Berlin - Am 6. Juni hat an der Komischen Oper „Der ‚Zigeuner‘baron“ Premiere, eine Operette von Johann Strauss aus dem Jahr 1885. Der Regisseur Tobias Kratzer findet es wichtig, sich mit dem Stück und seinem problematischen Titel zu beschäftigen.

Herr Kratzer, haben Sie die Befürchtung, Sie könnten bald im Zentrum eines Shitstorms stehen?

Nein. Das wird ja vom Haus gut begleitet. Die Titelumbenennung …

Sie setzen das Z-Wort in Anführungszeichen.

Für mich hat das eine ähnliche Funktion wie ein Genderstern. Es ist ein öffentliches Signal dafür, dass sich da jemand Gedanken gemacht hat, dass die Begrifflichkeit dieses Operettentitels nicht unreflektiert reproduziert wird. Shitstormvermeidung ist jetzt nicht die primäre Aufgabe, aber hoffentlich auch ein angenehmer Nebeneffekt dieser Anführungszeichen.

Hätte im Titel der Operette das N-Wort gestanden, hätten Sie es nicht dort gelassen, oder?

Da gibt es im politischen Sprachbewusstsein schon nochmal eine Abstufung. Die will ich jetzt gar nicht werten. Begriffe haben ja ihre eigene Geschichte. In ein paar Jahren ginge das Wort vielleicht nicht mehr durch, nicht mal mit Anführungszeichen. Und im allgemeinen Sprachgebrauch sollte es auch mit Recht nicht mehr verwendet werden. Aber hier ist es der Titel eines Kunstwerks, und für den Moment scheint es mir entscheidender, die historische Distanz zu markieren, als sie zu negieren. Und die Kunst hat ja auch Möglichkeiten, das auf ihre Weise zu reflektieren.

Was bedeutet denn das Wort „Zigeuner“ ursprünglich?

Das ist etymologisch tatsächlich umstritten. In jedem Fall aber ist der Begriff durch die Verwendung während des Nationalsozialismus unmöglich geworden. Und es ist kein Begriff, der jemals als Selbstbezeichnung der Roma und Sinti übernommen worden wäre, sondern eine reine Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft. Manche ursprünglich pejorativen Begriffe sind ja im Lauf der Zeit ins rein Deskriptive oder sogar ins Positive gewandt geworden. „Schwul“ ist das bekannteste Beispiel. Bei dem Wort „Zigeuner“ ist das nicht eingetreten.

Das Wort ist kürzlich in der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ Thema geworden, daraufhin haben einige Roma-Aktivisten gefordert, das Z-Wort ein für allemal nicht mehr hören zu wollen.

Ich denke, man muss unterscheiden, ob vier weiße TV-UnterhalterInnen das Wort in einer Talkshow völlig unreflektiert benutzen, so als seien sie gerade aus 30 Jahren Tiefschlaf aufgewacht. Da haben die Aktivisten völlig recht. Das finde ich genauso wenig adäquat. Im Kunstfeld ist es auch nicht per se akzeptabler, aber hier hat es eine eigene Historizität. Diese muss aber sicher hinterfragt werden.

Die Komische Oper Berlin lädt Romani Rose, den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma,  gemeinsam mit Ihnen zu einer Podiumsdiskussion ein.

Wir waren im Vorfeld in Kontakt, und der Vorschlag mit den Anführungszeichen kam auch aus dem Umfeld des Zentralrats der Sinti und Roma. Es gab da keine Forderung nach einer weitergehenden Umbenennung. Es war uns aber wichtig, vorher darüber zu sprechen, was akzeptabel oder verletzend sein könnte.

Gregor Baron
Zur Person

Tobias Kratzer, geboren 1980 in Landshut, ist als freier Regisseur tätig. Zu seinen Regiearbeiten im deutschsprachigen Raum zählen Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier und Richard Wagners „Tannhäuser“ am Theater Bremen sowie dessen „Meistersinger von Nürnberg“ und Giacomo Meyerbeers „Le prophète“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe.
Seine Inszenierung von Richard Wagners „Tannhäuser“ 2019 bei den Bayreuther Festspielen wurde von der Zeitschrift Opernwelt zur Inszenierung des Jahres gekürt.

Ist Zigeuner nicht auch ein Begriff für eine imaginäre Volksgruppe, die mit Projektionen einhergeht, die nicht unbedingt abwertend sind?

