Berlin - Noch etwas unsicher im öffentlichen Raum, stehe ich im Schatten des S-Bahnhofs Friedrichstraße gegenüber dem Tränenpalast, dort wo die Abluft aus der Unterwelt der Schienenschächte durch die Gitter geblasen wird, im Sommer kühlend, im Winter wärmend. Deshalb halten sich hier auch gern Obdachlose auf. Ich gabele ein paar schnelle Asia-Nudeln aus einer Box und fühle mich beobachtet. Angelächelt. Und als ich mit der Gabel auf dem Boden kratze, kommt, so als hätte er auf diesen Moment gewartet, ein Mann auf mich zu. „Ich bin Musiker, und weil ich zur Zeit keine Auftritte habe, würde ich dir gern ein kleines Konzert geben.“ Ich kaue und lächle und schüttle den Kopf. Ich muss ja auch los, das Theater wartet.

„Waiting for this moment to arise“

Der Mann ist freundlich, aber er lässt nicht locker. Für einen Song reiche es doch, ich müsse ja sowieso noch aufessen. Und als er mir ausgerechnet ein Amsellied vorschlägt, Paul McCartneys „Blackbird“, gebe ich mich geschlagen. Er packt extra für mich seine Gitarre aus, ein schönes Instrument mit abgerundetem Korpus, messingschimmernden Bünden und Stahlseiten. Ich fühle mich schlecht mit meinen Nudeln und meiner Eile.

Aber dann fingerpickt er sicher das Intro, stimmt dabei die hohe E-Saite und fragt: „Mit Gesang?“ – „Wenn schon, denn schon.“ Ein DB-Sicherheitsmensch mit neonoranger Weste und Zigarre kommt vorbei, schreitet aber bei dieser vermutlich genehmigungspflichtigen Kulturveranstaltung nicht ein. Ich nicke ihm zu. Es ist mein Konzert, aber er darf ruhig ein bisschen mit zuhören. Die Komposition ist von Bach inspiriert, der Bourée aus der Lautensuite e-Moll (BWV 996). Mit sparsamen Bewegungen wandern seine Finger über das Griffbrett, er rückt ein Stück näher, schließt die Augen, singt leise das eigentlich antirassistische, nun aber auch postpandemische Lied von dem schwarzen Vogel mit den gebrochenen Flügeln, der endlich auffliegt. „Blackbird singing in the dead of night. Take these broken wings and learn to fly. All your life you were only waiting for this moment to arise“. Vielen Dank, Musiker!