Berlin - Gerhard Gundermann, der unvergessene Songpoet aus der Lausitz, hat zu Lebzeiten nur fünf Alben veröffentlicht. Dennoch ist das CD-Regal mit Alben seiner Songs seit seinem frühen Tod in der Mittsommernacht 1998 immer voller geworden. Längst gibt es zusätzliche Werke aus seinen frühen Jahren oder von Soloauftritten. Dazu gesellen sich diverse Tributalben, etwa von der Truppe um Alexander Scheer und Andreas Dresen, die drei Jahre nach dem viel beachteten Film wieder auf Tour gehen will. Jetzt kommt ein ganz besonderes Album hinzu: Die Band „Die Seilschaft“, die mit Gundermann von 1992 an zusammenspielte und drei Alben mit ihm aufnahm, legt nun erstmals eigene, neue Lieder vor. „Na, wo sortierst du uns ein?“, fragt herausfordernd Christian Haase bei unserem Gespräch per Skype. 

Auf jeden Fall wirken viele Stücke so volksliedhaft wie beim Original. Manche schließen musikalisch direkt beim Album „Frühstück für immer“ von 1995 an, dem wohl besten originalen Gundermann-Album überhaupt. Christian Haase klingt in „Wölfe“, als wäre er in der Jugend mit einer Bande durch die Lausitz gestreift, in „Hammmer fällt“, als wäre er mit Gundi auf Schicht gewesen: „Wo will ich hin, wenn der Hammer hier fällt und rostig wird sein Eisen. Wo will ich sein, wenn dem letzten Hemd schon die Nähte reißen“. „Prost Salute Skol“ ist ein hochtouriges Sauflied zum Tanzen wie einst „Macht ja nischt“, die Flöte von Andy Wieczorek sendet Wiedererkennungssignale im treibenden Folkrock. Ruhigere, balladeskere Stücke wie das bittere „Wenn man liebt“ wiederum hätten auf das Album „Engel über dem Revier“ gepasst. Niemand ahnte 1997, dass es das letzte bleiben würde.

Irgendwann waren neue Songs fällig

Die vom Tod Gundermanns schockierte Seilschaft trat noch mal beim bewegenden Abschiedskonzert 1998 in der Parkbühne Weißensee auf, bei dem Andy Wieczorek die meisten Songs sang. Sie stiegen in neue Projekte ein, so ging der Keyboarder Michael Nass zu BAP. Der Gitarrist Mario Ferraro spielte mit Wieczorek bei Polkaholix weiter und gab ein Gitarrenbuch mit Gundis Liedern heraus, das viele Laien animierte. Doch mit einem neuen Sänger die prägenden Songs selbst auf die Bühne zu bringen, davor schreckten die Musiker lange zurück.

Die Schlagzeugerin Tina Powileit stieg bei der Band des jungen Liedermachers Christian Haase ein. Dem sagten viele nach, er schreibe und sänge wie Gundermann – dabei hatte der Leipziger das Vorbild nie live gesehen. Die Seilschaft aber trat erst beim mittlerweile legendären Tribut-Konzert 2008 in der Columbiahalle von 3500 Fans wieder auf, fast in Originalbesetzung. Neben Christian Haase kam der Bassist Christoph Fentz neu in die Band und ersetzte den 2007 verstorbenen Thomas Hergert. Hunderte Auftritte folgten. Einen Schub für den Gundermann-Boom gab Andreas Dresens Film, bei dem die Seilschaft von Schauspielern verkörpert wurde.

Dass die Seilschaft neue Songs schreiben würde, war eine Frage der Zeit. „Wir sind sechs Kreative, wir müssen einfach Neues schaffen“, sagt Christian Haase. „Sonst wäre die Band irgendwann implodiert.“ In den letzten Jahren mischten sie neue Songs ins Repertoire. Er habe sich nicht vorgenommen, wie Gundermann zu texten – so könnten keine authentischen Stücke entstehen. Natürlich kann Haase, Jahrgang 1981, nicht aus einer so widersprüchlichen, gebrochenen Biografie wie der 1955 geborene Gundermann schöpfen. Doch beide greifen gern zu Bildern, beide fragen nach dem Mensch in Zusammenhängen, mit der Nachbarschaft, der Arbeitswelt oder der Natur. So beschwört das Titelstück „Dein Paket“ die Solidarität mit den Schwachen. Das Coverbild – es zeigt einen düsteren leeren Straßenzug einer amerikanischen Großstadt mit unzähligen Klimaanlagen – deutet auf eine Öko-Katastrophe, ganz im Sinne Gundermanns.

Das Konzertgefühl wird bleiben

Natürlich bleibt die Band von ihrem Gründer inspiriert: „Wir haben so lange den Acker von Gundermann durchpflügt und gepflegt – irgendwann fällt auf diesen Boden ein Samen und es entsteht ein neues Lied“, so beschreibt Haase den Prozess. „Das Gras wächst ja nicht schneller, wenn du daran ziehst“, ergänzt Tina Powileit – das Gras war ja ein wichtiges Motiv in Gundermanns Texten. Beim Songschreiben wurde die komplette Band einbezogen, Skizzen und Demos wanderten digital zwischen Berlin und Sizilien, wo Haase ein kleines Studio hat, und Norwegen, wohin sich Andy Wieczorek gern zurückzieht. Aufgenommen wurde in der Britzer Musikbäckerei. Der Gitarrist Ferraro, Komponist einiger Songs, reaktivierte sogar die Mandoline von Gundermann. Die Band hatte schon immer Wert darauf gelegt, keine bloße Begleitband zu sein. „Dein Paket“ beweist jetzt noch einmal nachträglich, welche Vielfalt und Dynamik die Seilschaft damals zum Gundermann-Sound beigetragen hatte.

Organisch sollen die neuen Stücke ins Repertoire hineinwachsen. „Wir haben 50 Gundermann-Lieder und nun 13 neue Songs“, so Haase. „Der Pool wird neu umgerührt. Das Konzertgefühl wird sich gar nicht so stark ändern.“ Ihr Publikum rekrutiert sich nicht nur aus älteren Gundermann-Jüngern. „Viele, die in den 90ern noch als Kinder dabei waren, bringen jetzt wieder ihre Kinder mit“, erzählt Tina Powileit. Und Gundermann sei ohnehin immer dabei: „Er sitzt auf den Boxentürmen, baumelt mit den Beinen und guckt uns zu.“

Die Seilschaft: Dein Paket. Erschienen bei hTMV.