Auf jeden Fall. Und das ist der große Unterschied zum N-Wort. Der Begriff „Zigeuner“ hat auch eine lange Geschichte von positivem Rassismus, wie man heute sagen würde. Er beinhaltet eben auch eine freudvolle Bejahung des ganz Anderen, des Exotischen. Da geht es nicht nur um Diebstahl und Pferderaub, wie es in manchen Text-Passagen des „Zigeunerbaron“ aufgerufen wird. Letztendlich entzieht sich die Operette aber einer eindeutigen Wertung. Eine der beiden Hauptfiguren, die sogenannte „Zigeunerin“ Saffi, wird extrem positiv gesehen, gleichzeitig gibt es in vielen Dialogpassagen negative oder klischeebehaftete Zuschreibungen wie die von den stehlenden „Zigeuner“jungen oder den magischen Ritualen, die Saffis Mutter praktiziert. Die habe ich weitgehend gestrichen oder anders kontextualisiert. Aber die Operette macht da – auch musikalisch – ihren ganz eigenen Raum auf. Sie hinterfragt permanent ihre eigenen Klischees. Und gerade dieser dialektische Umgang macht das Stück interessant.

Das „Zigeunerlied“, aus dem Sie gerade zitiert haben: „Wo man Zigeuner hört, wo Zigeuner sind, Mann – gib Acht auf dein Pferd, Frau – gib Acht auf dein Kind“, ist das drin in Ihrer Inszenierung?

Ja, und dieses Lied finde ich hochinteressant, denn es führt in sich schon einen Diskurs. Das würde man in einer Strauss-Operette nicht erwarten. In der ersten Strophe werden negative Klischees aufgerufen, und in der zweiten Strophe das positive Gegenbild. Zwei konträre Sichtweisen auf ein und dieselbe Volksgruppe. Es ist ja alles andere als ein Schmählied, sondern eine sehr hellsichtige Analyse von Vorurteilen.

Auch positive Diskriminierung ist Diskriminierung.

Für mich ist entscheidend, es auf die Figur zurückzubeziehen, die das singt. Wir lösen das, indem Saffi hier einen Anspielpartner hat, dem sie mit diesem Lied seine eigenen Vorurteile ironisch vorhält. Und plötzlich bekommt das eine ganz andere Bedeutung. Das ist sicher nicht der allein selig machende Weg, aber vielleicht eine unter vielen Möglichkeiten, wie man die Nummer als Regisseur auch kritisch reflektieren kann. Es gibt zwei andere „Zigeunerbaron“-Inszenierungen in diesem Jahr, die jeweils anders damit umgehen. Magdeburg setzt die Operette in einen doppelten Rahmen, indem es die Geschichte in einem Varieté inszeniert, Wiesbaden hat das Wort „Zigeuner“ komplett aus dem Libretto getilgt.

Als die Operette vor ein paar Jahre in Wien aufgeführt wurde, hat die österreichische Schriftstellerin Marlene Steeruwitz gesagt: „Die Operette ist ein Archiv des Sexismus, Rassismus und Antisemitismus, und ich bin dafür, dass sie einmal für 20 Jahre in die Lade sollte, und dann schauen wir, was davon übrigbleibt.“

Dieser Debattenbeitrag ist in seiner Extremheit durchaus berechtigt, aber auch sehr pauschal. Ich finde es wichtig, ein so problematisches Stück zu zeigen. Gerade daran kann man ja auch den Stand der Debatte ablesen. Und man kann am ästhetischen Objekt erproben, wo unsere Gesellschaft steht. Auch fragen, was es uns heute noch zu sagen hat. Wenn ich es 20 Jahre in der Schublade lasse, ist es zwar weg, aber damit ist auch keinem geholfen. Dann kommen die Vorurteile vielleicht auf einem anderem Wege durch, auf dem man sie nicht mehr ästhetisch reflektieren kann.

Was kann uns diese Operette denn heute noch sagen?

In ihrer Zeit hat sich die k.u.k.-Gesellschaft Österreich-Ungarns damit auf der Operettenbühne über ihre multiethnische Verfasstheit verständigt. Das wollte ich szenisch auch ausbuchstabieren, nur sind Kollektive wegen Corona derzeit nicht so flexibel einsetzbar. Ich erzähle die Handlung nun aus der Warte des konservativsten Charakters, Graf Homonay, der das Modell des alten weißen Mannes verkörpert, über den die Zeit hinweggegangen ist. Er begreift nicht, warum er auf einmal nicht mehr „Zigeuner“ sagen darf, auch nicht, wie ein junger Großgrundbesitzer sich in eine Frau mit ganz anderem Background verlieben kann und nicht in eine Industriellentochter. Im Lauf der Handlung bricht sein Weltbild zusammen.

Der „Zigeuner“baron, Komische Oper Berlin, Premiere am 6. Juni, wieder am 13., 26. und 28. Juni