In dem funk-Format „Kurzgesagt“ gab es just eine Folge, die Lebenszeit thematisierte. Es ging darum, dass man während der Pandemie das Gefühl habe, Zeit zu verlieren und sie deswegen besonders nutzen müsste. Ein Beispiel hierfür war, sich mit Hobbys aus der Vergangenheit zu beschäftigen: Bücher, Musik, Videospiele. Dinge, die man früher gerne gemacht hat. 

Erika De Casier scheint dem auch gefolgt zu sein. Als Kind hatte die dänische Sängerin ein Faible für den Discman gehabt, CDs von Janet Jackson und Aaliyah darauf gehört, mit denen sie sich im letzten Jahr besonders befasst haben muss. Ihre gerade erschienene Platte „Sensational“ sprüht von jenem R&B, den die Ikonen in den Neunzigern gespielt haben. De Casier windet sich darin so elegant wie in ihrem selbstgedrehten Musikvideo zum Song „Polite“, in dem sie mit einem Mann über das Parkett gleitet. Mal säuselt sie dazu über ihre beginnende Liebesbeziehung, mal reimt sie. Ein Rasseln und smoothe Keyboard-Töne sind zu hören. Toll!

Greentea Peng nennt es „psychedelischer R&B“

Die Rückwärtsrolle im R&B ist jedoch nicht nur bei der 22-jährigen De Casier angesagt. Die 26-jährige Greentea Peng hat mit ihrem Debütalbum „Man Made“ einen kleinen Hype in England ausgelöst und wird mit den bedeutenden 90er-Musikerinnen Lauryn Hill und Erykah Badu verglichen. Greentea Peng, die eigentlich Aria Wells heißt, saugt mit ihrer Band The Seng Seng Family jede Inspiration auf, die ihr begegnet. In Pandemiezeiten ist das oft das Zimmer – mit einer Musikbibliothek, die von Dubstep bis Soul alles zu beherbergen scheint. In einem ihrer Lieder singt Greentea Peng, dass der Sound Medizin sei, sie selbst nennt es „psychedelischer R&B“. 

Eine, die hingegen noch auf ihren großen Durchbruch wartet, ist die britische Musikerin Eloise. Von ihrem Paten Damon Albarn hat sie das Songschreiben gelernt, mit Billie Eilish bereits einen bekannten Fan gefunden. Für ihr Debüt „Somewhere In-Between“ hat sich die 21-Jährige nun an ihre Kindheit in der Normandie erinnert, an Hollywood-Musicals, die sie kennt, an Jazz. Jene Töne, die sie damals beeinflusst haben und die sie nun in Pop- und R&B-Balladen verwebt. Das flirrende Stück  „BAMO“ könnte dabei locker von US-Sänger Ginuwine sein, der vor allem in den Neunzigern großartige Hits landete.

Neues Album von H.E.R.

Und apropos USA: In dieser Woche will Gabriella Wilson, bekannt als H.E.R., noch ein Werk veröffentlichen. Die 23-jährige Sängerin, die sich einst Usher und Alica Keys als Vorbild nahm, ist längst zu einem R&B-Star avanciert und kennt mittlerweile ihre Helden persönlich. Wie bei den anderen Musikerinnen ist aber auch ihr Album „Back of My Mind“ während der Pandemie entstanden. Welche Hobbys und Inspirationen sie sich dafür gesucht hat, wird sich zeigen. Laut einem Trailer sei es sehr persönlich. Der Blick nach innen und in die Vergangenheit war jedenfalls selten so dauerpräsent wie bei den R&B-Veröffentlichungen dieser Tage.

Eloise: „Somewhere In-Between“ (Awal)

Erika De Casier: „Sensational“ (4AD); live im Rahmen des Berliner Popkultur-Festivals

Greentea Peng: „Man Made“ (Emi/Universal); vsl. live am 9. Dezember im Badehaus Berlin

H.E.R.: „Back of My Mind“ (RCA/Sony)