Plötzlich geht das Licht an und Billie Eilish ruft die Security. „Etwas Wasser bitte!“ Offenbar ist vorne jemand ohnmächtig geworden oder kurz davor. Die Synapsen in den Fan-Hirnen werden sofort aktiv. Im Februar hatte Eilish in Atlanta aus dem gleichen Grund schon mal ein Konzert unterbrochen, dort brauchte eine Konzertgängerin ein Inhaliergerät. Kanye West hatte für die öffentliche Hilfsbereitschaft anschließend eine Entschuldigung von der Sängerin gefordert, weil er die Geste als Affront gegen seinen Kollegen Travis Scott wahrgenommen hatte, bei dessen Festival Wochen vorher eine Massenpanik ausgebrochen war und zehn Menschen zu Tode kamen. Beide Situationen miteinander in Verbindung zu bringen, war freilich absurd, doch auf Dramen dieser Art muss man wohl gefasst sein, wenn man in der gleichen Branche wie Kanye West arbeitet und zudem der aktuell größte Popstar der Welt ist.

Auf dem Gelände der Telekom in Bonn ging das Licht dann schnell wieder aus am Mittwochabend, alles gut, „wenn sich jemand schlecht fühlt, sagt Bescheid“. Zum Auftakt ihrer Konzerte in Europa war Billie Eilish zum Akustik-Konzert vor 2000 Zuschauern geladen, die Telekom streamte den knapp einstündigen Auftritt im Rahmen ihres Musikprogramms Electronic Beats live auf ihrer Plattform Magenta TV, was sicher viele Fans gefreut hat. Um aber (auch als Millennial) begreifen zu können, wieso Billie Eilish seit Jahren derart erfolgreich ist, quasi ohne zu polarisieren, dafür musste man an diesem Abend im Raum sein. Denn die Energie zwischen Publikum und Künstler kann kein Konzert-Stream wiedergeben, egal wie viele Kameras im Raum sind und wie sehr in der Pandemie versucht wurde, das Format salonfähiger zu machen.

Finneas will nichts anderes, als Billies Bruder sein

In ihrem typischen Oversize-Look saß die Sängerin auf einem Barhocker, den sie im Laufe des Abends auch nur kurz verließ, um ein paar Fans zu knuddeln und eine Ukraine-Flagge hochzuhalten. Daneben, wie immer, ihr Bruder Finneas, der in seiner Begleitung zwischen E-Piano und Gitarre wechselte. Es ist eine Geschwisterbeziehung, die jedem Einzelkind die Tränen in die Augen treiben kann: Finneas produziert die Songs seiner Schwester, seit sie 13 Jahre alt ist; die beiden schreiben auch die Texte zusammen. „Ein Song, den Finneas schreibt und schlecht findet, ist immer noch der beste, den ich je schreiben könnte“, behauptete Billie kürzlich in einem Interview mit David Letterman. Ihr Bruder wiederum amüsierte sich darüber, dass er mittlerweile immer öfter höre, er sei ja gar nicht „nur“ der Bruder von Billie Eilish. Dabei sei Billies Bruder zu sein alles, was er jemals sein wolle.

dpa/Marius Becker
Billie Eilish mit ihrem Bruder Finneas.

Die Karriere der beiden begann mit dem Song „Ocean Eyes“, den sie 2016 bei Soundcloud hochluden. Heute, sechs Jahre und sieben Grammys später, ist Billie 20 und Finneas 24. Ihr Sound hat sich weiterentwickelt, doch die Essenz, die hallige Erzählung von großer, aber vergänglicher Schwermut, ist noch dieselbe. Auch deshalb fiel die Performance von „Ocean Eyes“ gegen Ende des Konzerts nicht aus der Reihe, im Gegenteil. Die Kreischkulisse schwang sich noch mal auf, in den hinteren Rängen war die Sicht auf die Bühne durch eine Wand aus Handys verdeckt.

Billies Ex-Freund bestätigte Beziehungsende bei Instagram

Dass exzessiv gefilmt wurde, war bei diesem Auftritt Teil des Konzepts zur Promo von Magenta TV. Die ersten Reihen befüllten aber augenscheinlich „echte“ Fans, die mindestens so viele Tränen weinten, wie Influencer geladen waren, und auch den hauptberuflichen Selfiemachern dürfte es kaum möglich gewesen sein, sich dem Sog zu entziehen, den die Geschwister auf der Bühne erzeugten. Die produzierten Songs der beiden sind mitunter stark bearbeitet, zusammengeschnitten aus unzähligen Takes, durch Autotune und andere Effekte verfremdet. „Haben sie nicht nötig“, würden ältere Puristen nach dem Akustik-Konzert sagen, ignorant gegenüber der Tatsache, dass die Künstler es genau so wollen – und trotzdem Songs geschaffen haben, die auch fast ohne Schnickschnack funktionieren. Weil Billie Eilishs Stimme in ihrer Klarheit hypnotisch wirkt, weil man ihr alles Gesungene glaubt, genau wie ihre Freude, endlich wieder vor Publikum auftreten zu dürfen.

„Den hohen Ton in diesem Lied treffe ich leider schon seit vier Jahren nicht mehr“, kündigt sie vor „When the Party’s Over“ an und beweist es sogleich. „But nothing ever stops you ...“ – das „leaving“ bleibt im Halse stecken, und die Zuschauer lieben es.

Ansonsten verrutscht nur selten ein Ton; in „Male Fantasy“, zu dem Billie auch selbst Gitarre spielt, passiert es: „But I loved you then and I love you now/ And I don't know how/ Guess it's hard to know when nobody else comes around/ If I'm getting over you/ Or just pretending to“. Der Mini-Patzer bietet ebenfalls Raum für Spekulationen, hatte Billies Ex-Freund, der Schauspieler Matthew Vorce, doch am Abend vor dem Konzert die Trennung der beiden via Instagram mitgeteilt. Auch das muss der größte Popstar der Welt aushalten und als solcher kann man immerhin auf der Bühne antworten. Jedenfalls wählte Billie folgende Zeilen für den Abschluss ihres grandiosen Auftritts: „You ruined everything good/ Always said you were misunderstood/ Made all my moments your own/ Just fucking leave me alone“. Ob die Sängerin also momentan gemäß ihrem neuen Albumtitel wirklich „Happier Than Ever“ ist, wie sie in diesem Jahr öfter behauptete, sei dahingestellt. Ihr Publikum konnte es sein.

Billie Eilish spielt am 30. Juni in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin.