Berlin - Erst im Oktober 2020 hat Tina Sikorski die Geschäftsführung der Initiative Musik, der Fördereinrichtung der Bundesregierung und der Musikbranche für die deutsche Musikwirtschaft, mit übernommen. Und schon jetzt wartet eine große Aufgabe auf sie und ihr Team: Der Deutsche Jazzpreis, den Kulturstaatsministerin Monika Grütters im letzten Jahr auslobte, wird erstmals am 3. Juni verliehen. Die Initiative Musik mit Sitz in Berlin wurde mit der Austragung beauftragt – in einer Zeit, in der große Events noch immer digital stattfinden. Ob das für eine neu zu etablierende Preisverleihung gut ist? Wir rufen Sikorski an und fragen nach. Felix Falk, Mitglied des Jazzpreis-Beirates und als freischaffender Jazzmusiker im Vorstand der Deutschen Jazzunion, schaltet sich dazu. Eine Art Telefon-Konferenz, bei der jeder im Homeoffice sitzt.

Frau Sikorski, Herr Falk, mit dem Deutschen Jazzpreis gibt es eine neue Trophäe für Musiker. Wie kam es dazu?

Falk: Der Preis ist durch eine Initiative des Deutschen Bundestages entstanden. Es gibt zwar schon verschiedene Kulturpreise der Bundesregierung, aber keinen für den Jazz. Dabei ist gerade die kulturpolitische und gesellschaftliche Bedeutung des Jazz sowie improvisierter Musik durch die Musikschaffenden und durch die vielfältige Szene insgesamt über die Jahre immer deutlicher geworden. Gemeinsam mit Akteurinnen und Akteuren der Szene, der Initiative Musik und dem Team der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien wurde dann an einem Konzept gearbeitet.

In einigen deutschen Städten gibt es bereits Preise für Jazz – in Berlin den RBB-Jazzpreis – und den Albert-Mangelsdorff-Preis nannte man früher sogar „Deutscher Jazzpreis“. Wie unterscheidet sich Ihrer davon?

Falk: Es gibt tatsächlich einige tolle Preise, die in Bundesländern und Städten stärker würdigen, was im Jazz regional passiert. Und den Albert-Mangelsdorff gibt es alle zwei Jahre für eine herausragende Persönlichkeit der Musikschaffenden. Aber es gab eben noch keinen bundesweiten Leuchtturm, der die ganze Breite des Jazz abdeckt.

Sikorski: Der Deutsche Jazzpreis hat sich zum Ziel gemacht, die ganze Szene in ihrer Vielfalt zu würdigen, mit Ausstrahlung in die EU und in die ganze Welt, was man auch an den internationalen Kategorien erkennen kann.

Zu den Personen

Tina Sikorski ist seit Herbst vergangenen Jahres Geschäftsführerin der Initiative Musik. Die studierte Betriebswirtin ist vor allem für die Bereiche Awards, Export und Infrastrukturprojekte verantwortlich. Vor ihrer Tätigkeit für die Initiative Musik war sie viele Jahre für die Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim tätig und leitete dort zuletzt das auf ihre Initiative gegründete Institut für Musik- und Kreativwirtschaftspraxis.

Felix Falk ist Geschäftsführer des Game-Verbandes, der Interessenvertretung der Videospiel-Industrie in Deutschland. Nebenberuflich ist er deutscher Jazzmusiker (Saxophon, Perkussion) und Komponist. 2012 war er Mitinitiator der neu gegründeten Union der Deutschen Jazzmusiker und ist ihr stellvertretender Vorsitzender. Zudem ist er einer der Sprecher der Bundeskonferenz Jazz und seit 2016 auch Vorstand des vom Deutschen Bundestag initiierten Musikfonds.

Für den Deutschen Jazzpreis gibt es 31 Kategorien, nationale wie internationale. Über Tausend Vorschläge haben Sie hierfür erreicht, 81 Acts wurden letztlich nominiert. Wie groß ist denn nun die deutsche Jazzszene?

Falk: Die Vielfalt der Kategorien demonstriert die Vielschichtigkeit der Szene. Wie groß sie tatsächlich ist, ist schwer zu beantworten. Allein die Deutsche Jazzunion hat rund 1300 Musikerinnen und Musiker als Mitglieder.

Sikorski: Was heißt überhaupt Szene? Sind es die Musiker oder die Hörer? Blickt man auf die Verkaufszahlen, dann ist Pop das dominierende Genre. Aber das Kommerzielle ist gerade nicht die entscheidende Größe im Jazz, der nicht nur sehr präsent, sondern eben vor allem künstlerisch stilbildend ist. Jazz ist gesellschaftlich verankert und hat eine große Relevanz, und wir wollen darauf noch stärkere Aufmerksamkeit lenken.

