Das Gefühl, in einem schlechten Traum zu leben, dürfte zurzeit den meisten von uns bekannt vorkommen. Passenderweise geht es genau darum auf „Sad Cowboy“, der ersten Single vom zweiten Album der Londoner Band Goat Girl. Es ist ein federndes Stück aus verschwommenen Keyboardarpeggien, verhallenden Gitarren und der im Chor verwehenden Stimme von Sängerin und Gitarristin Lottie Cream. Der Ort, singt sie, ist immer noch derselbe, aber wir verlieren den Zugriff darauf. „Now What“ – Und nun? – hört man wie als fernen Nachgedanken in der letzten Sekunde der Abblende ihrer leisen Stimme.

„On All Fours“ heißt das dazugehörige Album, was man als Position der Erschöpfung interpretieren könnte. Das Cover zeigt eine verwimmelte Hölle als surreal bunte Comicszenerie. In den Titeln geht es um Angstgefühle („Anxiety Feels“), um posttraumatische Tees („PTS Teas“) und Risse („Crack“) in der Welt. Im säuselnd flirrenden Eröffnungssong „Pest from the West“ setzen sie die soziale und politische Ordnung mit einer eisigen Kaltfront gleich.

Indierock aus dem Süden Londons

Mit straffer Haltung, gelockert durch eine Portion Sarkasmus, hatte Goat Girl schon ihr Debüt vor zwei Jahren ausgestattet. In der Band spielen neben Cream, Ellie Rose Davies an der Gitarre, Rosy Bones und nach dem Abgang Naima Jellys derzeit Holly Hole am Bass. Sie lassen sich wie die scharf konturierten Postpunks Shame oder die Progrocker Black Midi dem widerborstigen jungen Indierock aus dem Süden Londons zuordnen. Die lokale Bindung ist wichtig. Das unterstrich eine Compilation, die sie zu Beginn des ersten Lockdowns mitinitiiert hatten, um den Brixtoner Club Windmill am Leben zu erhalten. Aber ganz pragmatisch steht in Brixton auch die Garage von Creams Eltern, wo die Band probt, und das Studio ihres Produzenten Dan Carey.

Vielleicht gab ihnen dieser familiäre Hintergrund die Sicherheit, diesmal stärker mit dem Sound zu experimentieren. Auf ihrem Debüt klangen sie noch recht drahtig von britischem Postpunk der Slits und The Fall sowie deren countryfizierten US-Genossen Gun Club inspiriert. Hier nun dehnen sie diese Grundlage überzeugend aus: Sie arbeiten mit Old-School-Drummachines, setzen Fakebläser ein und füllen die Räume mit ominösen Geräuschen und Synthmodulationen. Sie haben außerdem bei der Produktion die Instrumente getauscht, wodurch zudem der spröde Reiz dieses Albums entsteht – auf dem die Melodien schräger liegen, sich die Gitarrenharmonien trocken öffnen und die Basslines durch die Songs tänzeln.

„On All Fours“ wirkt auf überaus ansprechende Weise vernebelt, aber zugleich dicht und kompakt: Auf allen Vieren steht man eben auch auf wackligem Grund stabil.

Goat Girl: „On All Fours“ (Rough Trade Records) erscheint am 29. Januar.