Berlin - Friedrichshain. RAW-Gelände. Richtung Warschauer Straße pfeifen auf großen Bildschirmen Schiedsrichter, vor und neben ihnen Zuschauer auf einer aufgestellten Metall-Tribüne. Und im Badehaus, Richtung Revaler Straße, wird ebenfalls gepfiffen. Im Backstage-Raum des Veranstaltungsortes verweilen auf alten Sofas drei Musikerinnen und zwei Musiker. Sie tragen Shirts mit XXL-Prints und T-Shirt-Kleider. Eine von ihnen ist Friederike Ernst, die in zwei Stunden als Fritzi Ernst auf die Open-Air-Bühne steigen und ihr gerade erschienenes Album „Keine Termine“ präsentieren wird. In der Fachpresse wurde das Debüt überwiegend gelobt, in Hamburg hat sie bereits zwei ausverkaufte Shows gespielt. Berlin ist mit über 140 Gästen zwar nicht ganz so begehrt, Ernst hat aber auch große Konkurrenz an diesem Sommerabend.

Im Backstage-Raum machen sie und ihre Musiker sich also locker und versuchen „kühl zu bleiben“, wie Ernst sagt. Eigentlich wollte die 32-Jährige heute keine Interviews geben, für uns macht sie eine Ausnahme, wenn auch kurz angebunden.

Schnipo Schranke löste sich auf

Die in Paderborn geborene Ernst betrieb mit der Musikerin Daniela Reis bis 2019 das erfolgreiche Diskurspop-Duo Schnipo Schranke. Mit Fäkal-Humor und trotzigen Texten wurden die einstigen Uni-Freundinnen, die sich live wie in Interviews gegenseitig antrieben, bekannt. Nach zwei Alben und der Erweiterung durch Reis’ Ehemann Ente zerstritten die beiden Frauen sich jedoch und lösten die Band auf. „Es gab zwischen uns viel größere Differenzen, als das von außen vermutlich aussah“, sagte Reis der Fachzeitschrift Musikexpress, als sie und Ente kurz darauf als NDH-Duo Ducks On Drugs weitermachten.

Votos/Roland Owsnitzki
Über 140 Gäste kamen zu Fritzi Ernst ins Badehaus.

Im Badehaus berichtet Ernst, dass sie nicht wusste, ob sie noch weiter Musik machen wolle. Die Trennung war sehr schwer für sie. In Hamburg begann sie einen Nebenjob bei einem Theater und dann eine Ausbildung als Klavierbauerin. Letzteres mag irritieren, wenn man weiß, dass Ernst an der Musikhochschule in Frankfurt mal Blockflöte studierte. Sie erklärt, dass das Klavier aber stets ihr Lieblingsinstrument gewesen sei und sie zudem mal etwas anderes machen wollte.

Fritzi Ernst singt „Keine Termine“

Dann kam der Tag, an dem sie wieder Lust hatte, zu schreiben. Sie sagt, am Anfang war es stockend, später schrieb sie alles auf, was sie beschäftigt. Mit Ted Gaier von Die Goldenen Zitronen produzierte sie schließlich „Keine Termine“. Elf Songs, die nicht so weit weg von Schnipo Schranke sind. Das Klavier steht dabei deutlich im Vordergrund.

Das lässt sich ebenfalls auf der Bühne im Badehaus beobachten: Vorne spielt Ernst am Keyboard, die restlichen Mitglieder sind hinter ihr verteilt: an der Bass-Gitarre, am Kontrabass, am Schlagzeug, am Xylofon und mal an der Triangel. Optisch mag der Auftritt an eine Schulband erinnern, doch die Gruppe ist sehr konzentriert und variiert ihre Ausführungen immer wieder. In dem Lied „Keine Termine“ etwa wird nicht nur am Streichinstrument gestrichen, sondern zunächst mit dem Bogen auf das Holzgehäuse geschlagen. An den Drums lässt sich ein schnelles Klopf-Streich-Hämmer-Spiel beobachten und Ernst tippt, patscht und greift gekonnt in die Tasten, während sie charmant singt: „Alle treffen sich mit Leuten / Ich geh’ nur raus zum Therapeuten / Die große Frage jedes Mal / Hab’ ich überhaupt die Wahl / Oder bin ich einfach asozial.“ Jubel aus dem Publikum, einige Gäste stehen von ihren Stühlen auf.

Fans von früher

Es folgt eine Klavierballade über das Pupsen in Höhlen, ein „Trauerkloss“-Marsch und ein vulgärer Kanon über Beziehungsrollen, der so eingängig wie „Bruder Jakob“ ist. Der Höhepunkt kommt mit dem schneller werdenden Stalker-Banger „Ich weiß“, bei dem Ernst auf die Keyboardtasten haut, während sie mehr oder weniger rappt: „Kannst du heute / Kannst du morgen / Kann ich mir was bei dir borgen / Sag mir einfach, wo und wann / Du kannst immer, wenn ich kann.“

Das Publikum tanzt jedoch erst ausgelassen, als Ernst gen Ende Schnipo-Schranke-Stücke wie „Cluburlaub“ und „Murmelbahn“ vorträgt. Es scheinen viele alte Fans gekommen zu sein. Eine sagt, sie sei traurig, die Band zusammen mit Reis nie wieder live hören zu können. Dabei hat Ernst an diesem Abend sehr wohl gezeigt, dass sie auch ohne ihre Partnerin auskommt. Der Humor ist ebenso trocken, die Arrangements vielfältiger. Nach einer Stunde ist das Pfeifen aus dem Publikum letztlich genauso laut wie beim EM-Viewing. 

Fritzi Ernst: „Keine Termine“ (Bitte Freimachen Records/Membran) ist bereits erschienen. Im August wird sie in Dresden und Leipzig spielen. Termine und Tickets unter: www.buback.de