Sie waren die erste deutsche Girlgroup, deren Entstehungsgeschichte man live im Fernsehen verfolgen konnte. Im Jahr 2000 sahen Millionen von Menschen zu, wie die No Angels zusammengecastet wurden – bei der ersten „Popstars“-Staffel, die damals noch bei RTL 2 lief, aber schon unter der gestrengen Leitung des Berliner Choreographen Detlef D! Soost stattfand. Doch so schnell die No Angels berühmt wurden, so schnell kriselte es zwischen Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Mölling, Vanessa Petruo und Jessica Wahls. Es folgten Trennungen, Wiedervereinigungen, Skandale, Solo-Ausflüge und TV-Auftritte. Ihre Bandgeschichte ist längst auch ein Stück Zeitgeschichte. Wir blicken anlässlich des an diesem Freitag erscheinenden Jubiläumsalbums „20“ zurück.

Echte Arbeit am Falschen – ein Sieg des Halbseidenen

Wie alle guten, schönen und wahren Geschichten beginnt auch die der No Angels mit einem Betrug. Die fünf Frauen hatten in der Castingshow „Popstars“ durch einen so klug wie kühl kalkulierenden Cast gerade erst quotenträchtig zusammengefunden, da sollte für die Formation noch ein Allerweltsname mit Wiedererkennungswert gesucht werden. Eine Frage des Marketings: Fürs Community-Building richtete der verantwortliche Sender RTL 2 eine Umfrage aus, wobei die Zuschauer zwischen drei Vorschlägen wählen konnten – Elle’ments, Champaign oder eben No Angels. Später stellte sich allerdings heraus: Der siegreiche Name No Angels stand bereits vorher fest und die Abstimmung war somit ohne Belang. Wegen der ohne „Gegenleistung“ vertelefonierten Gebühren wurden damals von einzelnen Abstimmungsteilnehmern Betrugsklagen gegen die Plattenfirma Polydor angestrengt.

Es gibt einige solcher Geschichten. Der erste Hit der Band etwa, „Daylight In Your Eyes“, war schon von der kolumbianischen Backgroundsängerin Victoria Faiella – ziemlich schlecht – eingesungen und veröffentlicht worden; auch die amerikanische Band New Life Crisis machte Rechte an dem Song geltend. Und ließ damit ebenfalls irgendwie den Eindruck des Unlauteren, Halbseidenen entstehen. Den No Angels sollte das allerdings nicht schaden. Die Frauen entwickelten großen Ehrgeiz, sich als das Echte im Falschen zu bewahren. Und wer nach dem tränenreichen Bootcamp von „Popstars“ mit seinem unvermeidlichen Drillsergeant Detlef D! Soost die Band als hyperkünstlichen Superfake verunglimpfte, musste nach einem Live-Konzert doch zugeben: Die chorischen Harmoniegesänge mit ihren geschickten Aneinander- oder Parallelreihungen der Einzelstimmen waren schon gut gemacht. Christian Schlüter

Divers und bis zu einem gewissen Grade selbstbestimmt

Als sich die No Angels formierten, war ich zu alt für uneingeschränktes Fantum, aber jung genug, um mich dem Sog einer Castingshow hinzugeben und eine gewisse Zuneigung zu jenen fünf Frauen zuzulassen, die da nach Vorsingprozeduren, Recalls, Mallorca-Workshops und Tanztrainings zusammengeworfen wurden. „Daylight In Your Eyes“ geriet schnell zum unausweichlichen Ohrwurm, das dazugehörige Musikvideo wurde hundertfach abgespult. Wie andere Girlgroups auch boten die einzelnen Charaktere Projektionsflächen, an denen man sich nach Lust und Laune bedienen sollte. Doch die von Marketingstrategen erdachten, albernen Zuweisungen für die No Angels-Mitglieder – Nadja Benaissa etwa sollte die Luft symbolisieren und Lucy Diakovska das Feuer verkörpern – hielten nicht lange stand. Und das war auch gut so: Als reine Retortenband mit jederzeit formbaren Marionetten hätte der Erfolg wohl über die obligatorische erste Hitsingle nicht hinausgereicht.

