Die Saboteurin: Dillon und ihr neues Album „6abotage“

Dillon ist eine der aufregendsten Sängerinnen der Stadt. Wir haben sie getroffen, weil wir wissen wollten, was wirklich hinter ihrer Melancholie steckt.

Dillon chillt im Schwarzen Café an der Charlottenburger Kantstraße.
Dillon chillt im Schwarzen Café an der Charlottenburger Kantstraße.Lucia Jost für Berliner Zeitung

„Ich liebe italienische Musik“, sagt Dillon quirlig, mit viel Lipgloss auf den Lippen, fügt hinzu: „Die ist dramatisch, nicht so abgeleckt. Sie leidet, sie blutet, sie lebt.“ Dabei wirkt Dillon (deren Name sich wie Dylan in Bob Dylan ausspricht), als wir uns draußen vorm Schwarzen Café an der Kantstraße treffen, selbst auch höchst lebendig. Dass sie allzu sehr leidet – das würde man nicht direkt vermuten. Dillon (oder: Dominique Dillon de Byington, wie sie prächtig mit vollem Namen heißt) wirkt wie eine, die man gern als beste Freundin mit auf jede Party schleppt – die sich dann dort an der Bar aber auch gerne mal mit Fremden verquatscht. Beim Treffen am frühen Abend im Neuen Café ordert sie indes einen mit frischen Blättern aufgebrühten Pfefferminztee – um die Bestellung dann selbst kokett mit „megalangweilig“ zu kommentieren.

Draußen auf dem Balkon im Schwarzen Café: Dillon.
Draußen auf dem Balkon im Schwarzen Café: Dillon.Lucia Jost für Berliner Zeitung

Aufregend ist Dillons Musik. Schon ihre Debüt-Platte „This Silence Kills“, die 2011 auf BPitch Control, dem Berliner Techno-Label von Ellen Alien erschien, wurde vielfach gelobt, bis hin zur BBC. Techno war das allerdings nicht: eher Klavierballaden, die zart mit Elektronik flirteten. Von den anfänglichen Klavierträumereien hat sich Dillon auf ihrer neuen Platte „6abotage“ wegbewegt; die neue LP ist viel fetter ausproduziert. Was aber gleich geblieben ist: der markant wimmernde Sopran von Dillon, auf Englisch, der oft mit Björk, Joanna Newsom und auch Lykke Li verglichen wird.

Dillon, 1988 geboren in Brasilien, dann im Alter von vier Jahren mit der Mutter nach Köln gezogen, führt ihre Art zu singen auch auf die Gesprächskultur in ihrem Elternhaus zurück: „Worüber sich bei uns damals zu Hause nicht sprechen ließ, darüber durfte man weinen und schreien.“ Auch Dillons Lieder sind nun ein Schreien und Weinen. Ein sehr schönes Schreien. Ein sehr schönes Weinen. „Ich fühle mich nach dem Singen erleichtert. Aber ohne die Erschöpfung, die Schreien und Weinen mit sich bringen. Eher so wie nach dem Sport“, sagt sie, die jeden morgen ins Gym geht, um Gewichte zu stemmen, aber Yoga hasst, wie sie sagt. „Ich bin nicht so eine, die fürs Scheinwerferlicht lebt. Ich gehe da eher ein wie eine zerfallende Rose. Aber nach der Show steige ich mental empor wie Phönix aus der Asche.“

Als wir Dillon treffen, kommt sie gerade aus Hamburg zurück, wo sie musikalisch an „Hamlet“ mitwirkt, am Thalia-Theater. Hamlet’sche Schwermut, ja, die passt zu Dillon. „Ich hatte keine Schwierigkeiten, mich in die Thematik einzuarbeiten“, sagt sie selbst. „Allerdings hat mich Hamlet schon krass runtergezogen. Ich hab so düstere Lieder geschrieben.“ Auch zu Ophelias Tod. Dass Leute ihre Musik meist als melancholisch beschreiben, das nerve sie nicht, sagt Dillon. „Aber ich wünschte, es wäre nur Melancholie. Das Wort ist weich und tut nicht weh, deshalb kann ich es nicht ernst nehmen. Viele Leute trauen sich nicht, die eigentlichen Wörter zu sagen: manisch-depressiv und lebensmüde.“

Warme Lichtreflexe: Dillon im Schwarzen Café.
Warme Lichtreflexe: Dillon im Schwarzen Café.Lucia Jost für Berliner Zeitung

Ein Euphemismus also, dieser Begriff Melancholie. Ein Begriff, der schönredet und sabotiert? „6abotage“ heißt die neue Dillon-Platte. Schon das S von Sabotage im Titel ist kaputt. Dillons lyrisches Ich beschreibt sich im gleichnamigen Titeltrack als Sabotage. Als Saboteurin?

