Am Ende seiner „Meistersinger von Nürnberg“ schwingt Richard Wagner völlig unvermittelt die nationale Keule: „Habt acht! Uns dräuen üble Streich’! Zerfällt erst deutsches Volk und Reich, in falscher welscher Majestät kein Fürst bald mehr sein Volk versteht … Was deutsch und echt wüsst’ keiner mehr, lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr’.“

In der neuen Inszenierung an der Deutschen Oper fängt der Chor danach an, ein lasches Discotänzchen aufzuführen, und Hans Sachs, der dies gesagt hat, macht einen angedeuteten Stagedive. Aha. Sehen wir mal davon ab, dass der Chor schon zur Prügelfuge im zweiten Akt so ähnlich getanzt hat, diese Bewegungsform also am Ende des Stücks ohnehin schon verbraucht ist: Was soll damit gesagt sein? Alles nicht so arg? Nehmen wir nicht so ernst? Tanz den Adolf Hitler? Wird von vergnügungssüchtiger Gesellschaft so hingenommen?

In dieser Saison schlug Regieteams nach Berliner Opernpremieren meistens wenig Gegenwind entgegen. Am Sonntag in der Deutschen Oper nach sechs Stunden Wagner bekamen Anna Viebrock, Sergio Morabito und Jossi Wieler durchaus etwas zu hören. Und nicht wirklich zu Unrecht. Alle drei waren als Regisseure im Programm verzeichnet, aber einen tragfähigen Einfall hatte niemand von ihnen. Schon den Raum, den Viebrock entworfen hat, kann man eigentlich nicht als Musikhochschule erkennen, wenn man es nicht im Programmheft liest. Holztäfelung und moderne Anbauten, hinter deren Türen die „Meister“, jene vielfältig facettierten Spießer verschwinden, die offenbar Musikprofessoren sein sollen, qualifizieren diesen Raum nicht ausreichend. Die Lehrbuben sollen wohl Musikstudenten und -studentinnen sein, die mit „wokem“ und „mütendem“ Kopfschütteln Veit Pogners Pläne zur Verheiratung seiner Tochter kommentieren. Zur Johannisnacht im zweiten Akt tun die Studierenden, wie es Studierenden nachgesagt wird – oder wie eine längst nicht mehr studierende, in der Pause zufällig an mir vorbeiflanierende Besucherin zusammenfasste: „Immer nur bumsen.“

Dass Hans Sachs barfuß läuft, ist fast der beste Witz des Abends

Unter diesen Meister-Spießern ist Hans Sachs mit blauer Jacke und buntem Schal der Paradiesvogel, er ist kein Schuster – dass er barfuß läuft, ist fast der beste Witz des Abends –, sondern Professor für Drumset und läuft mit seinen Sticks herum. Alles Gerede von Schuhen und vom Schuster-Handwerk läuft damit ins Leere. Das ist der Regie auch aufgefallen, deswegen darf Sachs im zweiten Akt aus einem Plastiksack bunte Plastiktreter verteilen, was nun gar keinen Sinn mehr ergibt. Natürlich wird die Schuster-Fachsprache von Wagner immer in metaphorischer Absicht verwendet – etwa: Wo drückt Eva der Schuh? –, aber wenn die Inszenierung den Bild-Anteil der Metapher herauskürzt, um nur noch das Gemeinte übrig zu behalten, bringt sie Form zum Verschwinden und mit ihr Witz und Rhetorik, die nun als reiner Text ins Leere laufen. Während die Verlegung ins Musikhochschul-Milieu keinerlei Deutungsgewinn erbringt. Ob die Meistersinger nun Spießer unterschiedlicher Profession mit künstlerischen Neigungen sind oder Fachidioten, macht keinen Unterschied.

Dass Sachs so forsch als „der etwas andere“ Professor kostümiert wird, macht seine nationalistische Kehre am Ende zum Problem, das von der Regie so gelöst wird, dass er seine blaue Jacke auszieht und darunter so braungrau aussieht wie seine Kollegen. Ist es denn völlig aus der Mode gekommen, sich Gedanken zu machen? Morabito griff schon im Programmheft daneben, als er meinte, Sachs würde in der Schlussansprache wie Wotan klingen: Tatsächlich schwadroniert Heinrich der Vogler im „Lohengrin“ von gefährdeten Reichsgrenzen, Wotan nie und nirgends. Johan Reuter wirkt durch die sehr festlegende Kostümierung in seiner expressiven Spannweite beschnitten auf eine gewisse Hemdsärmeligkeit.

Dass ein Dirigent Buhs hört, ist selten

Auch alles andere ist traurig und gegen die gesangliche Entfaltung konzipiert. Walther von Stolzing ist eine Inszenierungs-Leerstelle, natürlich kein Ritter, sondern vermutlich Evas Zufallsbekanntschaft aus irgendeiner Kneipe, dem man ein Interesse an Kunst in keinem Moment abnimmt – aber das hat auch Wagner schon nicht sonderlich glaubwürdig machen können. Klaus Florian Vogt singt ihn auf seine vertraute Art, höhen- und bombensicher, aber auch etwas farblos. Heidi Stobers Eva, in der Höhe zuweilen etwas vage in der Intonation, muss Sachs im zweiten Akt körperlich sehr offensiv umgarnen. Eigentlich ist das eine emotional höchst mehrdeutige Szene, in der Eva vor allem etwas über Walther von Stolzing hören möchte, aber auch zwischen ihr und Sachs etwas funken könnte, wird hier platt vereindeutigt. Beckmesser ist von Anfang an ein hüftlahmer Verlierer, von Philipp Jekal mit traurig-schönem Bariton dargestellt.

Eine Ausnahme von diesen ganz und gar schematischen Figuren sind nur Magdalene und der Lehrjunge David, für den sie ein Faible hat. Annika Schlicht gibt ihr ein zwischen Entschiedenheit und Angst flackerndes Wesen, und die Unsicherheit zwischen Anziehung und Abstoßung spielt auch Ya-Chung Huang – beide bedanken sich für die originelle Konzeption mit farbreichem, ungeheuer präzisem Ausdruck. Aber leider sind das nun wirklich Nebenfiguren.

Dass ein Dirigent ebenfalls Buhs hört, ist selten. Markus Stenz und das Orchester der Deutschen Oper ließen aufhorchen mit überaus artikulierten Nebenstimmen im Vorspiel und einer überhaupt sehr genauen, klaren und neugierigen Lesart. Aber bereits die ersten Lehrbuben-Ensembles waren irritierend ungenau, die Prügelfuge ein ziemliches Durcheinander und auch die Chöre auf der Festwiese waren alles andere als sicher koordiniert – hier und da muss man gewiss Stenz dafür verantwortlich machen, zuweilen auch eine Inszenierung, die Lehrbuben, Chöre und zuweilen auch die Solisten so positionierte, dass ein genaues Zusammen-Musizieren erschwert wurde. So wenig mitteilen und dann noch eine vielversprechende musikalische Interpretation vereiteln – dieses Regieteam hat sich seine Buhs redlich verdient.