Der Mann, der Funk fit macht für die Gen Z: Steve Lacy im Metropol

Kürzlich kickte er Harry Styles vom Thron der US-Charts: Steve Lacy, 24 Jahre alt, ist der neue Wonder-Boy des Funk. Daran lässt er auch in Berlin keine Zweifel.

Steve Lacy beim Konzert im Metropol
Steve Lacy beim Konzert im MetropolEmmanuele Contini

Das Metropol ist schon in Purpur-Sternenglitzer-Licht getaucht, als der eigentliche Stern des Abends die Glamour-Bühne betritt: Steve Lacy heißt der Mann, er ist 24 Jahre alt. Aber war schon mit 17, noch bevor er mit der Highschool fertig war, für den Grammy nominiert. In den letzten Jahren hat er dann (neben seinem Job als Sänger und Gitarrist der Band mit dem so eingängigen wie schwer googlebaren Namen The Internet) mit Superstars wie Kendrick Lamar und Solange gearbeitet – um schließlich selbst zum Superstar zu mutieren: Seine Nummer-eins-Single „Bad Habit“ (vom zweiten Soloalbum „Gemini Rights“) hat kürzlich erst Harry Styles vom Thron der US-Single-Charts gekickt. So kann’s gehen, wenn man auf Mamas guten Ratschlag hört: Die hatte ihn nämlich einst dazu animiert, sich der Highschool-Jazzband anzuschließen. Damit nahm es seinen Anfang, kam alles ins Rocken und Rollen.

Eine Oversized-Sonnenbrille trägt Steve Lacy, ein bisschen Stevie-Wonder-like, als er gegen 21.15 Uhr auf die Bühne am Nollendorfplatz tritt. Lacy wird sie im Laufe des Abends lässig gegen andere Oversized-Sonnenbrillen wechseln (mal mehr im Stil einer Virtual-Reality-Brille, mal mehr als Regenbogenglas, mal mehr venezianische Arzt-Maske). Ganz so, als müsste er uns noch daran erinnern, dass er zwar nicht Stevie Wonder, aber doch der neue Wonder-Boy des Funk ist: Steve Lacy macht Funk fit für die Generation Z. Also ausgerechnet für jene Generation, die auf TikTok gern einer Art Bedroom-Pop frönt, der betäubt oder betäubend klingt.

Lacy hingegen (obgleich er frühe Tracks gänzlich auf seinem iPhone produzierte) lässt hier die Emotionen raus. Und sein Publikum tut es ihm gleich. Das wird im Metropol schon klar, als Steve Lacy seine ersten Tracks des Abends anstimmt, erst „Buttons“ und dann „Mercury“, mit fulminanten Bossa-nova-Vibes. Lacy geht in die Vollen und auch in die Höhen wie einst Prince – oder zumindest wie ein Kronprinz. Und er lässt die (fast zu jedem Song neu gereichten) Gitarren knurren und fauchen wie ein Jimi-Hendrix-Tiger vor dieser Band aus Bass und Drums und ziemlich vielen Keyboards.

Die Crowd filmt fleißig mit bei Steve Lacy im Metropol.
Die Crowd filmt fleißig mit bei Steve Lacy im Metropol.Emmanuele Contini

Doch Steve Lacy ist auch ein Zarter: Der Song „Only If“ handelt vom unmöglichen Gespräch mit seinem jüngeren Selbst: „If I could travel through time, I think I/ Would tell myself from the past, ‚You’ll be fine‘“. Er würde also nur allzu gerne dem kleinen Steve Lacy Mut zuhauchen. Sicher nicht weit hergeholt, an dieser Stelle auch an Steve Lacys bisexuelles Coming-out von 2017 zu denken.

Das war zwei Jahre vor dem Coming-out von Lil Nas X. Ein mutiger Schritt, zumal für einen, der regelmäßig mit den ganz großen HipHop-Dudes abhängt. Im Metropol-Zuschauerraum (und auf den Oberrängen) tummeln sich auch gleichermaßen Mädchen und Jungs – viele von ihnen sind Anfang, Mitte 20 –, die Steve Lacy anschmachten. Und die mitleiden, wenn Lacy leidet in den Songs des aktuellen Albums „Gemini Rights“, die sich so oft um den Ex drehen, über den Lacy nur mehr oder weniger (wohl eher: weniger) hinweg ist.

Zum Finale gibt’s dann natürlich auch den Hit „Bad Habit“ (zu Deutsch: schlechte Angewohnheit), Lacys Nummer eins: ein musikalisches Nachgrübeln darüber, ob das vielleicht was hätte werden können mit dieser Person, wenn Lacy (oder, vielmehr: sein lyrisches Ich) gewusst hätte, dass er oder sie so viel für ihn empfinde.

Es ist die letzte Show eines fulminanten Jahres für ihn. Eine Show, die Steve Lacy hier im Metropol in Schöneberg spielt, so kurz vor Weihnachten. Den vielen Fans, die fleißig filmen und schwofen und ausrasten im Disco-Funk-Rotlicht oder auch mal weiße Tulpen auf die Bühne reichen, steht ein sprichwörtliches „All I want for Christmas is Steve Lacy“ ins Gesicht geschrieben. Der schwingt, während die Orgel warm tremoliert, die Hüfte in der engen Lederhose – und formt die Finger vor seinem weißen T-Shirt zu einem Herz. Auf dem prangt ein schwarzes S. Ein S wie Steve? Wie sexy? Wie Superstar? Hier gibt es offensichtlich keine falsche Antwort.