Berlin - Mitte der 1990er-Jahre waren Konzerte der Berliner Elektro-Punk-Band Stereo Total einerseits sehr exzessiv, wild und kultverdächtig, hatten dabei aber auch etwas Vertrautes und Familiäres. Das lag nicht zuletzt am französischen Akzent der Sängerin Françoise Cactus, die selbst frivole Songinhalte in so liebevoller Direktheit zu intonieren vermochte, dass man kaum anders konnte, als ihr zu erliegen. Den performativen Charakter des Akzents hatte etwa zur gleichen Zeit der Entertainer Harald Schmidt in Gestalt des Sidekicks Nathalie für sich und seine Sendung entdeckt. Françoise Cactus aber zelebrierte diesen in einer herzzerreißenden Punkversion. „Über einer gottverdammten Kneipe ohne Rauch/Und Sahne ohne Fett/Bier ohne Alkohol und digitaler Sex/Denn es ist Wochenende, bloß keinen Stress!“, heißt es in dem bekanntesten Stück der Band, „Liebe zu dritt“. „Ich verschwende meine Jugend/Du bleibst in deinem Zimmer“, heißt es weiter. „Ich will Liebe zu dritt.“

Stereo Total aber waren zu zweit. Die Band bestand aus Françoise Cactus und Brezel Göring, später waren auch die amerikanische Sängerin und Bassistin Angie Reed sowie der Organist San Reimo mit von der Partie. Anstelle des bloßen Bandgedankens betrieben Göring und Cactus Stereo Total als intellektuelles Projekt, nur weniger durchgeistigt als etwa bei dem berühmten New Yorker Vorbild der Talking Heads um David Byrne und Tina Weymouth.

Françoise Cactus war witzig, geistreich

Für Françoise Cactus aber gab es einen musikalischen Kern, auf den sie immer zurückgreifen konnte und der ihr trotz aller punkigen Schrathaftigkeit etwas Zartes und Zerbrechliches verlieh. Über Yéyé-Musik, jene Mischung aus Pop, Schlager und französischem Chanson, zu deren wichtigsten Vertreterinnen France Gall und Françoise Hardy gehörten, konnte Françoise Cactus leidenschaftlich und kompetent reden, gelegentlich tat sie dies auch öffentlich in einer eigenen Sendung beim Sender Radioeins.

So sehr Françoise Cactus in Stereo Total und ihrer Musik aufging, war sie doch auch ein künstlerisches Multitalent. Ihre lebensgroß gehäkelte Puppe Wollita geriet durch einige Boulevardmedien in einen handfesten Sexskandal. Das im Kreuzberger Bethanien ausgestellte Objekt wurde als Beleg für eine „Kinderpornoausstellung“ diffamiert. Zusammen mit Wolfgang Müller von Die Tödliche Doris verarbeitete Françoise Cactus diese Affäre auf ihre Art in dem Buch „Wollita – Vom Wollknäuel zum Superstar“.

Für viele damals noch junge Journalisten aber war Françoise Cactus einfach eine witzige, geistreiche und kreative Kollegin. Über mehrere Jahre arbeitete sie als Layouterin in der Tageszeitung taz. Für mich war gerade sie die Personifizierung jenes Projektes, die taz immer wieder aufs Neue zu durchlüften. Ich verneige mich tief vor Françoise Cactus, die in der Lage war, uns Textlieferanten die Augen zu öffnen. Am Mittwoch ist sie im Alter von nur 57 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.