Wenn sie von Sabotage singt, sagt Dillon im Gespräch, meint sie Verdrängungsmechanismen, individuell und kollektiv: „Alles fällt auseinander, und jeder tut so, als wäre das okay.“ Man kann sich ja leicht in seinen privaten Trouble hineinsteigern und dabei die große Politik vergessen – oder auch umgekehrt: vor sich selber fliehen, indem man nur weit wegguckt. Dillon geht es in ihren neuen Tracks darum, sich mit beidem zu konfrontieren. Und auch das passt ja wieder zu Hamlet, der allerlei privates und politisches Malheur vorfindet, als er heimkehrt: Etwas ist faul im Staate Dänemark. Und auch im Staate Dillon. „Ich komme aus so gestörten Verhältnissen“, sagt sie. „Aber bei uns wurde trotzdem immer gesprochen.“ Die Probleme wurden also nicht unter den Teppich gekehrt?  „Es gab keinen Teppich“, sagt Dillon, sanft lächelnd, „der groß genug gewesen wäre dafür.“

Spinnen-Tattoo auf dem rechten Unterarm: Dillon.
Spinnen-Tattoo auf dem rechten Unterarm: Dillon.Lucia Jost für Berliner Zeitung

Die abgefuckte Woche und die neue Mission

Als Dillon 2008 mit ihrem besten Freund Nils von Köln nach Neukölln zog, Nähe Bahnhof Hermannstraße („schöne Ecke!“) , war das auch erst mal erleichternd und abenteuerlich für sie. Keine Pflichten außer die Spülmaschine auszuräumen. „Ich habe halt so am Klavier gespielt“, erzählt sie, „und am Computer Sachen programmiert mit Ableton. Aber mir war nicht klar, dass das reicht, was ich kann.“ Sie hat sich durchgeschlagen mit kleinen 200-Euro-Gigs. „Ich hab oft auf Mega-Fun-Gay-Pop-Partys gespielt. Da hab ich meine 15 Minuten am Mikrofon bekommen.“ Aber nicht etwa mit Madonna-Coverversionen, sondern schon damals mit ihrem eigenen Depri-Kram. „Das war dann auch kurzfristig problematisch für die Partystimmung“, gibt Dillon zu und muss dann selber lachen.

Tanzbarer als Dillons frühe Sachen ist die neue LP „6abotage“ trotz niedlichem Glockenspiel auf jeden Fall; sie hat sie gemeinsam mit Alexis Troy produziert, der firm im HipHop und im Techno ist. Gesangslinien und Texte stammen von ihr, auf Skizzen und Arrangements von ihm. „Ich hatte mein Kind an der Brust und den Laptop auf dem Schoß“, erzählt sie. „Und das ging halt megagut, oder? Ich wollte schon so lange das Piano loswerden.“ Sie sei keine Pianistin und sei irritiert, wenn Leute sie so sähen: „Ich kann nur das spielen, was ich komponiere. Ich scheitere an Beethoven-Sonaten.“

Doch statt Klavier zu üben, schmeißt Dillon, während die Leute in ihren Charlottenburger Nachbarwohnungen Flöte und Cello spielen, lieber eine Halloweenparty für ihren kleinen Sohn Vito. Oder sie schaut abends die neue „Star Wars“-Serie „Andor“ mit ihrem Partner Ramon. So verbringt Dillon manchmal Wochen, ohne selbst Musik zu spielen. Nur die Red Hot Chili Peppers dreht sie dann laut im Radio. „Manchmal hab ich dann aber ’ne richtig abgefuckte Woche“, sagt sie, „oder nen Mini-Nervenzusammenbruch. Dann merke ich: Ich muss wieder Musik machen.“ Wenn sie noch weiter vom Klavier weg will, muss sie sich vielleicht ja doch mal noch tiefer in die Klangkunst-Software Ableton reinfuchsen. „Ich habe mich bis heute geweigert, wirklich rauszufinden, wie das funktioniert“, sagt Dillon. „Aber vielleicht mach ich das ja für neue Sachen bald mal. Das wäre ja echt mal eine Mission, oder?“

Sie sagt „Mission“ und es klingt nach „Star Wars“. Dann guckt Dillon verschmitzt, als hätte sie heute Abend doch noch mehr als Pfefferminztee vor.

Dillon: „6abotage“ (BPitch Control)