Berlin - Da wären wir nun. „Here we are now, entertain us.“ Als die vielleicht erfolgreichste Zeile, die Kurt Cobain für seine Band Nirvana je verfasst hat, über Radio- und TV-Kanäle rotierte, war das „now“ etwas untertrieben, immerhin existierte die Band damals schon fünf Jahre. Andererseits: Mit der Single „Smells Like Teen Spirit“, der dieser Vers entstammt, und dem darauffolgenden Album „Nevermind“ katapultierte sich die bis dahin weitgehend unbekannte Grunge-Gruppe im Herbst 1991 ins weltweite Bewusstsein – und verdrängte selbst den „King of Pop“, Michael Jackson, von der Chart-Spitze.

Nun waren sie also da, für alle sichtbar. Doch diese Präsenz, zumindest in ihrer physischen Dimension, sollte bald ein jähes Ende finden. Am 5. April 1994 nahm sich Kurt Cobain mit einer Schrotflinte das Leben. Das ist nun genauso lange her, wie Cobain überhaupt gelebt hat: 27 Jahre und 44 Tage.

Älter als Kurt Cobain werden

Cobains früher und auch für sein enges Umfeld überraschender Tod hat schon bald eine merkwürdige Faszination ausgeübt. Gut zwei Jahrzehnte nachdem The Doors-Sänger Jim Morrison 1971 an Herzversagen gestorben war, bekam der so genannte „Klub 27“, mit dem eine Gruppe besonders herausragender, mit 27 Jahren verstorbener Musiker bezeichnet wird, erstmals wieder Zuwachs. Und nach Rolling-Stones-Mitgründer Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison wurde die ebenso morbide wie populäre Liste um einen Künstler erweitert, der nicht zu den Größen der 1960er-Jahre zählte.

So verwundert es wenig, dass Cobain, dessen musikalischer Einfluss prägend für viele Musiker nach Nirvana war, auch mit seinem Tod Spuren in der Popkultur hinterließ. Rapper wie Eminem, Jay-Z oder Kendrick Lamar bezogen sich in ihren Texten – nicht immer in besonders charmanter Weise – auf seinen Suizid. Und in Deutschland sang etwa das Duo Joint Venture schon 1995 freudig, was auch immer geschehe – man werde jedenfalls eines: „Älter als Kurt Cobain“.

Die Red Hot Chili Peppers sangen über Cobain

Wenn sein Tod in den kommenden Tagen nun also länger her ist, als er auf der Erde weilte, zeigt das ganz subjektiv auch die zunehmende Geschwindigkeit, mit der die Zeit in der eigenen Wahrnehmung vergeht: Wer als Achtjähriger gerade so schemenhaft mitbekommen hatte, dass gerade eine musikalische Legende von der Welt gegangen war, weil die älteren Geschwister der Sandkastenfreunde in ihren Flanell-Hemden plötzlich so traurig dreinschauten, konnte sich als 14-Jähriges Grunge-Greenhorn große Kennerschaft einbilden, als die Red Hot Chili Peppers sangen: „And Cobain, can you hear the spheres singing songs off Station to Station?“

Dass die mit Nirvana spätestens seit einer gemeinsamen Tour 1991 eng verbundene Band hier auch auf David Bowie anspielte, entzog sich zwar noch jeder Kenntnis. Aber immerhin hatte man „Cobain“ verstanden und freute sich über die Befähigung, pophistorische Anspielungen zu enträtseln – dabei war Cobains Ableben da gerade einmal fünf Jahre her.

Fünf Jahre. Auch wenn sich diese nun geradezu mickrig wirkende Zahl inzwischen derart vervielfacht hat – Cobains Werk lebt bis heute weiter – so werden, wenn diese Krise irgendwann vorbei ist, in den Jugendzentren, den Rock-Clubs, auf den WG- und ja, auch auf den nostalgischen 90er-Jahre-Partys, Menschen wieder da sein und das auch sagen: „Here we are now, entertain us.“