Die Schöneberger Rapcrew hat zur Party geladen: BHZ in der Columbiahalle

BHZ spielen weit oben in der Deutschrap-Bundesliga. Wenn das Schöneberger Kollektiv zwei Mal die Columbiahalle ausverkauft, ist das natürlich ein Heimspiel.

BHZ in der Columbiahalle
BHZ in der ColumbiahalleRoland Owsnitzki

Die jungen Leute, die am frühen Dienstagabend über den Platz der Luftbrücke pilgern, sehen ein bisschen aus wie Urlauber:innen auf dem Weg zum Strand. Erstaunlich viele tragen trotz der nahenden Dämmerung Sonnenbrillen, manche haben sogar Handtücher dabei. Auffällig ist auch, dass die allermeisten offenbar diese Art Gelassenheit haben, die innerhalb Berlins oft nur Urberliner:innen ausstrahlen. Von Weitem betrachtet könnten die Pilgernden – rein optisch – alle selbst Teil der Schöneberger Rapcrew sein, die zur Party geladen hat: BHZ.

Ihre Mitglieder sind – gemessen am Erfolgslevel, das die Band in den letzten Jahren erreicht hat – erstaunlich normale, erstaunlich unaufdringliche, ja, beinahe unauffällige Jungs. 2017 auf dem HipHop-Radar erschienen, hat sich der zum Künstlerverbund transformierte Freundeskreis mehr marathonartig denn im Schnellsprint ins obere Drittel der Deutschrap-Bundesliga gemausert.

Longus Mongus, Monk, Dead Dawg, Ion Miles, BigPat und ihre hauseigenen Produzenten MotB, Sami und Themba haben es geschafft, ohne den popstartypischen großen Knall, ohne einen klar definierbaren Hype-Moment oder Radiohit stetig und organisch zu wachsen. Immer im Kollektiv. Und immer mit dem klaren Fokus auf mitreißende Liveshows. Nach der pandemiebedingten Bühnenpause haben BHZ in diesem Sommer die größten Festivalbühnen des Landes bespielt, sind kurzerhand sogar ins „Rock am Ring“-Line-up aufgerückt und krönen das erfolgreichste Jahr der Bandgeschichte derzeit mit einer ausgedehnten Tournee.

Der Heimspiel-Hexenkessel kocht über

Nun, im Spätsommer 2022, setzt der Nightliner das Achtgespann endlich vor heimischer Kulisse ab – auf dem Parkplatz vor der geschichtsträchtigen Columbiahalle und damit, wie Monk später in einer Ansage verkünden wird, „keine zwei Kilometer entfernt“ von den Straßen rund um die Schöneberger Apostel-Paulus-Kirche, auf denen BHZ groß geworden sind. Nach mehrmaliger Konzertverschiebung haben die Jungs die Columbiahalle gleich zwei Mal restlos ausverkauft, am Dienstag und am Mittwoch.

Gegen zwanzig Uhr am Dienstagabend füllt sich die Halle zügig. Wenig später beginnt sich ein aus 3500 Menschen bestehender Knäul zu einer kurios kuratierten Warm-up-Playlist (von Wir sind Helden über Sheck Wes bis hin zu mallorcaeskem Technogeballer ist alles dabei) zu bewegen. Die Energie im Saal ist schon jetzt überbordend. Ein ausgedehntes DJ-Set von Producer Themba eröffnet schließlich die Stage und geht reibungslos in die eigentliche Show über. Als die MCs nach und nach auf die Bühne stürmen, brechen alle Dämme. Der Hexenkessel kocht schon beim ersten Song über; das minimalistische, auf Lightshow optimierte Bühnenbild tut sein Übriges.

„Ihr seid wunderschöne Flummis“

Von Song zu Song wird deutlicher, was das Konzept BHZ zum Magnet für Tanzwütige macht: Der Band gelingt es einerseits, allein durch die Vielzahl ihrer Mitglieder, die Bühne komplett einzunehmen; sie generiert aber gleichzeitig ein Klima des kollektiven Exzesses. BHZ agieren maximal auf Augenhöhe mit dem Publikum, spielen ein ständiges Pingpong mit der Crowd, verweigern jedwede distanzierte Rockstarpose, machen sogar dieselben Tanzbewegungen wie die Menschen unten im Moshpit. Die Band kommt ohne Frontmann aus, teilt sich diese Rolle gönnerhaft mit dem anonymen „Ameisenhaufen“ im Innenraum, den sie nimmermüde anheizt wie ein besessener Trainerstab: „Berlin, ihr seid wunderschöne Flummis“.

Im Fokus fast aller BHZ-Songs steht statt lyrischer Tiefe in erster Linie ein Vibe: das Streben nach ultimativ unbeschwerten Good-Life-Momenten, die Party im Jetzt, die Verzahnung von Rhythmus und Rausch. Es geht nicht um den einzelnen Song, nicht um den einzelnen Evergreen, auf den alle hinfiebern, nicht um die hellste Rakete: BHZ zielen auf das Feuerwerk ab.

Tropisches Klima und Lärm für die Familie

Dass dieses Feuerwerk auch am Dienstagabend in der Columbiahalle zündet und die Band über knappe zwei Stunden hinweg ganz ohne Playback ein konstant hohes Niveau hält, liegt definitiv an ihrer Gruppenstärke, der zwischenzeitlichen Unterstützung befreundeter Künstler (RapK, Soho Bani und Teile der 102 Boyz geben sich die Ehre) und der perfekt koordinierten Arbeitsteilung innerhalb der Band. Jedes Crew-Mitglied zelebriert zwischendurch seinen Solomoment – der spektakulärste ist wohl der von Dead Dawg, der nach etwa einer Stunde mit der an Collegerock erinnernden Gitarrenballade „Kleiner Prinz“ für eine kurze Abwechslung im Turn-up-Gewitter sorgt.

BHZ in der Columbiahalle
BHZ in der ColumbiahalleRoland Owsnitzki

Als Ion Miles seinen Song „Powerade“ performt, erreicht die Ekstase ihren Höhepunkt: Viele kleine Tanzzirkel verschmelzen zu einem großen. Das Klima nimmt endgültig tropische Züge an. Dass dieser Abend nicht nur aus Fanperspektive besonders ist, betont insbesondere BigPat immer wieder auf rührende Art und Weise in seinen Ansagen: Mehrmals fordert er das Publikum auf, seinen Eltern zu applaudieren, die zur Feier des Tages zu Besuch gekommen seien. Heimspiel eben.