Berlin - In Berlins nach dem Fall der Mauer immens angewachsener und an Stilismen und Themen reich gewordener Kunstszene war Michael Nungesser ein so rastloser wie interessierter Beobachter, Erforscher und Interpret. Insbesondere widmete sich der in West-Berlin lebende Kunsthistoriker und Publizist, der in den Jahren nach der Wende auch oft fürs Feuilleton der Berliner Zeitung schrieb, dem Werk von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Osten außerhalb des Mainstreams. Er begleitete so engagiert wie kritisch den gegenüber der Kunst aus der DDR lange Zeit unfairen  „deutsch-deutschen Bilderstreit“. Wie jetzt erst bekannt wurde, ist er am 4. Januar nach schwerer Krankheit gestorben. Der gebürtige Darmstädter wurde 71 Jahre alt.

Bis zuletzt arbeitete er vor allem an monografischen Publikationen. So konnte er ein für ihn wichtiges Projekt zum „Surrealismus in Deutschland? Kunst von 1919 bis 1949“ für eine Ausstellung und das Katalogbuch im Panorama Museum Bad Frankenhausen noch abschließen. Zudem forschte und publizierte Nungesser zu zu Unrecht fast vergessenen Malern: dem Naiven Josef Nowinka (1919 - 2014) und dem spirituellen Konstruktivisten Helmut Zielke (1938 - 2013). Gerade das Werkbuch zu Letzterem, mit tiefgründigen Texten Nungessers, verhilft dem vom Kunstbetrieb Ost wie West übersehenen Maler aus dem Prenzlauer Berg soeben zur einer fulminanten Entdeckung.