Aber die jungen Frauen schafften sich im Rahmen des Möglichen etwas Eigenes: Sie schrieben selbst an ihren Songs mit, waren an Produktionsprozessen beteiligt und widersetzten sich sogar der Plattenfirma, um eigene Ideen zu verwirklichen. Ich fand das einigermaßen erstaunlich und konnte mich überdies dem eingängigen Sound von Liedern wie „Something About Us“ nicht entziehen. Warum auch? Anders als spätere Castingbands wie Overground oder Nu Pagadi blieben die No Angels hängen, kennt man die Gesichter auch heute noch. Sie waren divers angelegt, in einer Zeit, als man die Diversität eines Formats noch nicht wie ein Aushängeschild ständig vor sich hertrug. Und sie waren in der Lage, alle zu überraschen: Selbst ihre Plattenfirma rechnete anfangs damit, dass die Band nach einem Nummer-eins-Hit keinen weiteren Erfolg haben wird. Schön, wie man sich täuschen kann. Anne Vorbringer 

Alle wollten wie die No Angels sein

Es muss gewesen sein, als „There Must Be An Angel“ veröffentlicht wurde – also etwa ein Jahr nachdem Nadja, Lucy, Sandy, Vanessa und Jessica bei „Popstars“ zu den No Angels wurden. Ihr Debütalbum „Elle’ments“ war längst in den Charts und auch die dritte Single-Auskopplung steuerte auf Platz eins zu. Die No Angels waren zu der Zeit unter Schülerinnen angesagt, jedes Mädchen wollte so sein wie sie. Wer blonde Haare hatte, färbte sich wie Sandy rote Spitzen, wer eine Kurzhaarfrisur trug, ließ sie sich wie Lucy oder Vany föhnen. Damals, ich war neun Jahre alt und es war ein warmer Sommer, schien die Girlgroup für viele in meiner Generation das zu sein, was die Spice Girls zuvor für so manch andere gewesen waren: inspirierend, unterhaltend, vorbildlich.

Die No Angels erlebten jedenfalls einen Höhenflug, den man nicht nur im Musikvideo zu „There Must Be An Angel“ sah, in dem sie an einem Militärflughafen ihre Runden zogen. Dass es sich letztlich um ein Cover handelte, dass es erste unschöne Gerüchte gab, war Hörern wie mir nicht bewusst. Was weiß man schon mit neun Jahren? Der Song war toll und die fünf Engel wirkten wie beste Freundinnen. Und da man durch das Fernsehen wusste, wie diese Freundschaft entstanden ist, hatte man das Gefühl, selbst ein Teil davon, eine Freundin zu sein.

Lange hat der Hype dann zwar nicht gehalten, doch weghören kann ich bei der Band nie so ganz. Einmal Freunde, immer Freunde – auch nach 20 Jahren gilt in ehemaligen Fankreisen dieses Prinzip. Nadja Dilger

Ben Wolf
Comeback der Engel

„20“ ist das erste Album der No Angels, das nach über zehn Jahren erscheint. Der Longplayer versammelt alte Hits in neu aufgenommenen Versionen und auch vier bisher unveröffentlichte Songs. Dem Jubiläumsalbum folgt ein Auftritt in Berlin. Am 18. Juni 2022 spielen sie in der Berliner Parkbühne Wuhlheide. Tickets gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen.

Eine Girlband wird erwachsen

Bei aller Begabung zum Glamour werden selbst die erfolgreichsten Castingbands das Image nicht los, aus seelenlosen und austauschbaren Marionetten zu bestehen. Auf die No Angels traf das nie so recht zu, weil die anfangs noch zu fünft auftretenden Sängerinnen sich bis in ihre Skandale und deren Bewältigungsstrategien hinein deutlich voneinander unterschieden.

Zum Bandprinzip gehören Krise und Trennung seit jeher konstitutiv dazu, und für einen Beobachter der ersten Stunde wie mich sind die echten No Angels natürlich nur jene mit Vanessa Petruo, die bereits 2003 ausstieg und heute in den USA als Neurowissenschaftlerin arbeitet. Es gibt ein Leben nach dem Popstardasein, sollte deren berufliche Neuorientierung wohl heißen.

Für Lucy, Nadja, Sandy und Jessica aber lässt sich angesichts des Albums zum 20-jährigen Bandjubiläum feststellen, dass es nicht peinlich sein muss, ein No Angel gewesen zu sein. Ein bisschen wirken sie heute wie die verschworenen Bardamen aus dem Film „Coyote Ugly“ von David McNally. Es hat ein Reifungsprozess stattgefunden, in dem sie gar nicht erst verzweifelt versuchen, an frühere Tage anzuknüpfen, sondern ironisch-selbstbewusst bilanzieren, was war. Ein bisschen Absturz (Lucys Alkohol-Eskapaden), eine gehörige Portion Schicksal (Nadja Benaissas HIV-Infektion) und gewöhnliche Alterungsprozesse zeigen nicht zuletzt auch auf der Showbühne an, dass Erwachsenwerden nun einmal nicht vom Management vorgezeichnet werden kann. In den besseren Momenten klingt es so: „I’m Still In Love With You“. Harry Nutt