber dafür bis in die Gegenwart hinein: Barenboim hat sich für Elliott Carter, Pierre Boulez und zuletzt für Jörg Widmann eingesetzt.

Im Zeitalter der Spezialisierung ist Barenboim ein geradezu enzyklopädisch beschlagener Generalist. Und interessanterweise vermochte die Allzuständigkeit Barenboims sein künstlerisches Profil nicht zu verwaschen. Dieses Profil jedoch zu beschreiben, ist alles andere als leicht. Herbert von Karajan, dem diese Position vielleicht vor Barenboim zugefallen war, suchte nach einem spezifischen, schönen, beseelten Klang und trieb daneben die mediale Verwertung und Vermittlung zum Exzess. Was könnte man vergleichbar knapp über Barenboim sagen?

Zu seinem 70. Geburtstag bezeichnete ich Barenboim als den größten Musiker einer untergehenden Klassikwelt, und damit war sein Beharren auf den üblichen Aufführungsweisen und dem üblichen Repertoire gemeint; mir schien das damals unlebendig und perspektivlos. Doch muss man zugestehen, dass bei Barenboim Ruhm und Charisma selbst die Sache lebendig machen. Die Einschätzung des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Klaus Wowereit, Barenboim sei der einzige klassische Musiker von Weltrang in Berlin, war in höchstem Maße ignorant gegenüber allen gleichzeitig hier wirkenden Kollegen. Aber in einer Massenkultur mit ihren knappen Aufmerksamkeitsressourcen kommt es tatsächlich auf jene Namen an, die jede Ignoranz durchschlagen.

Barenboim äußert sich anders als viele Kollegen nicht nur in Plattitüden

Der Name Barenboim meldet auch den Menschen, die es nicht wissen wollen, dass es da noch so etwas gibt wie klassische Musik – vergleichbar sind da vielleicht nur Namen wie Anne-Sophie Mutter oder Placido Domingo. Skandale, die einen möglichen Machtmissbrauch thematisieren, tragen im Fall von Barenboim nur noch mehr zu seinem Ruhm bei. Man darf das aber nicht so verstehen, dass hinter Barenboims Popularität nicht eine ans Übermenschliche grenzende Kapazität stünde. Anders hätte er dieses ungeheuerliche Pensum nicht schaffen können, das er sich und der Staatskapelle über drei Jahrzehnte auferlegt hat. Seine Zyklen mochten von außen wie substanzlose Prahlerei wirken, aber die Aufführungen der Bruckner-Symphonien innerhalb einer Woche waren ein Konzerterlebnis, das kein Hörer je vergessen wird.

Barenboim äußert sich anders als viele Kollegen nicht nur in Plattitüden. Wenn er in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk davon spricht, dass unser größtes Problem der Mangel an Bildung und Kultur und Denken sei, zeigt er den Rahmen, in dem sich Musik für ihn abspielt – man kann leider nicht von vielen Musikern behaupten, dass sie jenseits des Betriebs sonderlich viel wahrnehmen. Die Gründung des West-Eastern Divan Orchestra, in dem Musiker aus Israel, Palästina und den arabischen Staaten nebeneinander spielen, war eine künstlerisch-politische Großtat. Sie findet in der Barenboim-Said-Akademie eine Fortsetzung, deren Finanzierung fragwürdig sein mag, deren Idee aber beispielhaft ist. Der Boulez-Saal schließlich macht genau das, was Barenboim selbst in seinen Konzerten vermeidet: Er öffnet das Repertoire in jede denkbare Richtung, ob Gegenwart, Renaissance oder andere Kulturen.

Bei Barenboim gibt es eine Verflechtung von Person und Musik

Der Dirigent Barenboim war in den letzten Jahren am stärksten, wenn er sein Repertoire erweiterte. Mit der inständigen Erforschung der Musik von Claude Debussy war Simon Rattle bei den Philharmonikern auf wenig Verständnis gestoßen, Barenboim gelang sie mit der Staatskapelle und ihrem berüchtigten deutschen Klang zum Staunen. Aber in demselben Konzert, in dem ihm eine aufregende Interpretation von „La mer“ gelingt, winkt er Beethovens Violinkonzert gelangweilt durch. Jedoch gehören sogar Langeweile und Müdigkeit zu jener Integration der Musik in die eigenen Lebensvollzüge, die bei keinem anderen Musiker so weit reicht wie bei Barenboim. Diese Verflechtung von Person und Musik gab es bei Karajan nicht, der in der Öffentlichkeit eine Kunstfigur gab, die sich vor allem für Technik interessierte. Barenboim verkörpert da eher das moderne Ideal der Authentizität: Zur Verteidigung gegen die Vorwürfe des Machtmissbrauchs verwies er auf sein hitziges argentinisches Temperament.

Dass dieser Mann, der als Siebenjähriger zum ersten Mal auftrat, an seinem 80. Geburtstag unsichtbar bleibt, weil ihn eine schwere neurologische Erkrankung am Auftreten hindert, ist tragisch – vorgesehen waren Klavierkonzerte von Beethoven und Chopin unter Leitung von Zubin Mehta, den der 14-jährige Barenboim als Dirigierstudent in Wien kennengelernt hat und als großen Bruder bezeichnet. Indes meldet sein Management, dass Barenboim bald zurückkehren möchte. Das wäre ihm nicht nur persönlich von Herzen zu wünschen, sondern auch dem Publikum, weil ein Nachfolger auf dem Thron der universalen Autorität noch nicht feststeht.