Berlin - Am Sonnabend bebt in Berlin die Erde. Zwar ist das Vibrieren der acht kreisrunden Holzinseln auf der Terrasse des Radialsystems ist so gut wie unsichtbar. Wer sich aber niederlässt auf der Installation der Schwedin Åsa Stjerna, hat das Hier und Jetzt schnell vergessen, denn der „Gesang der Erde“ nimmt einen gefangen, wie es nur körperliche Erfahrungen vermögen. Ohren und Tastsinn erreichen mal zarte, mal gewichtige Glockenklänge, die von tiefem Grollen abgelöst werden. Das „Beben“ ist hier nicht nur Metapher: Die Installation übersetzt die Daten von acht seismischen Messstationen von Helgoland bis zum Schwarzwald in synthetische Klänge. Durch unter den Holzplatten befestigten Lautsprechern gelangen sie zum Gast, den Takt gibt die Erde in Echtzeit vor. „Mein Ziel war schon immer, Verbundenheit zu etwas, das größer ist als man selbst, spürbar zu machen“, so die in Berlin lebende Künstlerin.

Stjernas „Gesang der Erde“ war zu erleben beim Heroines of Sound Festival, das in diesem Jahr Sound Art, also Klang als Medium der Kunst, als einen Schwerpunkt hatte. Seit 2014 präsentiert das Festival Komponistinnen und Musikerinnen der elektronischen Musik und ihre Werke einem breiteren Publikum, nach Gastspielen etwa in Dänemark und Mexiko genießt es auch internationale Anerkennung. Ins Leben gerufen aus feministischer Motivation, muss die Gründerin Bettina Wackernagel bis heute klarstellen, dass Heroines of Sound kein Festival für Frauenmusik ist. „Es geht mir nicht darum, eine Nische aufzumachen“, erklärt Wackernagel. „Sondern darum, die vielfach unterschätzte Qualität dieser Musik zu präsentieren und darum, dass sie stärker in Kultur und Gesellschaft ankommt.“

Geschlechtergerechtigkeit gibt es noch kaum

Die gesellschaftliche Vorreiterrolle, mit der sich die elektronische Musikszene seit den Anfangsjahren identifiziert habe – Utopie von körperlosen Sounds inklusive –, existiert nur in den Köpfen. In Wirklichkeit dominieren unterbewusste Denkmuster, stereotype Vorannahmen und Männer das Feld. Zwar attestiert Wackernagel der Szene ein wachsendes Bewusstsein für Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, aber sie staunt auch angesichts Kulturinstitutionen auf Bundes- und EU-Ebene, die auf ebendiese keine Antworten finden: „Am politischen Willen und an der Solidarität von Künstlern hapert es noch gewaltig.“ So braucht es immer noch offene Briefe, um wenigstens eine Künstlerin auf Panels zu platzieren oder kritische Hinweise, dass männlich besetzte Jurys und Line-Ups eher wenig progressiven Geist versprühen. Und nicht wenige wollen das Thema Frauenförderung der nächsten Generation aufbürden, was Wackernagel um Fassung ringen lässt: „Man muss doch zumindest eine Vision haben, wenn man in diesem Bereich tätig ist!“

Volkmar Otto
Die Kuratorin Bettina Wackernagel

Visionen bietet Heroines of Sound zuhauf. Nach der Festivalausgabe via Livestream 2020 kommen sie auch in Ensemble-Stärke zur Geltung. Am Eröffnungsabend sorgt die Kölner Formation Garage dafür, dass sich das Klanguniversum ausdehnt. Etwa mit „c_ut|e_#1“, dem Werk der 1986 in Polen geborenen Komponistin Marta Śniady: Über die Leinwand tapsen Löwen- und Katzenbabys, Cosplay-Elfen schmollen, während der Bassklarinette das Mundstück entrissen wird und Klebeband knarzt. Da erstirbt auch das letzte Lachen im Publikum. Das Ensemble treibt den Kontrast zwischen Niedlichkeit und ins Mark schneidenden instrumentalen Klängen bzw. analoger Elektronik so erfolgreich auf die Spitze, dass man noch in der Umbaupause auf das Klackern der Absätze lauscht, als würde eine Botschaft darin schlummern.

Wie Bach aufs Theremin kommt

Neben zahlreichen Uraufführungen wie dieser präsentiert das Festival auch die Pionierinnen zeitgenössischer Musik. Es verneigt sich vor der Neuseeländerin Annae Lockwood. Ihr künstlerischer Umgang mit Naturphänomenen und Field Recordings hat ihr Weltruhm eingebracht. Zu erleben war eins ihrer neuen Werke, eine Klangkarte, die den Lauf des 224 Kilometer langen Housatonic River nachzeichnet. Laurie Spiegel, die bereits 1969 mit analogen Synthesizern arbeitete und als Wegbereiterin der Computermusik gilt, hat mit „A Paraphrase“ wiederum der Theremin-Koryphäe Dorit Chrysler ein Stück auf ihr Instrument geschneidert. Inspiriert von dem „Präludium No. 1“ aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“, entlockt Chrysler ihrem Instrument wehklagende, teils ins Kümmerliche kippende Töne, die den Zauber des Romantischen nie verlieren.

Wie man mit dem hochsensiblen Instrument umgeht, lernt der Nachwuchs in zwei Workshops von Chrysler persönlich. Neun Teilnehmende bezirzen die zwei Antennen des ersten elektronischen Instruments überhaupt, das berührungslos bespielt wird. Mit ihren Fingerkuppen streicheln sie die Luft, mit ihren Handflächen peitschen sie sie. Eine junge Instrumentenbauerin, die mehr will als nur klassische Stücke nachspielen, verlässt das Festival beflügelt: „Es war spannend, diesen zeitgenössischen Zugang zum Theremin kennenzulernen“, sagt sie. „Solche Festivals, bei denen man zusammenkommt und gemeinsam etwas macht, sind sehr kraftvoll, wenn es darum geht, neue Wege zu gehen.“