Kann das inmitten der Pandemie mit einer digitalen Veranstaltung gelingen?

Sikorski: Wir haben natürlich diskutiert, ob wir die Verleihung dieses Jahr durchführen wollen. Wir haben gemeinsam mit unserem Beirat als Vertretung der Jazz-Szene entschieden, dass es gerade jetzt wichtig ist. Zum einen um die Preisgelder auszuschütten, weil die Künstler das jetzt dringender denn je brauchen. Und um zu zeigen, dass die Branche lebt. Für Zuschauer ist es ein Live-Stream-Event, ja. Aber wir haben an vier Standorten in Deutschland auch Locations, von wo wir senden werden, und somit verschiedene Einblicke gewähren. Preisträgerinnen, Laudatoren, Live-Acts sind zu sehen. So haben zumindest einige Musiker die Gelegenheit, sich zu treffen und auszutauschen.

Für den Deutschen Jazzpreis wurde eine Million Euro zur Verfügung gestellt. In einigen Kategorien können Musiker mindestens 10.000 Euro gewinnen. Sind das Summen, die bleiben werden?

Sikorski: Ja, die eine Million Euro sind im Haushalt festgeschrieben. Die sollen wir jedes Jahr für den Jazzpreis erhalten. Es geht auf jeden Fall darum, den Preis langfristig in der nationalen und internationalen Kulturszene zu etablieren.

Zur Preisverleihung

Der Deutsche Jazzpreis wird am 3. Juni 2021 um 19.30 Uhr verliehen. Insgesamt sind 81 Acts in 31 Kategorien nominiert. In der Sparte  „Großes Ensemble des Jahres“ ist unter anderem das Berliner Andromeda Mega Express Orchestra zu finden, für den „Club des Jahres“ ist die Berliner Location Donau115 gelistet. Sänger Max Mutzke und  RBB-Jazzredakteur Ulf Drechsel sind Teil der 16-köpfigen Jury. Weitere Infos und der Stream finden sich unter: www.deutscher-jazzpreis.de; dem Jazzpreis folgen die digitalen Events des Elbjazz in Hamburg und die Jazzwoche in Berlin. Programm und Streams sind auf den jeweiligen Webseiten zu finden.

Was braucht es denn, um den Deutschen Jazzpreis langfristig zu etablieren?

Falk: Ich denke, es sind drei Dinge: einmal die Authentizität und die Glaubwürdigkeit für die Szene. Das erreichen wir, indem wir die Szene mit einbeziehen, etwa in die Jurys oder in den Jazzbeirat. Und dann kommt die finanzielle Unterstützung hinzu. Das Zweite ist die Sichtbarkeit in Deutschland. Es geht um ein möglichst breites Publikum, die der Preis für den aktuellen Jazz und improvisierte Musik begeistert. Drittens ist internationaler Austausch wichtig. Jazz in Deutschland ist ja nicht deutscher Jazz, sondern eine besonders Grenzen überschreitende Musikform. Wir haben hier auch ganz viele internationale Musiker, und das macht es erst so richtig spannend. Deswegen ist es gut, dass der Bundestag die Kunstform Jazz kulturpolitisch langfristig würdigen und stärken will.

Was ist mit anderen Kunstformen? Pop? HipHop? Techno?  Will man denen ebenfalls neue Preise widmen?

Falk: Jazz ist aber nicht einfach nur ein Genre, das sich neben HipHop oder Techno platzieren lässt! Jazz ist als Kunstform schon historisch eher als Ressource und Grundlage für andere Genres zu verstehen. Als Szene denken wir den Jazzbegriff zudem sehr weit – als improvisierte Musik von experimentell bis Pop, von Elektronik bis zu zeitgenössisch. Diese Vielfalt muss man immer mitdenken, wenn man Jazz verstehen will.

Sikorski: Zur Frage, ob es weitere Preise geben soll: Ich weiß, dass es verschiedene Überlegungen im Bereich der Kulturpolitik gibt. Ich kann mir gut vorstellen, dass noch mehr in dieser Richtung entstehen wird – zumal es da eine erkennbare Lücke gibt.

Wie wichtig sind Musikpreise?

Sikorski: Preise sind wichtig, um Künstlern nochmal eine andere Form der Wertschätzung entgegenzubringen als vielleicht über verkaufte CDs oder Konzerttickets. Ein Preis würdigt die künstlerische Qualität und Kreativität. Und gerade, wenn der Preis von anderen Künstlern vergeben wird oder sie eine entscheidende Rolle spielen, ist das besonders wertvoll für die Preisträger. Natürlich ist ein Preis auch ein Marketing-Instrument, um Aufmerksamkeit zu schaffen.