Berlin - Herbert Blomstedt ist mit 94 Jahren der älteste noch wirkende Dirigent von Bedeutung. Vor zehn Jahren etwa war er der vielleicht größte Bruckner-Dirigent seiner Zeit, der ein Monstrum wie die Fünfte Symphonie zu einem vielgestaltigen Kosmos unter einem riesigen Bogen zusammenzwingen konnte. Bei seinem Konzert mit den Berliner Philharmonikern am Freitag – dem ersten vor Publikum seit dem einen im April im Rahmen des Pilotprojekts – dirigierte er kompaktere Werke von Jean Sibelius und Johannes Brahms. Man meint zu spüren, dass Blomstedt, noch einmal gravierend älter, sich nun weniger für riesige Bögen interessiert und mehr für die Vielgestaltigkeit.

Sibelius’ Vierte Symphonie gilt als seine modernste. In ihr schießen die Impulse in verschiedenste Richtungen, ohne dass der Komponist sich um ihre Einbindung in ein Ganzes zu sorgen scheint. Das Finale besteht aus energischen Anläufen, die immer wieder ins Leere gehen, unvermutet kommt mit dem Glockenspiel ein schier grotesk possierlicher Klang in die Musik, dramatisch kollidieren die Stimmen – aber am Ende fliegt das Stück in alle Richtungen auseinander – und Blomstedt lässt es fliegen.

Brahms klingt bemerkenswert wuchtig

In vielem wirkt die Musik gar nicht mehr gestaltet, sondern im Wortsinne „gelassen“. Ausdruck wird solistischer Initiative überlassen, wie etwa Ludwig Quandt im Cello-Solo zu Beginn oder den von Wenzel Fuchs geblasenen Klarinetten-Stellen. Dabei gerät der Klang zuweilen aus der Proportion, mancher Blechbläser-Einsatz oder Paukenwirbel gar zu pathetisch – aber das ist nur die Konsequenz einer konsequent aus den formalen Klammern gelösten Interpretation des Moments.

Das funktioniert in Brahms’ Dritter Symphonie so nicht, sie ist strukturell zu dicht geschnürt. Auch hier hat man den Eindruck, dass vieles von Blomstedt nicht groß justiert wurde, dieser Brahms klingt bemerkenswert wuchtig und immer wieder auch nicht sonderlich differenziert – und dann bemerkt man Blomstedts Eingreifen vor allem an Zartheiten, die einem schier den Atem verschlagen: Wie scheint die Masse des anfänglichen Riesenklangs im Übergang zum Seitensatz brüchig zu werden und plötzlich in schönsten Farben zu leuchten! Wie beginnen Nebenstimmen im Bläsersatz des Andante zu sprechen! Und schier unvergesslich wiederum die klangliche Zurücknahme im Finale kurz vor dem abschließenden Bläserchoral: Der steht dann da, von den Wagner-artigen Streicherschleiern umgeben wie vom Licht eines Sonnenuntergangs, und wirft immer längere Schatten. „Ich bin verliebt in die Musik“, sagte Blomstedt im Interview mit den Philharmonikern – an Details wie diesen, aber auch dem Verzicht darauf, dem Werk einen eigenen Stempel aufzudrücken, es mit eigenem Willen zu überformen, kann man dieses Verliebtsein spüren.

Am Samstag, dem 12. Juni 2021, findet um 19 Uhr eine weitere Vorstellung statt, die zudem gestreamt werden kann. Weitere Infos unter: www.berliner-philharmoniker.de