Mit einem Hungerstreik hat Ethel Smyth das Musikstudium erzwungen

Das DSO führt mit „Les Naufrageurs“ erstmals ein Werk der britischen Komponistin Ethel Smyth auf. Das Schicksal der Puccini-Zeitgenossin ist erschütternd.

Die britische Komponistin Ethel Mary Smyth lebte von 1858 bis 1944.
Die britische Komponistin Ethel Mary Smyth lebte von 1858 bis 1944.imago/United Archives International

Die britische Komponistin Ethel Smyth wurde 1858, ein Jahr nach Edward Elgar und jeweils wenige Jahre vor Giacomo Puccini, Richard Strauss und Claude Debussy geboren. Ihre Oper „Les Naufrageurs“ wurde 1906 uraufgeführt, gehört also in die gleiche Dekade wie „Pelleas et Mélisande“, „Salome“ und „Madama Butterfly“. Am Sonntag spielte das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) das Werk unter der Leitung von Robin Ticciati in der Philharmonie – es war das erste Mal, dass das Orchester überhaupt Musik von Smyth aufführte.

Das Schicksal der Komponistin und dieses Werks ist erschütternd: Keinesfalls nennt man sie in einem Atemzug mit Elgar, dem der Ruhm, der erste bedeutende englische Komponist seit dem Barock zu sein, allein zufiel, und wenn auch „Les Naufrageurs“ nicht in derselben epochalen Liga wie die drei genannten Stücke spielen mag, so ist das Milieu der Oper, ihr Spannungsaufbau und ihr musikalischer Stil doch so originell, dass die völlige Vergessenheit, in die sie gefallen ist, etwas von der Gewalt erzählt, mit der Frauen in der Musik an den Rand gedrängt wurden, wenn sie sich nicht darauf beschränkten, Klavier zu spielen.

Die erste Frau am Pult der Berliner Philharmoniker

Ethel Smyth hat diese Gewalt von Anfang an erfahren. Die Erlaubnis zum Musikstudium ertrotzte sie sich vom Vater mit einem Hungerstreik. Weil dieser Widerstand nur ihrem Geschlecht galt, engagierte sie sich in der Frauenbewegung, lief in Männerkleidung und mit Zigarre durchs Fin de Siècle und landete als Fensterscheiben einschmeißende Demonstrantin sogar im Gefängnis. Dass Gustav Mahler und Bruno Walter „Les Naufrageurs“ zur Aufführung an der Wiener Staatsoper annahmen, dass sie als erste Frau die Berliner Philharmoniker dirigierte, zeigt eindrucksvoll, was sie sich erarbeitet hatte.

„Les Naufrageurs“ ist ihre dritte Oper – ihr zeitweiliger Lebensgefährte Henry Bennet Brewster hatte das Libretto auf Französisch geschrieben, weil man der Oper damit international bessere Chancen einräumte, und ohnehin wollten die Engländer in ihren Opernhäusern nur Opern sehen, die im Ausland Erfolg hatten.

Liebestod bei Flut

Es geht um eine eigentümliche Dorfgemeinschaft an der Küste von Cornwall, die ihren Wohlstand den an die Felsküste geschleuderten Schiffen verdankt. Damit genug Nachschub kommt, macht der Leuchtturmwärter bei Gelegenheit das Licht aus. In letzter Zeit jedoch bleibt die Beute aus, der Pfarrer mahnt zu weniger Alkoholkonsum, dann würde Gott auch wieder Schiffe zum munteren Plündern gegen die Felsen schleudern.

In einem Menschen regt sich ein Gewissen: Marc legt Feuer, damit die Schiffe abdrehen. Man kommt ihm auf die Schliche, und vor allem die allgemeine Eifersucht besiegelt dann sein Schicksal. Denn dass er mit der jungen Pfarrersfrau Thurza schläft, gefällt weder deren Gatten noch der jungen Avis, die er bis vor Kurzem noch umworben hat. Marc und Thurza wird in einer Höhle der Prozess gemacht, die zur Flut vollläuft; beide sterben eine Art Liebestod.

Dieser Schluss hat einige Hörer an den von Verdis „Aida“ erinnert, wenn Aida und Radames lebendig begraben werden. Nur breitet sich bei Smyth keine große Melodie aus. Zwar gibt es auch hier große Visionen von der Gemeinsamkeit im Tod, aber zugleich hört man auch bedrohlich die Fluten steigen. Es ist ein Ineinander von Realismus und Verklärung, das die nachromantischen Wurzeln dieser Oper zeigt.

Ethel Smyth kann wunderbar instrumentieren

Ethel Smyth hat in Leipzig studiert, war mit Johannes Brahms bekannt und mit dessen Freundin Elisabeth von Herzogenberg intim: Das musikalische Milieu war also höchst konservativ. Smyth hat dort ein enorm gründliches Handwerk gelernt, das mit den Ausdrucksspannungen ihrer Tonsprache in produktiven Konflikt tritt. Denn anders als Kollege Edward Elgar mit seiner ewigen „nobilmente“-Spielanweisung war Smyth keineswegs zur expressiven Zurückhaltung aufgelegt: Immer wieder wird der sehr artikulierte Tonsatz auch wieder abgebrochen, zieht sich der kontrapunktische Orchestersatz in einfache Begleitungen zurück.

Aber meistens gibt Smyth richtig Gas – und man fragt sich, ob das Dauerfortissimo weiter Strecken wirklich so in der Partitur steht oder mit einer zu kurzen Probenzeit für das zweieinhalbstündige Werk zusammenhängt. Der Chefdirigent des DSO, Robin Ticciati, hat das Werk im Mai in Glyndebourne aufgeführt und hält die großen Bögen souverän zusammen, aber der üppige Schlagzeugeinsatz nötigt insbesondere den Rundfunkchor Berlin zum Forcieren. Tatsächlich kann Ethel Smyth wunderbar instrumentieren: Zuweilen tut sich im seelischen Gewühl ein Fenster zur See auf, dann rauscht es zauberhaft im Orchester.

Und den Solisten schafft sie meistens eine reduzierte Begleitung, sodass sie gut zu hören sind: Karis Tucker als Thurza wie auch Lauren Fagan als Avis gefallen mit satt timbrierten, dennoch zur dramatischen Kraftentladung geeigneten Stimmen, Philip Horst verkörpert den Pfarrer mit hintergründiger Engstirnigkeit, und Rodrigo Porras Garulo versieht den Marc mit italienischem Schmelz.

Man hat Smyths Musik zuweilen eklektisch genannt: Hier und da klingt ein Wagner-Zitat auf, dort Debussys Ganztonleiter, und der Verzicht auf große Melodien erinnert ohnehin an deutsche Opern. Aber spätestens im zweiten Akt wird deutlich, dass Smyth zwar noch mit spätromantischen Mitteln arbeitet, aber im gesamten Arrangement der Kontraste und der Gebrochenheit des Stils doch absolut zum 20. Jahrhundert gehört.

Das Konzert wird in Auszügen am 9. Oktober, 21.15 Uhr im Deutschlandfunk übertragen.